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rebird - Deutschlands Kurier

Beiträge zur demokratischen Eroberung

2009-02-21

Horst Lummert

Friedhöfe und Synagogen

Verfolger und Verfolgte an den Proleten vorbei

Die Geschichte der Synagogen und jüdischen Friedhöfe in Berlin steht auf einem besonderen Blatt.

«Politische Korrektheit» - das ist die einseitige Betrachtung - hat es mit sich gebracht, daß nicht nur die Kriegs-, sondern auch die Nachkriegsgeschichte mehr und mehr ins Hinken kommt.

Mancher Ungenauigkeit der Überlieferung wird erst gewahr, wer mit dem dringend notwendigen Argwohn an die Sache herangeht.

Bei der Überprüfung darfst du niemandem trauen.

Vorliegendes bleibt gern unbeachtet, wenn es nicht nahtlos ins zeitgeistige Weltverständnis paßt.

Ich rede nicht vom Geschichtsrevisionismus, sondern von sachhistorischen Erkenntnissen, die sich in die «offiziell anerkannte» Überlieferung arglos eingeschmuggelt haben.

Dazu will ich eine Geschichte erzählen.

Im Rahmen eines «Notstandsprogramms» machte ich Sträflingsarbeit, klopfte Steine am Postfenn, quer zur Heerstraße, ein Radweg sollte das werden, vielleicht ein Fußweg, er verband die Heerstraße mit der Havel, wir waren eine mittelgroße Kolonne, vielleicht zehn Leute, oder auch nur sechs.

Unsere Pausen verbrachten wir neben der Straße, an einem Hang, wir lagen auf der Wiese, starrten in den Himmel, hinter uns ein Zaun, hinter dem Zaun ein Friedhof, der jüdische Friedhof.

Das war für die Firma Gresitza, Wochen zuvor wühlten wir uns für Fa. Hein in Kompaniestärke durch die Havellandschaft an der Lieper Bucht, wo wir in zwei bis drei Meter tiefen Gräben schwere Kabel verlegten, der Vorarbeiter rief «Hoch den Kabel!», nicht «das», was ich natürlich sehr komisch fand, aber «Hoch den Kabel!» war arbeits- und sachgemäß, weil akustisch besser zu verstehen, was ich allerdings erst viel später kapierte.

Anfang oder Ende 1954, es war jedenfalls Winteranfang oder Winterausgang, eher würde ich sagen Februar, viel wichtiger war, daß ich für solche Arbeit zunächst nicht die passenden Klamotten hatte, wir wohnten am Riemenschneiderweg, unsere Tochter war gerade geboren oder unterwegs, unser Ältester drei, der Zweite ein Jahr alt, vielleicht anderthalb.

An der Lieper Bucht machten wir unsere Pausen, wenn das Wetter es zuließ, ebenfalls auf einer schrägen Wiese, eines Frühstücksmorgens stand am Waldrand ein Pferd, darauf Heinz Rühmann, der uns einen «Guten Morgen» wünschte, worüber ich mich wunderte, weil ich im stillen so etwas wie «Feuerzangenbowle»-Pfeiffers («drei Eff») «morjen» erwarten würde.

Zwei Unterschiede taten sich hier auf, der eine, daß der Mann privat sich anders benahm als in seinen Filmrollen, und der andere, daß der Mann auf dem Pferd saß und wir auf der Erde, so war das 1954 wie zehn und zwanzig Jahre zuvor.

Ich hätte mit dem Mann niemals tauschen wollen, jeder hat sein Leben zu leben, sein Schicksal zu bewältigen, das muß man verstehen.

Daran hatte auch der Krieg nichts geändert.

Im Winter 45 zu 46 veranstalteten die russischen Besatzer hinterm Schloß Niederschönhausen ein großes Feuerwerk; es gefiel ihnen in Niederschönhausen so gut, daß sie sich dort in großen Wohnsiedlungen niederließen und weiträumig einzäunten, Schrankensperre inclusive, doch das kam erst später.

Das Feuerwerk wurde für die deutsche Bevölkerung gezündet, ich sah es damals so, erinnerte mich aber vor allem an den Film «Sophienlund», der großenteils im und am Schönhausener Schloß gedreht worden war, ein leichter Unterhaltungsfilm. Regisseur: Heinz Rühmann. Erstaufführung: 1944. Der Krieg, bald vor der Haustür, hinterließ in dem Film keine Spur.

