2006-04-09

Lukas Storch

Neue Verrücktheiten

Versuche, aus zu brechen

Die Fußball-Weltmeisterschaft ist so verrückt und unnötig, wie etwas nur sein kann, wenn das Geschäft, das dabei winkt, beiseite gelassen wird.

Aber nun kommt die große Politik dazwischen, und auf einmal ist Fußball nicht nur interessant, sondern als Anlaß für Reaktionen und Initiativen viel versprechend.

Die iranische Mannschaft kommt nach Deutschland, und mit ihr hat sich Irans Präsident Ahmadinedjad angemeldet, der seine Spieler begleiten will.

Nun hat sich Ahmadinedjad auf skandalöse Weise zu Israel und dem Holocaust geäußert, noch in diesem Jahr will er nach Teheran eine Holocaust-Konferenz einberufen.

Das ist natürlich als Provokation aufgefaßt worden, wird andererseits aber auch als eine Möglichkeit verstanden, die als Dogma erlebte Holocaust-Lehre sozusagen aus der Welt des Glaubens in die Welt des Wissens und der historischen Wissenschaft zu heben.

Außerdem möchte der Iraner die Deutschen strenger bestrafen, sie sollen ggf. einen Teil ihres Landes für einen jüdischen Staat auf deutschem Boden abgeben.

Für Angela Merkel «inakzeptabel».

Von jüdischer Seite ist dagegen aus guten und aus weniger guten Gründen angegangen worden, in Deutschland und anderen europäischen Ländern wird die Leugnung oder Verharmlosung des Holocaust strafrechtlich verfolgt.

Nun will Ahmadinedjad nach Deutschland kommen, wo er - so die Auffassung des Zentralrats der Juden in Deutschland - nach deutschem Gesetz wegen Volksverhetzung strafrechtlich verfolgt werden müßte.

Der bayerische Ministerpräsident Stoiber erklärte den iranischen Präsidenten zur unerwünschten Person, während Bundesinnenminister Schäuble ihn quasi einlädt, indem er nämlich sagt, der Mann könne wie jeder andere Staatspräsident nach Deutschland zur WM 2006 kommen, was hinwiederum jüdischen Protest hervor gerufen hat.

Die Drohungen gegen den Iran werden - wie die gegen die palästinensische Hamas-Regierung - fast täglich schärfer.

Den Iranern wird sogar schon ein Atomschlag an die Wand gemalt, während dem palästinensischen Volk die lebensnotwendigen Finanzmittel vorenthalten werden.

Das sind alles sehr unschöne, wenn nicht menschen- und friedensfeindliche Gefährdungen des Mittleren und Nahen Ostens, Europas und der übrigen Welt.

Der iranische Präsident, der seinen WM-Besuch vielleicht nur erwogen hatte, kann jetzt nicht mehr zurück, wenn er nicht sein Gesicht verlieren will, die Drohungen zwingen ihn gewissermaßen zu einem Auftritt in Berlin.

Bundeskanzlerin Merkel ist gefragt, die ihre Haltung pro Israel contra Iran von Anfang an deutlich gemacht hat.

Ahmadinedjad kommt gleichsam nach Israel, wenn er das heutige Deutschland besucht.

Hinzu kommt eine andere Provokation:

Die NPD hat den iranischen Präsidenten zur Fußball-Weltmeisterschaft ausdrücklich willkommen geheißen.

Fußball gewinnt trotz Klinsmann, Lehmann und Kahn weltpolitische Bedeutung.

Die anti-islamischen Maßnahmen des Westens - in jüngster Zeit auffallend auch Deutschlands - sprechen für eine verdeckte Ausschluß-Strategie nicht nur gegen den Iran, sondern gegen alle islamischen Teilnehmer - wegen «Terror-Gefahr».

Wie die Dinge im Moment liegen, werden die internationalen Veranstalter, noch gar die Deutschen allein damit überhaupt nicht fertig werden.

Die halbe NATO müßte in und um Berlin aufmarschieren, den Luftraum und alle Wasserwege kontrollieren - fast schon eine unmittelbare Kriegsgefahr...

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