2006-10-19
Bassam Tibi
Er will nicht länger der «Syrer mit deutschem Paß» sein, drum geht er in die Vereinigten Staaten.
Ich beneide den Mann nicht, obwohl ich Eingeborener mich mit seiner - deutschen - Karriere glücklich schätzen könnte.
Mein individueller Vorteil: Ich bin mit mir identisch.
Die Deutschen von heute, ein «miesepetriges» Volk, haben ihn sichtlich enttäuscht.
Seine schönste akademische Zeit verlebte er nicht in Göttingen, nicht an deren im Vergleich zu früher zweitrangiger Universität, sondern in Harvard.
Den bösesten Tort tat ihm Innnenminister Schäuble an, als er Tibi bei den Einladungen zur berühmten Islam-Konferenz überging.
Ich glaube, Tibi kompensiert etwas, wenn er nun seinen ganzen Zorn an den Deutschen ausläßt.
Er weist auf die jüdischen Universitätslehrer vor Hitler, deren «Ausmerzung» das Volk der Dichter und Denker quasi zu einem Pisa-Völkchen gemacht hat.
Darauf hätte er natürlich in 44 Jahren Hierseins längst kommen können, und ich glaube auch nicht, daß er vor den allemal enttäuschenden Deutschen davon läuft, sondern vor dem täglich sicherer auftretenden Islam, den er, dessen syrische Familie sich bis auf den Propheten zurück führt, im Extrembereich mit einem eigenen Begriff - «Islamismus» - belegt hat.
Auch besteht er auf der begrifflichen Einführung eines «Euro-Islam», neben einer europäischen «Leitkultur» - alles seine Wortschöpfungen.
Er widerspricht implizit der von mir vorgeschlagenen - älteren - Euro-Islamischen Strategie.
Daß Bassam Tibi Identitätsprobleme hat, ist hier nach unausweichlich.
Seine Enttäuschung darüber, daß er die Idee des «Euro-Islam» in Deutschland nicht zur Blüte bringen konnte, ist einerseits verständlich, zum andern jedoch überraschend.
Sein «aufgeklärter», vom Gesetz der Shariah (hebr. Shaar Yah = Tor zum Gericht Gottes) weg interpretierter «Euro-Islam» wäre - als «Reformwerk» - allenfalls für seine arabische Heimat, also die Welt des Islam selbst - wenn auch rein theoretisch und nur mit dem kreuzzüglerischen Impetus - ausdenkbar.
Was «aufgeklärt» und «reformiert» werden soll, muß erst einmal da sein, und in Zeiten des Kampfes - eines Verteidigungskrieges gegen den anti-islamischen Kreuzzug des US-evangelikalen Fundamentalismus - ist ein Freund nicht bemüht, dem angegriffenen Islam die Waffe aus der Hand zu schlagen, wenn er, dieser Freund, nicht in Verdacht geraten will, ein Freund des Feindes, mithin ein Verräter zu sein.
Insofern ist Tibi wohl tatsächlich in den USA besser aufgehoben als in dem weniger aggressiv anti-islamischen Europa, gar Deutschland.
In Deutschland herrscht ein innerer Gegensatz zwischen der - wechselnden Weltmächten hörigen - Bundesregierung und dem eher kopflosen, sich allerdings nicht offen bekennenden Volk.
Interessant bei Tibi ist seine Warnung vor den Gefahren des «Islamismus» - während er an den massenmörderischen Aggressionen der USA und Israels, zunehmend auch der NATO, vorbei sieht.
Ein Stück Aufklärung ist es, daß Bassam Tibi und zum Beispiel auch Peter Scholl-Latour, die beide als Islam-Experten aufgetreten sind, heute sich mehr oder weniger grob dem «anti-terroristischen» Konsens angeschlossen haben.
Scholl-Latour durfte über Jahre hinweg als Kenner und Freund der islamischen Welt, wenn nicht heimlicher Muslim gelten; jüngst hat er sich in einer Talkshow für den Schutz von Christen und Christentum stark gemacht.
Wichtig erscheint mir im aktuellen Zusammenhang etwas anderes:
Grass hat in letzter Zeit nicht nur die Leiden der Deutschen, der Flüchtlinge und Vertriebenen, er hat auch den Islam entdeckt und ist aus diesen Gründen, erinnere ich mich, als «Antisemit» beschimpft worden...
