2007-02-01
Hilferufe aus Israel
Olmert, Diner, Avnery, Hagalil...
Deutschland, Deutschland über alles...
Deutschland müsse endlich eine, wenn nicht überhaupt die Führungsrolle übernehmen.
Deutschland müsse Israel unterstützen, ihm helfen, sich mit ihm identifizieren...
Die Website Hagalil ist ein einziger Aufschrei, wenn man sie nur richtig liest.
Es ist lange her, es war im Sommer 1966, da spazierte ich mit Michael Handel durch Jerusalem, und er sagte mir schon damals, daß Deutschland verpflichtet sei, Israel im Kriegsfall beizustehen.
Damals war noch nicht so deutlich zu erkennen, daß der Mann, seinerzeit Student der Hebrew University, allerdings auch schon Mitarbeiter am Tel Aviver Institute for Strategic Research, eine für die ferne Zukunft gültige Aussage machte.*
Ob nun Ministerpräsident Ehud Olmert oder Historiker wie Dan Diner, der israelische Militärwissenschaftler Martin van Creveld, der Publizist und Friedenskämpfer Uri Avnery... sich zur Situation ihres Staates grundsätzlich äußern, der eine mehr, der andere weniger, es ist, wenn wir von Avnery mal absehen, in bezug auf Deutschland stets mit historischen Ermahnungen verbunden, die von Deutschen gemeinhin als versteckte Drohungen verstanden werden.
Man kann es sich hierzulande kaum anders vorstellen, als daß ein starkes, selbstbewußtes Israel an Deutschland nur stark und selbstbewußt - und zwar ultimativ - seine Forderungen richtet...
Nicht, daß sich in den scheinbar harten Worten ein stilles Flehen und verzweifeltes Bitten verbirgt.
Im Falle Avnerys verhält es sich nicht grundsätzlich, aber in der Sache anders.
Er warnt vor Israels rechtsradikalen Transferisten, predigt den Frieden mit den Palästinensern, vertritt das Zwei-Staaten-Konzept, schreckt vor einem Vergleich Israels mit dem ehemaligen Südafrika zurück, läßt aber durchblicken, daß er das von den «Islamisten» vertretene Modell eines gemeinsamen Staates ehrlich fürchtet.
Der Zionismus fleht um internationales Verständnis und sieht gerade bei seinen entschiedensten Vertretern Deutschland als den Retter aus der gegenwärtigen und absehbaren Misere.
Die Misere hat zwei, eigentlich drei Seiten, die von der Gegenwart ausgehen, in die Vergangenheit reichen und die Zukunft bestimmen werden.
Da ist 1) der sogenannte demographische Faktor, die Furcht vor der palästinensischen Überzahl; dann 2) die Erinnerung an den Holocaust, an dessen Begriff man inzwischen gemerkt hat, daß er die Werte verkehrt; schließlich 3) die begründete Angst vor dem «Islamismus», der den Holocaust in Frage stellt, sich in diesem Punkt mit dem deutschen und internationalen Revisionismus verbündet...
Die islamischen Vorstellungen sind auf ein Khalifat gerichtet, d.h. auf einen islamischen Vielvölkerstaat, in dem auch Juden und Christen leben können.
In Deutschland wird das oft nicht richtig verstanden.
Die offizielle Politik tritt als geradezu israelhörig auf, vertritt nicht entschieden deutsche Interessen und noch weniger den offensichtlichen politischen Willen des deutschen Volkes.
Die jüdische Deutschland-Politik hat es nicht vermocht, die Deutschen als Freunde zu gewinnen.
Sie hat im Gegenteil bis heute immer wieder betont, daß es normale Beziehungen nicht geben könne, daß es also immer bei dem deutsch-israelischen Sonderverhältnis bleiben werde.
Ich glaube nicht, daß diese Entschiedenheit psychologisch ratsam war, sie wird in Deutschland als permanente Anfeindung empfunden...
So verhält sich nicht jemand, der letztlich auf deutsche Hilfe und fundamentale Unterstützung angewiesen ist.
Nun mag man schon mal seine Stärken und Möglichkeiten überschätzen, im Fall Deutschlands scheint mir aber eher die Unterwürfigkeit der Deutschen überbewertet bzw. völlig falsch eingeschätzt worden zu sein.
Ihre mitunter sklavische, jedenfalls peinliche Haltung gegenüber jüdischen Institutionen und Ansprechpartnern hat auch etwas Bedrohliches, das nur seine Zeit abwartet.
Das psychologische Fehlverhalten ist auf beiden Seiten.
Der deutsche Canossa-Philosemitismus ist geheuchelt und zudem erfolglos...
Die viel ehrlichere Abwehr der ständigen Vorhaltungen läßt sich allerdings auch nur als Ausdruck der Schwäche interpretieren...
Aus einer Position der Stärke die Schwächen der Israelis zu nutzen, wäre eine Empfehlung an die deutsche Politik.
Das beginnt mit einer schnellen Bereinigung der Gesetzeslage in bezug auf die deutsche Vergangenheit: Der Maulkorb muß weg.
Eine Position der Stärke bedeutet: Wir können es uns leisten, unsere innenpolitischen Gegner und Feinde zu Wort kommen zu lassen, weil wir uns unserer Sache sicher sind.
Wir sind ein freies Land, in dem jeder sagen und schreiben kann, was er als richtig erachtet; wo die Grundrechte Wort für Wort gelten und nicht «per Gesetz» unterlaufen werden dürfen.
Wenn Israel klug ist, wird es froh sein, einen starken, stolzen und ehrlichen Freund zu gewinnen, auf den in Notzeiten Verlaß ist.
Deutschlands Interessen liegen traditionell in guten Beziehungen zu den islamischen Staaten.
Die Geschichte nach dem Zweiten Weltkrieg hat es mit sich gebracht, daß neben anderen Ländern Europas auch Deutschland sich zunehmend islamisiert.
Das damit verbundene natürliche Konfliktpotential ist eine «streitkulturelle» Herausforderung an die demokratische Gesellschaft, die sich in diesen Fragen - an Ort und Stelle - täglich mehr als die offizielle Politik bewährt.
Es wäre zu wünschen und auch mit Nachdruck zu fordern, daß Israel die inneren und äußeren deutsch-islamischen Interessen respektiert, sie politisch zu nutzen weiß, aber nicht aggressiv konterkariert.
Die deutsche Israel-Lobby - ich denke an Die Achse des Guten, Freunde der Offenen Gesellschaft, Politically Incorrect - sollte ihren Horizont etwas erweitern, die politischen Realitäten und Notwendigkeiten zur Kenntnis nehmen und ihre neo-rechten Positionen überprüfen...
Sie wäre gut beraten, die euro-islamisch-subproletarische Revolte in unseren Städten besser zu verstehen und gerechter zu beurteilen!
Ich träume von einer - in Frankreich traditionellen - jüdisch-muslimischen Eintracht angesichts wachsender Feindschaft gegen beide Bruderreligionen.