2006-03-20
Den Ursprung nicht versäumen
Auf ihn zurück zu kommen, sich seiner zu erinnern, seiner zu gedenken...
Wissen, was es sei, der Ursprung, dieser Ursprung.
Dorf oder Stadt, Mutterleib oder der Schoß Abrahams, des alten Vaters.
Der Augenblick der Zeugung, der Zusammenkunft.
Die allem zugrunde liegende Idee, Beschluß Gottes.
Was Mutter oder was Vater erzählte, die mündliche und die schriftliche Überlieferung.
Ich kann alles zusammen zählen, über einander rechnen.
Suche ich meinen Ursprung hinter den Dingen, die mich umfingen, werde ich nichts finden, dem ich entsprungen wäre.
Ich entspringe einer Gefangenschaft...
Er ist mir entsprungen, ich paßte gerade nicht auf, und plötzlich war er weg, nicht mehr da, ich habe ihn nicht wieder gesehen.
Der Ursprung ist eine unheilvolle Verflechtung, eine Geschichte, die niemand gern weiter erzählt, wenn er darein verwickelt war.
Was ich nie wahr haben wollte, die deutsche Geschichte, von der alle ausgenommen bleiben, die sie nicht erlebten, weil sie erst später hinzu kamen.
Die Kindeskinder aber und deren Kindeskinder... tragen sie weiter, Geschichte dieser Art ist eine Last - nachgeredet und aufgeschwatzt.
Von vielen Opfern war die Rede, vom Opfergang, dem Ruinengang, vom Gang durch die Ruinen der Dresdner Altstadt...
Von brennenden Leichenbergen in den Nächten zerbombter Städte...
Ich kann nicht offen darüber sprechen, weil ein deutscher Opfergang nur Propaganda sein kann, einsamer ist Geschichte nicht zu erleben.
Ich oder du - du wärest Opfer eines Höllenfeuers...
Sowas sagt man nicht, das ist nicht in Ordnung, nicht korrekt, politisch und sittlich.
Ja, ich bin ein elender Sklave im Moment der Erkenntnis, daß ich meine Geschichte nicht erzählen darf.
Andere finden kein Ende, ich darf nicht einmal anfangen, die ersten Worte würden mich verraten.
Ich habe mir nichts vor zu werfen, ich kam zur unrechten Zeit ins Land meiner Träume und Albträume, so war es nun mal.
Ich habe mich nicht dankbar gezeigt, bin untreu geworden - denen ich alles verdankte.
Sie hatten mich aus der Enge gehoben, ja, gehoben, nicht gerissen, sondern gehoben.
Gott war dabei, er muß dabei gewesen sein, wenn das mein Ursprung war, habe ich vor dieser Zeit nichts mehr zu suchen.
Immer das selbe: daß die richtige Sache in die falschen Hände gerät, so geschah es den Deutschen mit ihrer Geschichte.
Sie hätten beim Kaiser bleiben sollen, nicht ihre Kriege verlieren dürfen, denn das ist die größte Strafe für ein Volk.
Deutschland war nicht am Ende, seine Armeen standen fest an ihren Fronten, die Waffenproduktion - vom Modernsten, Allerfeinsten, so daß Deutschlands Feinde später ihre Weltmacht damit begründeten - nahm beständig zu, stieg in den letzten Kriegsjahren unglaublich an.
Ich glaube nicht mehr an die deutsche Niederlage in Ermangelung von Waffen, Munition, Fahrzeugen, Panzern, Kampfflugzeugen, nicht an das Fehlen von Treibstoff für alles, was fuhr, schwamm und flog, ich glaube nicht an die militärische Niederlage der Deutschen in Stalingrad.
Es waren die Russen, die ihre - nicht die deutsche - Unfähigkeit und Mangelhaftigkeit im Angesicht der modernsten, best ausgerüsteten und ausgebildeten Armee der Welt, nämlich der Deutschen Wehrmacht, beklagten.
Deutschland ging an seinem inneren Verrat, an der geistigen Desertion seiner ostpreußischen und übrigen adligen Heerführer zugrunde.
Ihre Ländereien im Osten gingen gerade verloren.
Das historisch nachgeschobene Modell für den Verrat waren die Befreiungskriege gegen Napoleon, die preußen-russische Waffenbrüderschaft.
In Stalingrad konspirierten die deutschen Generäle mit den militär-politischen Führern der Roten Armee gegen die deutschen Soldaten, die nach Workuta und Sibirien verschleppt wurden, wo sie als Arbeitssklaven verkamen und verreckten.
Die Generäle des Verrats liefen zu Stalin über, ließen ihre Krieger zu Hunderttausenden im Stich.
Der innere Verrat zerriß die Befehlsstrukturen, das Nachschubnetz, so daß nagelneue Panzer und welterste Düsenjäger - allesamt Spitzenklasse! - ohne Sprit stehen blieben und anderswo der Sprit auf seine Verwendung wartete.
