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2008-12-13

Felix Pech

Faschismus in der Tür

Vielleicht sollte man von dem Begriff abkommen und sich mehr seinen Inhalten zuwenden.

Was ist denn gemeint?

Über die Köpfe der Menschen hinweg, autoritäre Beschlüsse, Demokratie des Scheins, Verachtung der Basis, Offenheit für korruptive Einflußnahmen...

Partiell finden wir Faschistisches, ohne von einem generellen Faschismus sprechen zu können, so trägt der «Krieg gegen den Terror» faschistische und totalitäre Züge.

Andererseits läuft unter dem Verfolgungs-Emblem «Terrorismus» einiges ab, was als «Befreiungskampf» einen halbwegs guten Namen hat.

Partieller Faschismus ist der Alltag jeder «funktionierenden Demokratie».

Allerdings war auch der nominelle Faschismus als repressives Instrumentarium nur partiell, nicht an jedem Ort, nicht zu jeder Stunde, nur bei besonderen akuten Gelegenheiten tätig bzw. in Funktion oder Aktion.

Imgrunde kommt und kam es immer auf die Namensgebung an, aufs Etikett, auf modische «Akzeptanz».

Sobald das Faszinosum verschwindet, weil seine Quelle aus der Mode gekommen ist, erhält der Spuk einen anderen Namen, heißt der Faschismus nicht mehr Faschismus, sondern etwa «war on terror», «innere Sicherheit», «Aufforderung zur Integration» oder - was keiner ausspricht - «Nötigung zur Assimilation»...

Imgrunde ist der Faschismus niemals nur «in der Tür», er ist Teil unseres täglichen Lebens, wir nennen ihn nur nicht so, sondern halt irgendwie anders.

Schließlich ist «Faschismus» ein Schimpfwort, ein Kampfbegriff, völlig unabhängig von einer inhaltlichen Berechtigung.

In der NS-Zeit waren «Kommunismus» und «Bolschewismus» adäquate Schimpfbegriffe.

Gemeint ist in jedem Fall das selbe, nämlich die wechselseitige Beschuldigung größter und niederster Unmenschlichkeiten.

Die völlige oder partielle Aufhebung des Rechtsstaates und damit seiner Sicherheiten ist gemeint mit dem, was wir - partiellen oder halt totalen - «Faschismus» heißen.

Nicht einmal die euphemistische Verhüllung des Zustands unterscheidet den einen vom andern.

An den Methoden (!) sind sie zu erkennen, und wenn nach ihnen (!) nicht mehr genau identifiziert werden kann, wer nun gerade sein Unwesen treibt, ob Faschisten oder Antifaschisten, dann haben wir genau das vor uns, was in aller Seelenruhe «der tägliche Faschismus» genannt werden kann, wobei ich diesen Begriff eigentlich nur wähle, weil ihn jeder kennt und versteht, denn ebenso gut könnte ich vom «täglichen Antifaschismus» reden.

Nun kommt es zu einer scheinbaren Abweichung vom Kurs:

Was wir mentalen, methodischen, kollektiven - unfreiwillig-freiwilligen, autochthonen, genetischen... - Faschismus nennen können, findet sich en masse in den Leser-Kommentaren bei den renommiertesten Zeitungen Deutschlands Online - etwa zum Thema Islam.

Die Verabsolutierung des Gegners zum Feind, zum Bösen schlechthin, bedient sich gern eliminierender Sprache, und das ist letztlich immer gemeint.

Auch die von mir favorisierte «Djihadisierung» oder «Talibanisierung», meinethalben «Heiligung» der Auseinandersetzungen kann dem hier Kritisierten zugleich ein Nährboden sein.

Das ursprüngliche Faszinosum wird als ein Mysterium aufgefaßt, der zunächst unbefangene, unschuldige Faschismus ist ein mystisches Rätsel, eine unerklärbare Lösung und Auflösung aller Fragen.

Die Sphinx hinterm Vorhang der Geschichte.

Das wesentlich Unberechenbare wird zum gefährlichen Glücksspiel in Politik und Gesellschaft.

Zum besseren Verständnis, zur Erklärung des Phänomens taugen die Interpretations- und Definitionsversuche offensichtlich mehr als der Begriff.

In einem Zeitalter der generellen - gemeinen - Entheiligung der Dinge ist die Sehnsucht nach Mythos und Heilsgeschichte geradezu vernünftig, der Griff ins Irrationale - unter welchem Namen auch immer - ein rationaler Akt.

Wie sprechen von Weltanschauungs- oder Religionskriegen, wo die Urgewalten, wo Götter und Götzen, Erkenntnis und Mißverständnis aufeinander losgehen.

Wissenschaft und Ideologien kommen sich in ihrer Ununterscheidbarkeit immer näher.

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