Wenn nach 40 Jahren des Schaffens an einem modernen Islam, an Konzepten der Integration und an einem zivilgesellschaftlichen Konsens meine Bücher als «semi-wissenschaftlich» tituliert werden, wenn der Bundestagspräsident die Leitkulturdebatte - ohne meinen Namen als Schöpfer des Begriffs zu nennen - neu beleben will, die Kanzlerin mich von ihrem Integrationsgipfel ausschließt und der Innenminister einen verhunzten deutschen Islam dem europäischen Islam vorzieht, dann frage ich mich, was ich hier noch soll.
In Harvard wirkte ich parallel zu Göttingen. Hier habe ich die besten Jahre meines akademischen Lebens (1982-2000) verbracht; keine deutsche Universität hat mir Ähnliches geboten. In eine deutsche Professorenschaft kommt man als Ausländer kaum je hinein.
Bassam Tibi, Warum ich gehe
Ein Mann vom Range Bassam Tibis - ein Nachkomme des Propheten Mohammed - hat Probleme mit seiner Identität?
Hat er es nötig, von Deutschland eine besondere - deutsche - Identität einzufordern?
Weiß er denn nicht, wer er ist?
Wie auch andere «Ausländer», Zuwanderer «mit deutschem Paß», also Deutsche (oder deutsche Staatsbürger) «mit Migrationshintergrund»... beklagt Bassam Tibi die Fremdheit, die ihm in Deutschland entgegen schlage.
Mit welchen Fremd-Vorbehalten kommen aber die Immigranten nach Deutschland?
Und legen sie sie jemals ab?
Jahrzehnte lang - Deutschland galt als Land der Deppen, wo man gut Geld verdiente, vom Staat jeden Wunsch erfüllt bekam und den einheimischen Deutschen ideologisch und praktisch vorgezogen wurde - wollte kein Einwanderer Deutscher sein.
Wer Amerikaner, Engländer oder Franzose werden will, hat sich vorab mit der Geschichte des jeweiligen Landes zu identifizieren, daraus folgt die gefragte «Identität».
In Deutschland ist das nicht so einfach.
Zwar haben auch die anderen Länder ihre «Vergangenheiten», aber keine Vergangenheit wiegt so schwer wie die deutsche.
Vor allem werfen sich die Amerikaner, die Franzosen und Briten und Belgier und Holländer und Spanier und Portugiesen... nicht ständig selbst ihre historischen Verbrechen vor, wie die Deutschen es mit den ihren tun.
Es ist BRD-nationaler und internationaler Konsens, daß das deutsche Volk sich mit den Verbrechen der Nazis zu identifizieren habe.
Wie groß ist nun die Bereitschaft der Immigranten, die Licht- und Schattenreiche der deutschen Geschichte sich zu eigen zu machen?
Ein Einwanderer, der sich über die Ureinwohner erhebt, ihnen kulturgeschichtliche Lehren erteilt, unentwegt ihre Geschichte vor hält, um daraus für sich moralische Vorteile zu ziehen, ist nicht als Freund gekommen, sondern als Fremder und Besserwisser.
Er muß lernen, daß das politisch-gesellschaftliche Establishment, mit dem er gewiß überein stimmt, sich vom Volke abgesetzt hat.
Unter dem Druck der sozio-ökonomischen Umstände beginnt dieser Staat neuerdings, auch von denen «mit Migrationshintergrund» mehr zu fordern, als er weiterhin zu geben gedenkt.
Selbst Leute, die früher nie Deutsche werden wollten, reißen sich inzwischen nach der attraktiven EU-bundesrepublikanischen Staatsbürgerschaft, deren Erlangen allerdings zunehmend mit härteren, oft demütigenden Bedingungen verknüpft ist.
So entsteht eine gewisse Ausweglosigkeit, von der Privilegierte wie Bassam Tibi freilich nicht betroffen sind.
Die um sich greifende mentale Radikalisierung hat noch nicht dazu geführt, daß Migranten sich etwa den neuen Nationalsozialisten anschließen möchten; eine parallele - affirmative - Entwicklung sollte man schon immer mal vorweg nehmen.
Neudeutsche Rechtsextremisten - aus russischen, türkischen, arabischen... Familien: in Deutschland geboren - sind im säkularen Sektor genauso denkbar wie altdeutsche Djihadisten im religiösen, islamischen Raum.
Davor nach Amerika zu fliehen, ist wie der Sprung vom Regen in die Traufe.