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Die Freiheit ist unsere Sicherheit

2006-03-04

Sam Wonder

Wie es weiter gehen soll

Klassenkampf oder Kontemplation?

Fragen stellen sich, wollen beantwortet werden, und es sind doch nur unbewußte Ausflüchte, wo der Horizont noch nicht richtig zu sehen ist.

Politische Fragen gehen den Ereignissen voraus, oder sie folgen ihnen auf dem Fuß, weil eine Interpretation fällig wird.

Wir wollen verstehen, was vor sich geht.

Es wird schwerer, sich mit dem Staat zu identifizieren, selbst das ist ein Euphemismus.

Immerhin war die Bundesrepublik Deutschland mein politisches und existentielles Ziel, solange wir im Osten lebten.

Manchmal habe ich mich seitdem gefragt, was ich denn gewann mit dem Schritt nach dem Westen.

Die Freiheit, die ich meinte, erreichte ich in einem ideellen und sehr abstrakten Sinne.

Praktisch tauschte ich meine relativen Ost-Freiheiten gegen zum Teil absolute Unfreiheiten im Westen ein.

Überall sind Tabus zu beachten, so war es drüben, so ist es hier, und so war es auch zu Trennungszeiten bei uns im Westen, man mußte nur mit der falschen Weltanschauung irgendwo auftauchen.

Solange ich mit der Bundesrepublik politisch zufrieden war, hatte ich natürlich keine Probleme damit.

Ich habe auch nie meine Schwierigkeiten etwa im beruflichen Bereich dem System zugeschoben, ich bin und war immer der Ansicht, für meine Sorgen selbst verantwortlich zu sein.

Abhängigkeiten von Staat und Gesetz gab ich nicht gern zu, weil sie mich als Unterworfenen, mindest Untergebenen kennzeichneten.

In einem Volkseigenen Betrieb hatte ich keine Entscheidungsbefugnisse gegen die Betriebsführung und die übergeordnete staatliche Gewalt.

Die hatte und habe ich im Kapitalismus ebenso wenig, und die kapitalistischen Freiheiten, die eine Zeitlang auch für uns Untertanen abfielen, schwimmen längst irgendwo in den Abwässerkanälen ihrem Ende zu.

Ohne Abstriche gilt, daß meine Freiheiten am Arbeitsplatz Ost und meine Unfreiheiten an Arbeitsplätzen West die politischen Himmelsrichtungen buchstäblich umkehrten.

Die Klassengesellschaft hatte ich nicht zu entdecken, ihre Erkenntnis war mir früh genug in Fleisch und Blut übergegangen, beim Seitenwechsel spielte dieses Bewußtsein allerdings eine geringere Rolle.

Also wußte ich, daß Freiheit nicht nur subjektiv - wahrscheinlich auch genetisch - bedingt ist, sondern vor allem ihre Relationen und Relativitäten aus den - in Deutschland meist nur latenten - Klassenkonflikten bezog.

Die sozialistischen Versuche, diesem geschichtlichen Elend gegenzusteuern, sind allesamt gescheitert.

Ich sehe heute den subjektiven Faktor in seiner gesellschaftlichen Breite als das eigentliche Problem.

Wer den Arbeitern und ihrem mangelhaften gesellschaftlichen Bewußtsein die Ursache für das Scheitern, die historische Schuld an der ganzen Misere zuschreibt, trifft jedesmal auf meinen entschiedenen Widerspruch.

Im stillen weiß ich sehr wohl, daß alle politische Mühe vergebens ist, weil und solange das entrechtete arbeitende Volk nicht aus eigener Kraft sich erhebt - und zwar mit Herz und Verstand (nicht mit verhaltener Wut und Trillerpfeife).

Der von oben nach unten durchorganisierte Sozialismus ähnelt dem genau so organisierten Faschismus aufs Haar, weil beide ihre Massen erst zusammen trommeln und auf Vordermann bringen müssen.

Darum ist Resignation die angebrachte Geistes- und Seelenhaltung in Sachen Klassenkampf.

Die religiös motivierten Völker müßten den westlichen Arbeitern Vorbilder sein, doch eher lassen die sich gegen jene aufhetzen.

Was also tun? Nichts tun, Gottes Fügungen abwarten?

In der Tat.

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