2005-09-29

Unger Varnsdorf

So tief tauchst du nicht - du nicht und so nicht

Politik und Schicksal

Politik ist der blinde Erfüllungsgehilfe des Unveränderlichen, und die Einsicht als vermeintlicher «erster Schritt zur Besserung» führt am Verhängnis nicht vorbei.

Mein Leben ist verhangen wie das Schicksal des Landes, wie die Vor- und Nachgeschichte eines Volkes, in das ich hineingeboren, in dem ich aufgewachsen, mit dessen Geschick ich ergo verflochten bin.

Ein bemerkenswertes Moment - persönlich und historisch:

Die Verbindung des Deutschen mit dem hebräischen Geist - der hebräischen Geschichte - stellt Martin Luther her, dessen historische Rolle ansonsten fragwürdig bleibt, und mein jüdisches Wesen entdecke ich in der Konfrontation mit antisemitischer deutscher Kunst&Literatur.

Werner Krauss und Ferdinand Marian, die in «Jud Süß» diesen Juden und den «Juden an sich» karikieren wollten und sollten, weckten in mir das Unerwartete: Veit Harlan beging mit seinem antijüdisch gemeinten Filmwerk an mir eine jüdische Tat.

Die im Treck einziehenden Juden, gespielt von gefangenen Zigeunern, entfachten meine zwiefache, unauslöschliche, ganz nahe verwandtschaftliche Liebe.

Zwei Endfassungen wurden dokumentiert:

In der ersten Version stößt der zum Tode verurteilte jüdische Finanzminister - starker Jude unter dem Galgen - einen toranischen Fluch aus, der durch Mark und Bein geht.

Goebbels ließ die Szene neu drehen, so daß nun der Jude im Galgenkäfig feige und erbärmlich um sein Leben betteln muß.

An den zwei Szenen ist zu erkennen, daß der Haß auf die Juden aus einer tiefen, geheimnisvollen Angst kommt; daß die böseste Absicht dem Mysterium sich nicht entziehen kann, wenn die Arbeit an ihm halbwegs gewissenhaft erfolgt.

Veit Harlan hat mit seinem Werk bewirkt, was er und sein politischer Meister sich nur als Albtraum ausmalen konnten.

Was ich - der Zehn-, Elf- oder Zwölfjährige - dem Filmemacher übel nahm, war die Quälerei mit den Daumenschrauben in der Schmiedewerkstatt.

Eine filmisch inszenierte Folterung macht den Zuschauer zum Opfer.

Es sind die Urmomente, an denen unsere Wege sich trennen.

Wem der bärtige Jude mit der Kipah eingeboren, der ist mit diesem Bild nicht zu schrecken.

Die Psychoanalyse bleibt schlicht verdrängt und vergessen.

Nolens volens hält Sigmund Freud - via Harlan - der «antipatriarchalischen» feministischen Gesellschaft den Spiegel vor.

Wie die deutsche Philosophie seit Nietzsche am Lack unserer Zivilisation kratzt... - Nietzsche und Freud scheinen doch ganz und gar nicht zusammen zu passen.

Wahrheit kommt auf geographischen Umwegen auch als Shakespeare daher, und die antiken Berichte - seien sie griechischer, römischer oder hebräischer Herkunft - sagen wenig über Moral in der Geschichte und ihrer herrlichen Mythisierung, indessen alles über den amoralischen Kern der historischen Ereignisse und Hintergründe.

Nietzsche läutet die Wiederkehr ein: die der ewigen Erkenntnis jenseits ethischer Verharmlosung.

Wir können ohne Ethik nicht leben, was aber bedeutet, daß wir - in dieser Welt! - nicht ohne Selbstbetrug leben können.

«Höhere Gewalt» ist die Hierarchie vom Unteroffizier und Schalterbeamten über die ganze Himmelsleiter.

Wir haben auch in der Demokratie keine Wahl.

Politik - die ordinärste Form höherer Gewalt - nicht zu akzeptieren, ist zwar zulässig, ergibt jedoch keinen Sinn.

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