2008-02-21
Ludwigshafen oder Was wir nicht wissen
Anfangs hieß es, ein Haus sei abgebrannt, Bewohner seien Türken, dann wurden Zahlen genannt, neun Tote, darunter vier oder fünf Kinder, vier oder fünf Frauen. Keine Männer.
Auch im ausgebrannten Haus in Solingen starben nur Frauen und Kinder, keine Männer.
Die Frauen konnten sich aus ihren Räumen nicht retten, die waren verschlossen.
Die Solinger Brandruine wurde eilig - noch während der Gerichtsverhandlung gegen die Tatverdächtigen - abgerissen.
Ludwigshafen ergibt nach und nach das folgende Bild:
Das Haus ist in türkischem Besitz, die Bewohner sind miteinander verwandt, tragen jedenfalls alle den selben Familiennamen.
Seit Jahren sind im Keller die Stromkabel defekt, die schon öfters brannten, außerdem wurde die Leitung illegal angezapft.
Alle wußten es, auch die zwei Hausbesitzer, aber es wurde nicht repariert.
Als die Feuerwehr kam, war vom alten hölzernen Treppenhaus nur noch ein Haufen Asche übrig.
Wie lange braucht ein hölzernes Treppenhaus, um zu veraschen?
Ein acht- oder neunjähriges Mädchen sah im Erdgeschoß einen Mann zündeln, einen mit Sommersprossen, sie wußte später aber nicht, was Sommersprossen sind.
Ihr Opa sagt, das Kind merkte den Brandgeruch, er lief in den Keller, zu dem er den Schlüssel hat, sah eine brennende Wand und eine brennende Tür, wahrscheinlich aus Holz.
Die Feuerwehr kam nach zwanzig Minuten, oder nach drei Minuten, eine zittrige Filmszene zeigt dicken Rauch aus mehreren Fenstern, das sieht ziemlich hoffnungslos aus.
Die anderen Bilddokumente «wissen» davon offenbar nichts.
Bei ruhiger Betrachtung sieht alles nach einem grob fahrlässig verursachten Kabelbrand aus, Stromdiebstahl eingeschlossen.
Schon im ersten Augenblick kam jedoch die Nachricht auf, die sofort auch um die Welt ging: deutsche Nazis hätten den Brand gelegt.
Die Medien überschlugen sich, diesmal wurde auch schnell bekannt, daß die türkische Presse auf ihrer deutschfeindlichen Welle nicht nachlassen wollte, auch als die Brandursachenfindung bereits sich versachlichte.
Es sah nach gutem Timing aus, als pünktlich zum Brand der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan in Deutschland landete und wie der Chef einer fünften oder sechsten Besatzungsmacht auftrat.
Seine Kölner Rede brachte 20.000 Zuhörer zusammen, die allerdings aus ganz Europa herangekarrt worden waren.
Die deutschen Türken scheinen von dem Besuch aus Ankara gar nicht so sehr begeistert gewesen zu sein.
Das obligate Fahnenmeer demonstrierte einen aggressiven türkischen Nationalismus auf deutschem Boden, wo der deutsche Nationalismus etwa mit seinen traditionellen Fahnen politisch und strafrechtlich verfolgt wird.
Erdoğan sprach natürlich auch für die Öffentlichkeit in der Türkei.
Erdoğan warb um die Aufnahme in die EU, wobei die in Deutschland lebenden Türken eine politische Lobby bilden sollten, um das Bestreben Ankaras hierzulande zu unterstützen.
Dazu braucht es natürlich eine sowohl türkisch als auch deutsch gebildete Schicht, zu welchem Zweck er die Einrichtung türkischer Gymnasien und Universitäten in Deutschland vorschlug.
Das ist kein Grund zur Beunruhigung, sondern ein sehr vernünftiger Gedanke.
Die Türken in Deutschland sollten sich geflissentlich integrieren, doch nicht assimilieren - denn Assimilation sei ein «Verbrechen gegen die Menschlichkeit».
Das hört sich grob an, hat aber vermutlich mehrere Adressaten.
Wahr ist wohl, daß die allgemeine deutsche Auffassung von Integration einer Assimilation letzten Ende gleich kommt.
Die «Multi-recte-Mono-Kulturalisten» betrachten ihr Integrationsmodell als gescheitert, weil die Einwanderer aus dem Orient nicht geworden sind und nicht werden wollen, wie die Deutschen eben sind.
In Wahrheit gelingt das Zusammenleben täglich neu, wird - da selbstverständlich - gar nicht mehr wahrgenommen, was natürlich nur wissen kann, wer in einem Integrationsviertel, oder wie soll man es nennen, wohnt.
Politik und Medien halten diese längst gelöste Frage offen, wie sie auch die Frage der Wiedervereinigung offen halten, an der nur das eine nicht gelingen kann, weil es nicht gelingen soll, nämlich die gleiche Bezahlung gleicher Arbeit in Ost und West.
Als ob selbe Politik und Medien weder das eine noch das andere wollen, weder die Wiedervereinigung noch die gesellschaftliche Harmonie mit den Eingewanderten aus der Türkei und anderswo her.
Doch Erdoğans strenger Verweis hat vermutlich noch etwas anderes im Sinn.
Der Vorwurf, sich allzu sehr zu assimilieren, sich der westlichen, in diesem Fall deutschen Gesellschaft möglichst nahtlos anzupassen, trifft die Aleviten.
Kemal Pascha Atatürk - zu seiner Zeit - instrumentalisierte nämlich die Aleviten in seinem Kampf gegen das Osmanische Reich - sprich: gegen den Islam.
Das brennende Haus von Ludwigshafen könnte als eine verdeckte Warnung gedeutet werden, die mit den deutschen Nazis weniger zu tun hat als mit den Ungläubigen aus Kemalisten und ihren alevitischen Gehilfen; unter falscher Flagge, versteht sich.
Der Taktiker Erdoğan spielt demnach sein Spiel - mit Europa, um Europa, um die Europäisierung und Globalisierung der Türkei, und betreibt - via Türkisierung! - in der Kehre die Islamisierung Deutschlands und Europas.
Erdoğan, der Dichter, nahm es vorweg: «Die Moscheen sind unsere Kasernen, die Minarette unsere Bajonette, die Kuppeln unsere Helme und die Gläubigen unsere Soldaten.»
Ich glaube nicht, daß der politische Pragmatiker Erdoğan dem dichtenden Strategen Erdoğan untreu geworden ist.
In der Tat ist jetzt über Prioritäten nachzudenken.
Immerhin wird mehr und mehr begriffen, daß die Bundesrepublik Deutschland kein souveräner Staat ist.