Das Land erholt sich von den ärgsten Schlägen, aber das Volk bleibt in seiner Seele gebunden, unerbittlich in der Erinnerung an die Demütigungen, ans Unverzeihliche.
Wenn die Geister des Untergangs die Gestalt von Engeln annehmen, bist du in schlechter Gesellschaft oder einfach nur am Ende deiner Hoffnungen.
Das Spiel um den tiefsten Punkt, an dem es endet oder nur wieder aufwärts gehen und besser werden kann, ist keine bodenlose Geschichte, es ist das Leben, es ist die Wahrheit.
Die Wahrheit des Todes sagt, jetzt ist Schluß, hier geht es nicht weiter.
Das Leben findet einen Ausweg aus jeder verzweifelten Situation.
Das sterbende Deutschland ist zur Selbstrettung nicht fähig, die Deutschen haben Menschen aus aller Herren Ländern zu sich geladen, weil sie allein es nicht mehr schaffen, ohne Hilfe verloren sind.
Sie brauchen Freunde und Verbündete, die das deutsche Leiden verstehen, die bereit sind, einen Streit an zu zetteln, zu dem die Deutschen noch nicht wieder fähig.
Du kannst nicht sagen, Deutschland erwache, es reicht, von der allgemeinen Müdigkeit und Apathie zu sprechen, sie nebenbei zu erwähnen.
Die leeren Seelen sollen wissen, sie sind nicht vergessen.
Was soll denn geschehen?
In Deutschland sind Menschen aus Rußland, aus Israel und der Türkei angekommen, Araber, Vietnamesen, Portugiesen und Polen sind hier heimisch geworden, Albaner, Rumänen, Afrikaner.
Wenn sie bleiben, werden sie eines Tages sich der Aufgabe zu widmen haben: wie bringen wir die deutsche Geschichte ins Lot, wie werden wir dem Geiste unseres Vorvolks gerecht.
Denn wenn die neuen Deutschen der - nun für sie geltenden! - politischen Geologie gehorchen, werden sie bald vor den alten Problemen stehen.
Pisa-Rang und Verratsniederlage im Krieg haben die gleichen Wurzeln.
Ein Volk mag stark sein, wenn es nicht an sich glaubt, weil es nur wenig von sich und seinen Besonderheiten weiß, wird es zuletzt nur noch am Boden kriechen und in der Erde verschwinden.
Tapferkeit ist das Produkt aus Intelligenz und Leidenschaft, sprich: Temperament.
Ohne die Phantasie der Intelligenz braucht ein Volk den großen Retter.
Wer sich nicht retten kann, will gerettet werden.
Pisa-Schande und Unfruchtbarkeit sind das Syndrom der kollektiven Entmündigung, die immer zwei Seiten hat.
Nicht jeder ist versklavbar.
Unterwerfung ist auch eine Neigung, Unterwürfigkeit ein genetischer Wunsch.
Der Unterschied zwischen Franzosen und Deutschen offenbart sich auf den Straßen.
In Deutschland laufen die Arbeiter für ihre Gewerkschaft ver.di Reklame, während in Frankreich die Gewerkschaften die jungen Arbeiter und Studenten in deren spontanem Kampf unterstützen.
In Deutschland gehen Intelligenz und Wut getrennte Wege.
Um sie zusammen zu führen, braucht es den starken Mann.
Ergo: besser auf Revolution in Deutschland verzichten.
Die zweiten Montagsdemonstrationen - gegen Hartz IV - wurden gehorsam weg gesteckt, als Frau Lengsfeld meinte, daß der Anlaß Wiedervereinigung nicht mit der organisierten Arbeitslosigkeit vermischt werden dürfe.
Der nationale Aufstand zur kleinen Wiedervereinigung war aber die erste Etappe, der die zweite Etappe - die Rebellion gegen einen skandalösen sozialen Raubbau - auf dem Fuße folgen mußte.
Das hätten die Studenten an den deutschen Universitäten bundesweit aufnehmen und artikulieren müssen, aber die hatten sich bereits an den Gedanken einer Neuen Mitte gewöhnt und bereiteten ihren reaktionären Krieg gegen die Alten und Unteren vor.
Der Irrglaube des deutschen Geistes brachte seine Epigonen abermals in die Bredouille, denn der soziale Sensenmann macht auch vor den akademischen Berufen nicht halt.
Frankreich erlebt die proletarisch-universitäre Solidarität gleich in den Anfängen.
Vive la différence?
Solidarität hebt nicht die Klassengegensätze auf, sondern kommt aus dem Bewußtsein konkreter - mindest partieller - Übereinstimmung von Interessen in der voraus schauenden Erkenntnis globaler Entwicklungen.
Dieses Bewußtsein ist den Deutschen offensichtlich fremd.
Das unterscheidet die Nationen.
Eine traurige Wahrheit.