2008-08-23

Unger Varnsdorf

Von Unger zu Kunert...

Von der Westfälischen Wäsche zu Seidenstrümpfen und Fallschirmen - vom Wedding zur Wiebestraße

Eine lange Geschichte in relativ kurzer Zeit

Ergänzungen zu Horst Lummert

a) Krieg und Kriegsende, b) Grundsatzentscheidung West, c) Publizistik als Kritik und problematisches Element der Freiheit

a) Wenn ich genau überlege, hatte der Krieg gar kein Ende, ja, für mich begann er erst richtig, als alles vorbei war. Mit zunehmendem Alter geht natürlich das Privileg der Kindheit und früheren Jugend verloren. Es spielte aber auch eine wichtige Rolle, daß mit dem 8. Mai 1945 die Erwachsenen ihre alte Autorität verloren, es fehlte ihnen ganz plötzlich die Überzeugungskraft, auch weil sie nicht mehr handeln konnten, wie sie es gern wollten. So kamen wir Jugendlichen in den frühen Genuß des Erwachsenseins. Ich mußte Entscheidungen treffen und in Handeln umsetzen, wie es bisher nur den Erwachsenen zugekommen war. Ich holte mir das beschlagnahmte Fahrrad zurück, ging mit dem Berechtigungsschein am nächsten Tag wieder über die Grenze, kreuzte an den Baracken auf, die im Wald ein bißchen versteckt lagen, machte mich bemerkbar, zeigte meinen Schein vor und ging nun auf die Suche nach meinem Rad, mit dem verführerischen Gedanken, mir aus der Riesenanzahl von Fahrrädern ein schönes aufzusuchen, aber ich ließ diesen Teufel mich nicht reiten, sondern fand nach längerem Suchen tatsächlich mein Rad, das mir ausgehändigt wurde, so daß ich jetzt auch offiziell damit fahren konnte. Daß ich in Wahrheit gar nicht mehr dorthin gehörte, sondern längst in Deutschland lebte, durfte natürlich niemand wissen, erfuhr auch niemand, und wie durch einen unschuldigen Zufall, ich nenne es Gottes Fügung, brachte ich das Rad sogar über die Grenze.

b) Meine politischen Grenzüberschreitungen wurden mir mehr und mehr zu eigen, sie waren ein Teil von mir, entsprachen natürlich auch den neuen Gegebenheiten nach dem Kriege, zuerst im Sudetenland und dann im sektorierten Berlin. Es machte Spaß, die Welt sozusagen von draußen, jenseits der Grenzen zu betrachten, das Wagnis war es weniger als die Freude daran. Im nachhinein kommt mir manches auch gefährlich vor, aber das empfand ich damals nicht. Ich kam mit einer Mischung aus kleinen und großen Lügen aus den Fängen tschechischer Grenzbeamter, die mich mit aller Strenge regelmäßig in die falsche Richtung schickten, nicht einer von ihnen hat erkannt, daß ich aus Deutschland die Grenze regelmäßig überschritt, sie glaubten mir aufs Wort, daß ich von tschechischer Seite aus lediglich Brote über die Grenze gereicht hatte, weil ich als Berliner nicht wußte, wohin, da meine Eltern in Berlin ausgebombt und ich ohne Nachricht von ihnen war und darum noch in Warnsdorf verblieb bis zur Klärung der Lage. Ich kannte die Landschaft, kannte Berg und Tal, Bäume und Sträucher und Bäche besser als meine neuen Kontrolleure, so daß ich ihnen immer wieder entwischen und vor allem jede Geschichte glaubhaft erzählen konnte.

c) Vor dem Publizieren kommt das Schreiben, und das ist zunächst ein wesentliches Befreiungsmoment. Die andere Seite dieses Tuns lerne ich erst später kennen. Wichtig ist, glaube ich, das grundlegende Bewußtsein, daß man das alles nicht so ernst nehmen darf. Ich halte mein Schreiben geheim, kann aber im Laufe der Jahre nicht verhindern, daß das eine oder andere eben doch herauskommt. Ich lege Wert darauf, die Dinge herunter zu spielen, obwohl sie mir doch sehr ernst sind. Aber es spielt auch der Gedanke dabei mit, etwas über mich zu erfahren, auf Umwegen mir die eine oder andere Kritik ein zu handeln.

Ich verrate die Entstehungsgeschichte meines Namens, sie begann Scherer- Ecke Reinickendorfer Straße, an der Ecke gegenüber der Kneipe Scherer 12.

Ein Wäschegeschäft namens Unger, ganz einfach, ich rede nicht vom Holocaust, nicht von Mordverbrechen und Deportation, ich sage Unger, das war ein Wäschegeschäft direkt an der Ecke gegenüber.

Eines Tages hieß der Laden nicht mehr Unger, sondern Westfälische Wäsche.

In Warnsdorf hatte die Strumpffabrik Kunert eine hochmoderne Produktionsstätte errichtet, die der kleinen sudetendeutschen Kreisstadt an der Grenze zu Sachsen eine besondere Prägung gab.

Im Kriege wurden dort Fallschirme hergestellt, nach dem Krieg findet man Namen und Firma Kunert in Bayern wieder, wo jetzt wieder Damenstrümpfe entstehen.

Das deutsche Warnsdorf war inzwischen wieder zum tschechischen Varnsdorf geworden, aber so ist das nun mal nach einem verlorenen Krieg.

Warum aber mußte Friedchen Braasch diesen Krieg verlieren und mit ihrem Leben bezahlen?

Irgendwann wird die Erinnerung genauer, und manch spätes Erinnern ersetzt nur Versäumtes.

Du gehst vorüber, deine Aufmerksamkeit dahin...

Verknüpfe das eine mit dem anderen.

Der Kampf, dieser tägliche Widerstand gegen die künstliche Welt hat dein Leben aufgerieben, ist gescheitert, verloren und irgendwie verdammt, als sollte es nicht sein.

Der Mißerfolg eines langen Lebens zeigt sich in den kleinen Dingen, im scheinbar Nebensächlichen.

Kannst grußlos gehen.

Es war alles umsonst.

Die pessimistische Sicht ist die realistische, mit der es sich nicht leben läßt.

Die Illusion ist jener Seelenzug, den Gott uns eingab, dem einen mehr, dem andern weniger, damit wir uns seiner Schöpfung erfreuten.

Er schenkte uns die Torah zur Freude.

Gab und gibt uns Hoffnung von Mal zu Mal.

Er weiß die Unvollkommenheit seiner Schöpfung und hat uns aufgerufen.

Mal sehen, was daraus wird, das ist seine Offenheit.

Krieg oder nicht Krieg, das ist hier die Frage.

Er ist der Vater der Dinge.

Phantasie ist das Gottesgeschenk an den Menschen für unsere Unvollkommenheit.

Verzauberung die Erlösung.

Das Beste hoffen und aufs Schlimmste gefaßt sein, ein Motto aus frühester Jugend.

Eine Regel für Unfrieden und Krieg, was nicht das Selbe ist.

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