2006-05-06

Horst Lummert

Ein neues Verständnis

Europa gerät unauffällig an den Rand, die Europäische Union bleibt als Freihandelszone mit eigener Währung sicherlich vorerst unangetastet, die neue Rolle Deutschlands im gemeinsamen Spiel mit Rußland erhöht den Reiz, auch etwas aufs Spiel zu setzen, was so alt noch nicht ist.

Es ist die Frage, ob Rußland über Deutschland das ganze Europa im Visier hat, oder ob es sich mit Deutschland als dem Kern Europas begnügt.

Wer Deutschland hat, hat das übrige Europa ohnehin, er muß sich nicht zusätzlich bemühen.

Die strategische Partnerschaft zwischen Rußland und Deutschland hat auf dem Wege der Energie-Verknüpfung eine enorme machtpolitische, und das heißt: weltpolitische Bedeutung.

Die energie-strategische Anbindung an China muß sich in den wachsamen Augen der USA als eine gewaltige Herausforderung darstellen.

Merkels Bestreben, nach dem Coup von Tomsk das Trans-Atlantische Bündnis wieder oder weiter zu stärken, erinnert ein wenig an das bekannte Pfeifen im Walde.

Es ist in der Tat die Frage, ob Deutschland sich nicht ein wenig übernimmt, obwohl es zur Zeit auf vielen Gebieten tatsächlich gefragt ist.

Mit mehreren Bällen zu spielen, hat gewiß seinen historischen Reiz, könnte aber auch schnell die deutschen Kräfte über fordern.

Geopolitisch liegt die eurasische Karte bereits auf dem Tisch.

Dagegen stößt eine stärkere Rolle Deutschlands im Atlantischen Bündnis von vorn herein auf schwer überwindbare Hindernisse.

Vielleicht hat Deutschland auf lange Sicht zum eurasischen Bündnis gar keine Alternative.

Mittelfristig mag ein differenziertes außenpolitisches Geschick vor all zu harten Konsequenzen bewahren.

Eines Tages wird Angela Merkel sich doch noch zur Eisernen Kanzlerin der Deutschen mausern müssen; das Zeug dazu hat sie wohl schon.

Mal sehen, was daran dann neu sein wird, und was nur eine simple Wiederholung der Geschichte.

Ich möchte mir den Glauben nicht nehmen lassen, daß eine Politik an den Interessen kleinerer und schwächerer Nachbarstaaten vorbei letztlich nur bittere Früchte tragen kann.

Jeder Kleine hat irgend wo auch einen Großen Bruder.

Wer zuletzt übrig bleibt, ist die Frage der Fragen.

Die Deutschen haben bisher bei keiner Gelegenheit das Talent bewiesen, zuletzt zu lachen, während die anderen nur noch weinten.

Wenn Deutschland wieder einmal triumphiert, bereitet es gewöhnlich seinen nächsten Untergang vor.

Gott und seine irdischen Gehilfen müßten denn noch etwas in der Hinterhand haben.

Die Deutschen beherrschen allerdings die Kunst, aus totalen Niederlagen sich den Sieg im Frieden immer wieder neu zu erfinden.

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