2006-03-14
Das Ganze im Auge behalten
Vor dem ungelösten Jahrtausendrätsel...
Das ganze Deutschland - oder Europa, die Welt, das Universum?
Es wird schwer sein, an eines zu denken und alles andere außer acht zu lassen.
Deutschland, zum Beispiel, macht den Eindruck, als könne man es endgültig vergessen.
Als souveräne Faktoren spielen Staat und Volk keine Rolle mehr.
Gut, daß alles den Bach runter ging, wer macht sich da noch Hoffnungen, ja, was für Hoffnungen denn, mit welchen Idealen als Ziel?
Den sogenannten Fortschritt überlasse man den von der Geschichte - scheinbar - vernachlässigten Ländern...
Das Ärgste, nun ja, an Deutschland sind die Deutschen, die Eingeborenen, deren Familienstränge durch die Nazizeit reichen.
Wer mit den zwölf Jahren NS-Zeit so oder so verbunden ist, kann sich jede Zukunft abschminken.
Deutschlands Nachkriegserfolg und große Hoffnung - die damals noch Bonner Republik - ist zum Berliner Plusterfaktor der Selbsttäuschung verkommen.
Daran sind natürlich die Deutschen schuld... - nicht die Kriegsgeneration, denn die baute nach 1945 das Land wieder auf.
Die Tüchtigen und Standhaften stehen Kriege und Friedenszeiten durch, während die friedlichen Schlafmützen «zu nischt zu jebrauchen» sind.
Die Erziehung zur Friedfertigkeit machte die Menschen kuschlig und zahm.
Tolle Entwicklung, allemal zu begrüßen, ein echter Schritt nach vorn...
Gegen Krieg und Todesstrafe, gegen Gewalt und Unterdrückung, gegen nationale Überheblichkeit, überhaupt gegen Nation und alles Nationale...
Auch ich glaubte, was in den deutschen Zeitungen stand, daß die Überwindung des souveränen Nationalstaats der neue Trend des Weltgeistes sei.
Die Deutschen glaubten, den anderen Ländern und Völkern wieder voran gehen zu können, diesmal nicht kriegerisch, diesmal genügsam, selbstlos...
Die Deutschen pochten nicht mehr auf ihre Rechte, sondern auf die Rechte - oder vermeintlichen Rechte - der anderen, jener vornehmlich, die als Gerufene gerade ins Land kamen, weil hier die Arbeitskräfte auszugehen drohten.
Die Wirtschaft hatte gegenüber der Politik die Priorität gewonnen.
Wir vernahmen es als neue Frohbotschaft, die schließlich dahin geführt hat, wo wir heute sind, in die sogenannte Globalisierung - mit ihren bekannten Überraschungen.
Daß Deutschland «Das Land der unbegrenzten Zumutbarkeiten» sei, hatte Ulrich Sonnemann an seinem Buchtitel schon vor rund vierzig Jahren festgemacht.
Er wird jetzt von der deutschen Geschichte überholt.
Unsere Zumutungen kannte er nicht und meinte er nicht, ihre Unbegrenztheiten hätte er sich kaum ausmalen können...
Nun haben wir, ans Ganze denkend, alles außerhalb Deutschlands so gut wie vergessen.
Doch das Beispiel Deutschland ist von allgemeinerer Bedeutung.
Deutschland ist - exemplarischer als gemeinhin angenommen - ein historischer Schlüssel...
Unter übler Nachrede hatten viele Völker zu leiden.
Üble Nachrede der penetranten Art kennen wir gegen Juden, Zigeuner und - in jüngerer Zeit - gegen Deutsche.
Hinter jedem Gerücht wartet ein rationaler Befund, Ressentiments haben ihre Geschichte - nicht nur als Krankheitsgeschichte dessen, der sie hegt.
Kritik an Juden, Zigeunern und Deutschen ist begründbar.
Es liegt in der Natur jeder Sache, daß ihre Oberfläche etwas verhüllt, nämlich den inneren Kern.
Das kann man nun so oder so bewerten.
Der Haß auf die Juden - das Volk des Buches - kann auf geistige Privilegien, intellektuellen Neid ebenso zurückgeführt werden wie auf profan geschichtliche Begleitumstände.
Das gilt auch für das Volk der Zigeuner, die auf jahrtausendealte Erfahrungen, Begabungen und Weisheiten zurückgreifen können, von denen die seßhaften Europäer nicht zu träumen wagen.
Zigeuner leben in erweiterten Familien, Stämmen, als Nomaden den Seßhaften von vornherein unheimlich...
Wenn das durchziehende Volk auch noch die Wäsche von der Leine zog, war der Besitzer mit seiner Geduld am Ende.
Die Deutschen erscheinen nicht weniger ambivalent.
Sie leiten sich einerseits von Wandervölkern her, verstehen sich andererseits als seßhaft in krassem Gegensatz zu Zigeunern und Juden.
Wie diese zeigen sie in ihrer Geschichte ein eigentümliches Genie, das die Welt um große klassische Musik und die deutsche Philosophie bereichert hat.
Sie waren tüchtig und erfolgreich, wurden beneidet und bekämpft, und sie rächten sich grausam - nicht zuletzt auch an den Zigeunern und vor allem an den Juden.
Das historische Phänomen des Holocausts am jüdischen Volk erregt mit zunehmendem Zeitabstand mehr und mehr die Gemüter und Geister.
Der Völkermord ist nicht nur ein historisch genugsam bekannter Vorgang, sondern als singulär der in die aktuelle Politik wie zeitlos einwirkende Lehr- und Zuchtstab.
Von den drei genannten Völkern ist das deutsche also das widersprüchlichste in seiner exemplarischen Beispiellosigkeit.
Dafür gibt es weitere Gründe.
Ich verstehe nicht, daß der Mord an den Juden als Holocaust in die Geschichte eingehen soll.
Mit dem als Holocaust definierten Völkermord erleben wir die Veredelung eines Jahrtausendverbrechens zur heiligen Opferhandlung.
So wird aus den Deutschen ein Volk von Opferpriestern, denn sie haben den Holocaust zelebriert.
Indem sie aber dieses Opfer darbringen, werden sie entsühnt.
Die Deutschen haben ihr insgeheim Liebstes - die Juden - in einem Holocaust geopfert.
Das soll die metageschichtliche Wahrheit sein?
Wenn aber nein, warum: Holocaust?
Juden und Deutsche bestehen darauf.
Erleben wir die - offenbare oder verborgene - Heiligung und Selbstheiligung der Deutschen?
Eine Blasphemie sondergleichen?
Oder das noch aufzulösende Jahrtausendrätsel?