2009-02-16
Mit den Füßen, bei Fuß
In mancher Legende stehe ich fester als auf dem Boden, den ich vor und unter mir habe, wenn der nämlich wankt, während die Legende fest bleibt... - obwohl mir natürlich schon klar ist, daß Worte auch ihre Tücken haben können.
Ich öffne mir die Erzählung, schlüpfe in ihre Handlung, schon bin ich nicht mehr hier, sondern dort, irgendwo anders.
Ich erfand mir das «punktuelle Dasein», ging durch einen Punkt in der Wand, durch die winzige Scheibe eines Stromzählers hinter der Wohnungstür...
Die Filmtechnik ist auf einer Höhe, die ich mit meinen Worten niemals erreichen kann.
Ein Kibbuznachbar spielte uns seine Schmalfilme vor, ich ging ins Bild und spazierte durch Prag, landete auf dem jüdischen Friedhof, bei bemoosten Grabsteinen, an deren Verwitterung du ihr Alter erkennen kannst.
Das alte Rathaus mit der hebräischen Uhr, die kleine Altneuschul-Synagoge, von der ich bis heute nicht weiß, ob sie aus der Erde steigen oder in ihr versinken wollte.
Das Gestühl zum Anfassen.
Meine Beziehung zu den drei Religionen habe ich an ihren Gotteshäusern festgemacht.
Die gegen Rom auftretenden Kirchen gaben sich architektonisch schlichter, unauffällig, ihr Protestantismus zeigt sich in dieser Optik, aber wer in einer evangelischen Gegend aufwächst, sieht eigentlich nur noch diese langweiligen Formen.
Die römisch-katholische Kathedrale kehrt in jeder Pfarrkirche wieder, viel Bild, viel Prunk, Farbe und Gestalt.
Triumph in den Städten, Gemütlichkeit im Dorf.
Prag weckte den Juden in mir... Eine unverhoffte seelische Erinnerung erfuhr ich jedoch durch den - antisemitisch gedachten - Film «Jud Süß»... Veit Harlan führte mich auf seine Weise ins Judentum und zu den Zigoyim zurück...
Das ist pädagogische Dialektik.
In einer TV-Dokumentation erfahre ich, daß die Urfassung des Films abgeändert werden mußte: Goebbels forderte vom Regisseur Harlan ein alternatives Ende, wie wir es heute oft in DVD-Ausgaben angeboten finden, nur damals verschwand das ursprüngliche Stück irgendwo im Archiv.
Der Film endet mit der öffentlichen Hinrichtung des jüdischen Finanzministers Süß Oppenheimer. Der Mann wird unterm Galgen in einen mannsgerechten Käfig gesperrt, mit diesem hochgezogen, der Käfig kommt zurück, der Gehenkte bleibt oben.
Im Urfilm stößt der Delinquent einen fürchterlichen Fluch aus, von dem das Kinopublikum nie etwas erfahren hat.
In der Dokumentation werden beide Fassungen vorgeführt.
Es sind die Worte, die der Verurteilte spricht, die er über die Zuschauer und seine Nachwelt als das wahre Urteil verhängt.
Dieser ursprüngliche Fluch jagte dem NS-Propagandaminister Goebbels offenbar einen solchen Schrecken ein, daß er die Szene sofort ändern ließ.
Dieser Fluch war es denn auch, der mich davon überzeugte, daß Veit Harlan kein Antisemit, sondern ein vom Judentum Faszinierter, ein - sozusagen - verhinderter Jude war, dessen Wortmacht er filmisch so einsetzt, daß sie seinem Kulturminister Angst macht.
Meine «jüdische Selbsterweckung» wurde zunächst nicht durch Ferdinand Marians Oppenheimer, sondern durch Werner Krauss, der einen alten Rabh spielt, ausgelöst.
Der Film will auch demonstrieren, wie die Juden fremdartig und in großer Zahl ins Land strömen; man sieht einen Treck mit Pferden, Wagen, bunt gekleideten Frauen... Später wird gesagt, es seien Zigeuner gewesen, die eigens für die Filmaufnahmen aus einem KZ-Lager herangeschafft wurden.
In der zweiten, von Goebbels abgesegneten Fassung setzt der Verurteilte zu einem Fluch an, bejammert schreiend seine Unschuld und endet erbärmlich, wie das NS-Regime es sich halt wünschte.
Die Altneuschul in Prag lud mich ein, sie bat mich einzutreten und Platz zu nehmen, und ich war im selben Moment daheim angelangt, das war ein persönliches Erlebnis.
Im selben Moment war ich aus der besonderen Altneuschul-Heimat in die allgemeine, die allgültige Welt des Islam getreten, ich wollte doch wieder barfuß laufen lernen, das war damit wohl gemeint.
Noch einmal kommt Israel auf, wo ich im September 1988 - vor muslimischen Zeugen - zweimal die Shahadah spreche, auf dem höchsten Hügel Yaffos, unter freiem Himmel, gleich über der Ruine einer alten Moschee.
«There is no God but Allah and Mohammad is his Messenger», nein, ich sprach den arabischen Text nach: «la ilaha ila allah mohamed rassoulou allah»
لا اله الا الله محمد رسول الله
Ich vergesse nicht, was dem deutschen Volk angetan wurde... In den kommenden Jahren wird, wie ich glaube und hoffe, das würdige Beispiel Dresden in allen deutschen Städten seine Früchte tragen... In allen deutschen Städten, die zu Opfern des alliierten Bombenterrors wurden, werden die Menschen sich erinnern... Im erweckten Gedächtnis und im Herzen wieder die Millionen und Abermillionen aus ihrer Heimat Verjagten und Gemordeten, all die Vergessenen...
Diese Erinnerung ist die Wiederauferstehung.
Nicht der Papst, auch nicht Adolf Hitler, der sein Volk schließlich der Willkür der Sieger überließ; dessen Generäle den großen Verrat übten und ihre Landser nach Workuta auslieferten; dessen Parteibonzen im Osten Deutschlands das Volk zum Ausharren verurteilten und sich feige davonmachten...
Helfen wird uns, wenn wir das nur erst politisch, geschichtlich... in seiner ganzen philosophischen Tiefe verstanden haben, der Islam, der seinerseits dankbar die deutsche Bruderschaft aufnehmen wird.
الله أکبر