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2006-03-03

Felix Pech

Mauerlegenden

Mauern umgeben sich mit Legenden seit mindestens zweitausend Jahren

Die Westmauer des Jerusalemer Tempels, die Große Chinesische Mauer, der Hadrianswall in Britannien, die Berliner Mauer, die jüngste Apartheid-Mauer in Israel/Palästina.

Die oft Hunderte, wenn nicht Tausende von Kilometern langen Mauerwerke sind in der Antike architektonische Meisterleistungen.

China hielt sich damit die Nomaden vom Halse und wurde schließlich doch von ihnen beherrscht.

Jede Mauer weist ab und ist zugleich durchlässig und überwindbar.

Keine Wache ist perfekt, kein Schloß hält ewig, auch die schärfsten Bewacher brauchen ihren Schlaf, werden von Müdigkeit übermannt.

Die gigantischen Mauern der Reiche Chinas und Roms waren von Furcht bestimmt, die an Urangst grenzt.

Denn die freien Stämme der Steppe, in Wüsten und Wäldern sind ebenso gewisse wie ungewisse Feinde.

Nomadenvölker sehen in jedem Zaun und jeder Mauer Verstöße gegen das Gesetz des Himmels.

Die Blasphemie der Städtebauer und Reichsgründer ist so offenkundig, daß Generationen Archäologen, Mythologen, Historiker, Abenteurer, Sucher und Dichter, inzwischen auch Filmemacher nur zugreifen müssen, es liegt und steht überall herum.

Wer Mauern baut, will sich vor Einfällen schützen und hindert sich an der Expansion.

Städtegründer, Mauerbauer, Reichsherren bekunden mit ihrer meist gewaltigen Architektur, daß sie in die Defensive gegangen sind, daß die Zeit der offensiven territorialen Ausdehnung vorbei ist.

Das Eroberte bzw. vom Eroberten Verbliebene muß nun bewacht und bewahrt werden.

Mauerwerke sind Zeichen der Erschöpfung, der Müdigkeit und der Furcht vor Rückschlägen und Rückfall.

Damit die Angst der Herrschenden sich nicht aufs Volk übertrage, wird dieses mit Wohlstand, Kriegs- und Friedensspielen vom ernsten Sachverhalt abgelenkt.

Die Medien sind heutzutage voll davon.

Mauern zögern Entscheidungen hinaus, halten wilde Tiere und Wetter ab.

Der Mensch baut Mauern gegen Gottes freie Natur und nennt sich fortan zivilisiert.

Er baut Mauern und Städte gegen seine Ernährer und Bauarbeiter in den Dörfern, auf den Feldern.

Er baut Mauern und Tempel gegen Einsamkeit und Gottverlassenheit.

Er will herein nehmen und weg sperren, was sich nicht herein nehmen läßt, wohin er nur wieder zurück kehren müßte, zöge ihn nicht die Angst in die Winkel hinter den Mauern.

Gott ist nicht in der Stadt und nicht über ihr, Gott ist draußen - in wilden Landschaften, über Meeren, Wäldern, Hochgebirgen...

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