Meine spätere Frau hatte Rühmann bei seiner Regiearbeit als unfreundlichen Diktator erlebt, wie es der Zufall so wollte. Das war um 1941, demnach dauerte die Herstellung des Films ungefähr drei Jahre.

Da die deutschen Medien zu Kampagnen und Hexenjagden vor allem gegen ausländische Künstler in NS-deutschen Diensten - ich denke an Zarah Leander und Johannes Heesters - blasen, gibt es Vergleichbares nicht in bezug auf Heinz Rühmann, dessen Karriere und Ruf bis zuletzt keinerlei Bruch aufweisen.

Mit den jüdischen Friedhöfen in Berlin, besonders dem jüdischen Friedhof in der Heerstraße hat es eine besondere Bewandtnis.

Meine Frau brachte mich darauf.

Sie sagte nämlich, daß der jüdische Friedhof, auf dem inzwischen ein Bruder ihres Großvaters liegt und vor dessen Zaun ich meine Frühstückspausen beim Straßenbau genoß, in der Heerstraße erst etwa in den fünfziger Jahren - vielleicht nach dem Aufstand vom 17. Juni 1953 - angelegt wurde, weil von da an der Zugang zu den Ostberliner Begräbnisstätten behindert war.

Nun ist mir der «Friedhof Heerstraße» lange vorher ein Begriff gewesen, wie war das mit jenem zu vereinbaren?

Es gibt, wie ich herausfand, zwei Friedhöfe etwa gleichen Namens, den einen - jüdischen - in der Heerstraße am Scholzplatz und den anderen - nichtjüdischen - an der Heerstraßen-Siedlung, die zwar so heißt, aber mit der Heerstraße sonst in keinem Zusammenhang steht.

Das ist eine Künstlersiedlung, höre ich, und der Friedhof dort, der mit dem falschen Namen, manche sagen aber auch «Waldfriedhof», ist dann wohl so etwas wie ein Künstlerbestattungshain, eine gartenarchitektonisch ziemlich kostbare Sache, um die sich 1936 zur Olympiade sogar der Führer kümmerte, weil der Turm einer Kapelle von den Sportstätten des Reichssportfeldes aus - des heutigen Olympiastadions - zu sehen war, und darum von einem Top-Architekten behutsam umgebaut werden mußte, so wurden die Spiele nicht gestört.

Hitler bemängelte zudem, daß auf dem gemischt-religiösen Friedhof auch Juden lagen, das sollte sich ändern.

Mit Umbettungen gab sich das Regime mehr Mühe, als man heute glauben möchte, der nazistische Antisemitismus ging mit den Toten gesitteter um als mit den Lebenden. Dafür gibt es ein erstaunliches Beispiel. Vgl. Alois Kaulen / Joachim Pohl: Juden in Spandau vom Mittelalter bis 1945, © 1988, Bezirksamt Spandau von Berlin, Abteilung Volksbildung, und Edition Hentrich im Druckhaus Hentrich, Berlin. S. 125 ff.

Nach dem Kriege wurde manches wieder rückgängig gemacht, soweit das möglich war. In den fünfziger Jahren wurden - zeitgleich mit der Sprengung des Stadtschlosses im Ostsektor - die verbliebenen Brand- und Bombenruinen der Synagogen in Westberlin abgerissen und zermahlen, in der Heerstraße am Scholzplatz wurde ein neuer jüdischer Friedhof angelegt.

Die Fast-Namensgleichheit mit jenem anderen - nicht-jüdischen - Friedhof trug sicherlich dazu bei, die auch nach der NS-Zeit fortdauernde Trennnung der Gräber einfach zu übersehen. Alle lagen «Heerstraße», nur eben nicht auf demselben Friedhof.

Schließlich gibt es auch noch einen britischen Ehrenfriedhof gleicher Ortsbezeichnung: auf besatzungsrechtlich vereinnahmtem - ergo «britischem» - Boden.

Zu beobachten ist ein mehrmals wiederkehrendes Bestreben, die Geschichte umzuschreiben, sie in unerfreulichen oder unerwünschten Fakten nicht zur Kenntnis zu nehmen.

Nationalsozialismus, Sozialismus, DDR und Bundesrepublik... - sie haben, sobald sie die Macht dazu besaßen, nach politischem Geschmack und historischem Belieben umgemodelt, was ihnen nicht gefiel.

Der Eindruck, daß die Geschichte mit der Abfolge von Ereignissen sich selbst zu korrigieren sucht und daran immer wieder gehindert wird, soweit das möglich ist... - dieser Eindruck verstärkt sich fast von Tag zu Tag.

