Erschienen in:
Der Graue Fundus:
Band 1. Die letzten 100 Artikel
© 2011 kokhaviv publications
2010-05-19
Die Stadt gibt sich offiziell und kommerziell mit großer Klappe, dahinter steckt aber nicht viel.
Deutlich ist das offizielle Bestreben, die Geschichte Berlins vergessen zu machen, sie städtebaulich auszulöschen.
Es gibt Versuche, Preußen über Deutschland zu stellen, das Kaiserreich über seine Zukunft, den Osten über den Westen, das Modische über alles Beständige, nur klappt es damit nicht so richtig.
Ein paar Standbilder und die Herstellung einer Schloßruine machen es nicht.
Die sogenannte Topografie des Terrors ist - nach einem mißglückten Anlauf - mittlerweile fertig gestellt worden.
Die Darstellung der deutschen Geschichte hat eine Schieflage erlangt, an die man sich langsam oder auch schnell gewöhnt, weil das Leben ja weitergeht und die wesentlichen Dinge ohnehin dem Herrn der Geschichte, also Gott selber, überlassen sind.
Ein wenig Bleibendes muß noch dran sein, sonst wären diese Gedanken nicht möglich.
Den Ergänzungen möchte ich was anfügen, man denkt ja nicht immer an alles.
Da ist von der intakten Infrastruktur die Rede, das bedeutete im Alltag 1945...
Du kommst in eine fensterlose Stadtwohnung, drehst den Lichtschalter an, und die Lampe brennt, die Strom- und Gasversorgung ist gesichert, aus den Wasserhähnen kommt klares Wasser, im russischen Original: «Wasser aus Wand».
Die Kartenstellen - Ausgabestellen für Lebensmittelkarten - waren gleich wieder eingerichtet.
Infolge des Bombenkrieges wurden Wohnungen mit mehreren Mietern belegt, im Gegensatz zu heute gab es jedoch keine Obdachlosen.
Und - nebenbei - keine Analphabeten!
Strom, Gas, Lebensmittel waren knapp bemessen, alles rationiert, aber es hing nicht in der Luft, sondern war organisiert und funktionierte.
Die Kinos zeigten alte und neueste Filme, deutsche, russische, französische, englische, amerikanische.
Theater spielten, allabendlich überfüllte Konzertsäle... - reger Betrieb an den Universitäten... - hinzu kamen die Kultur-, Vortrags- und Diskussionsangebote in den neu eingerichteten Treffs der Alliierten, den Amerika-Häusern, dem British Centre am Nollendorfplatz, der Maison de France am Kurfürstendamm.
Die Radiosendungen waren unterhaltsam und informativ, davon kann man nur noch träumen, jede Nachricht brachte Neues, es gab nicht die im Fernsehen üblichen ständigen Wiederholungen, der Hörer wurde ernst genommen.
Die zahlreichen Zeitungen unterrichteten umfänglich und ausführlich, jede zeigte ihren eigenen kritischen Charakter; seither ist uns sehr viel verloren gegangen.
Damals schrieb ein Journalist selbst und nicht woanders ab, eine Gleichrichtung der Meinungen, wie wir sie erdulden müssen, wäre unmöglich gewesen, es gab noch keine «Journalistenschulen».
Die individuelle Eigenständigkeit war jeder sich schuldig...
Gegenwart, zurück:
Die Möchtegern-«Weltstadt» Berlin mit ihrem «modernsten Bahnhof der Welt», einem mißlungenen Hauptbahnhof, ist ein Witz, den Berlin nie verstehen wird.
Aber das reicht, glaube ich.
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