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kokhaviv publications

rebird - Deutschlands Kurier

Beiträge zur demokratischen Eroberung

2008-11-12

Horst Lummert

Gesuchte Freiheit, gefundene Zwangsarbeit, entdeckte Sklaverei

Eine erst spät erkannte Gottesstrafe

Zur Entlastung von Unger Varnsdorf

Das Wort, die Sache, die Freiheit, die ich meinte, stand an erster Stelle, von wo sie auch nie und nimmer mehr verschwunden ist.

In gewisser und im übrigen sehr deutlicher Weise hat sie sich aber auch als das heraus gestellt, was ich an dem Wertbegriff Frieden sehr schnell begriffen hatte.

Ich spreche vom Fetischcharakter, den das Emblem Frieden in der sogenannten Friedensbewegung angenommen hatte.

Nun bin ich im Gegensatz zu dem verstorbenen Rudolf Augstein und anderen Neutralliberalen und Neutralsozialen nicht der Meinung, daß mit dem endgültigen Weggang Adenauers aus der Politik in der Bundesrepublik Deutschland die Demokratie einzog, nein, im Gegenteil.

Auch teile ich keineswegs die Ansicht der sogenannten Achtundsechziger, daß sogar erst mit ihnen aus einer angeblich faschistoiden, revanchistischen und/oder postfaschistischen, lediglich nominell demokratischen BRD endlich ein demokratischer Staat geworden sei.

Ich bin da aus meiner - zeitgenössischen - Erfahrung ganz anderer Meinung.

Mein Urteil lautet: Die Bundesrepublik Deutschland war unter und mit Konrad Adenauer eine beispielhafte westliche Demokratie, ein respektabler Rechtsstaat.

Danach ging es bergab mit ihr, und die Versuche Helmut Kohls, die Dinge wieder einigermaßen ins Lot zu bringen, scheiterten und mußten scheitern.

Im übrigen ging es mit der inneren Freiheit eben bergab seit dem sukzessiven Rückzug der Westalliierten aus dem gesellschaftspolitischen Innenraum der Bundesrepublik Deutschland.

Mit zunehmender Binnensouveränität der deutschen Politik schwand die grundgesetzlich garantierte Freiheit der Deutschen.

Dies nehme ich nur vorweg, um die Grundsituation zu beschreiben, die ich im Westen vorfand, als ich gerade aus dem Osten hier angekommen war.

Vielleicht war es noch ein bißchen anders, nämlich eher so, wie ich es mir ausgemalt hatte.

In Berlin konnte ich mich frei von Ost nach West und wieder zurück bewegen.

Ich wechselte im Jahre 1952 nur die Sektoren, die Bezirke, die Straßen, blieb schließlich in der selben Stadt, die mir weder hüben noch drüben fremd war.

Warum erhielt ich mir aber nicht den Osten und nahm trotzdem und nebenbei den Westen für mich in Anspruch?

Ich war ideologisch vorgeprägt, es war mir damals nicht bewußt, so daß ich zwar den Osten als ideologisch in die Irre geführt und in die Irre führend erlebte, aber den Westen sozusagen als die reine und einfache Wahrheit.

Und dafür wurde ich schließlich in den darauf folgenden Jahren bestraft.

Die Strafe war eine Gottesstrafe, unvermutet und vor allem unvermerkt.

Ich war nicht bereit, meine Entscheidung für den Westen einer gründlichen Kritik zu unterziehen, o bewahre, daran war nicht zu denken.

Erst der alte Mann, der mit der Zeit daraus hervorging, begann spät sich die ersten Fragen zu stellen.

Es fällt mir schwer, Klartext zu reden, wo ich schwere Erniedrigungen und pure Unverschämtheiten ertragen mußte.

Das Schlimmste an allem ist aber, daß ich es damals überhaupt nicht so empfand; ich erlebte mich als eine Art Glückspilz, der dem totalitären Regime im Osten gerade mal so entronnen war.

Ich genoß den Westen wie ein Idiot, der gar nicht merkte, daß er die soziale Demütigung gewählt hatte, als er sich für die Freiheit entschied.

Ich triefte vor Dankbarkeit dafür, daß ich in Westberlin für ein paar Groschen die schwerste und dreckigste Arbeit machen mußte.

Daß ich sechs Wochen in einem fensterlosen Hochbunker in der Fichtestraße hausen durfte.

Nach neun Jahren bekamen wir - eine fünfköpfige Familie - die erste reguläre Mietwohnung.

Meine Dankbarkeit kannte keine Grenzen.

Wenn ich dabei an meine Frau denke, die solche Gedanken gar nicht mag, steigt mir die Scham in den Kopf.

Daß es möglich war, daß sie es wagten, uns so was an zu tun.

Und sie werden es wieder tun...

Und auch ich würde wieder tun, was ich tat und getan habe.

Ich habe erkannt, daß in allem eine Fügung war und wirkte, als ob Gott grad auch jene leitete, die ihn weder kannten, noch an ihn glaubten; nur, weil es ihm so gefiel und notwendig erschien.

In allem lag ein entsetzlicher Selbstbetrug, der Realist in mir war sich nicht genug, er wählte den Phantasten als sein alter ego, die Legende war stärker als die Realität aus Geschichte und Biografie.

Ich war ein Träumer, der seinen Großen Traum für höheres Bewußtsein hielt, und das Leben hat ihm schließlich Recht gegeben.

Diese Paradoxie war das Elixier meines Lebens, das habe ich selbst erst einmal verstehen müssen.

Ich erfand mir eine Große neben der kleinen Vernunft, und nur so war das Leben zu ertragen, es mußte in allem Unsinn ein Sinn sein, den zu entdecken mir aufgetragen war.

Damit entdeckte ich mein philosophisches Naturell.

In aller Bescheidenheit.

Um so schlimmer für die Umstände, da sie meinen bescheidenen Unbescheidenheiten und Höhenflügen nicht folgen oder einfach nur nicht entsprechen wollten.

Darin war der permanente Konflikt angelegt, und das war eben mein Leben.

Ich war durchaus in der Lage, das Irreale an und in meiner Realität zu erkennen, aber das war eben nur ein kleines Erkennen und Verstehen, keine unmittelbare Erkenntnis.

Der Erkenntniswert lag darin, daß ich offenbar einem höheren Gesetz, einem höheren Willen zu gehorchen hatte.

Die Erkenntnis Gottes und seiner Einflußnahme oder Einvernahme, wenn nicht Bestimmung meiner Vereinzelung zur Individuation ist erst eine spätere Erklärung und Begründung.

Schicksal, Fügung, Bestimmung... - das ist individuell besondere Freiheit und als allgemein erkannte Unfreiheit zugleich.

Gott gibt sich denen zu erkennen, die sonst alles auf nichts setzen müßten.

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