Johannes Heesters, der Jahrhundertstar, wird noch in seinem 106ten Lebensjahr drangsaliert, während der wirklich belastbare Helmut Schmidt, ein Jahrzehntepolitiker und freilich auch erstklassiger Schauspieler, vor Feiern und Gefeiertwerden zum 90sten nicht zu retten ist, obwohl der einstige - soviel ich weiß und wovon mit Fleiß immer wieder gern abgelenkt wird - NS-Führungsoffizier der Luftwaffe in Görings Ministerium, also so etwas wie ein Politkommissar, doch eigentlich als großer Täuscher und Angeber in die Geschichte der BRD eingehen müßte... War Schmidt denn jemals an der Front?

Das «Notstandsprogramm» - sage ich heute - war eine Strafmaßnahme zur Umerziehung streunender deutscher Kriegsverlierer, und das - soweit noch nicht eingeordnet - waren wir alle...

Das Land war - wie immer - in «großer Not», die Segnung der aktuellen ordnungspolitischen Strafmaßnahme «Hartz IV» kannten wir noch nicht, wir arbeiteten auch nicht für 1 Euro die Stunde, sondern für 68 oder 72 Pfennig, umgerechnet also 34 oder 36 Cent.

Die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln wendet sich im Innern - damals wie heute - gegens Subproletariat.

Der «Kampf gegen die Arbeitslosigkeit» ist ein Krieg gegen die Mittellosen, die Ausgebeuteten und Wählerischen unter den Armen.

Der herrschende Betrug und seine Lakaien haben nur diesen einen wahren Feind.

Das herrschende Pack feiert seine Triumphe über die hilflose, von ihren Führern und Organisationen im Stich gelassene Arbeiterklasse.

Es gibt keine Hoffnung?

Der vermeintliche Segen «West» war ein Fluch; ich gehörte zu denen, die «für den Westen» durchs Feuer gegangen wären.

Das Verbrechen, das ich konstituierter deutscher Proletarier begangen hatte, war nach der totalen Niederlage im Kriege nun die unverzeihliche Kühnheit, den «sozialistischen», also antideutschen «Osten» verlassen, gegen den «freien Westen» eingetauscht zu haben; die Rächer kannten weder Sektoren- noch Zonengrenzen, sie blieben mir überall auf den Fersen.

Die kleine Wiedervereinigung von 1989/90 entpuppte sich schließlich als die dritte politisch-historische Straftat.

Assimilation ist das Programm; wer sich nicht anähnelt, nicht anpaßt, stört die Friedhofsruhe und gilt am Ende als «Gesetzloser», «Pirat», «Terrorist» und «Paria»...

Der Außenseiter ist der Feind par excellence, das gilt innen- wie außenpolitisch.

Die Lage Deutschlands und der Deutschen wird als historisch prekär - ja geradezu subproletarisch - nicht durchschaut, weil das deutsche Volk in einer andauernden Behinderung lebt, die mittlerweile zur freiwilligen Selbstbehinderung - und Selbstverblendung! - geworden ist.

Es mutet absurd an, just von den angepaßten und rundum anpassungswilligen Deutschen als von historischen und politischen Außenseitern zu sprechen, obwohl sie dies - genau dies! - nach internationalem Recht sind.

Deutschland ist nun ein Teil des großen, vereinten, man kann auch sagen: grob zusammengenagelten Europa, als melkbare größte Wirtschaftsmacht eingestallt und gebunden wie Gulliver unter den Liliputanern.

Das nützliche, ungeliebte, gefesselte, blöde Rindvieh Europas...

Deutschland hatte nach der schweren - militärischen und psychologischen - Niederlage im Krieg taktische Gründe, aus seiner Geschichte aussteigen zu wollen, hinein in ein übernationales, europäisches Gesamt.

Inzwischen ist es genötigt und auch in der Lage, die als politische und geistige Zwangsordnung erkannte europäische Gemeinschaftlichkeit in eine freie Assoziation umzuwandeln oder den Abschied ins Auge zu fassen.

Andere Bündnisse - Bündnismodelle - bieten sich an und versprechen solidere - nämlich historisch gewachsene - Strukturen und Übereinstimmungen.

Ich denke an sprachliche Verwandtschaften, exspektative - auch «wahlverwandtschaftliche»! - Interessenkonvergenzen kultureller und nationalökonomischer Art.

Und ich denke an die - national unabhängige - so Gott will, nicht mehr utopische - subproletarische Vereinigung im Islam.

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