2005-07-24
Überblicken wir es
Eine lange Geschichte
Ich weiß gar nicht, wo ich beginnen müßte, alles liegt sehr weit zurück, und was ich erinnere, sofort erinnere, ist irgend etwas aus der Kindheit, der zweiten oder dritten, von der ich freilich nicht viel sagen kann.
Immer wieder bleibe ich in den Bergen hängen, in den böhmischen Wäldern, den Geheimnissen Rübezahls, von dem die Polen mehr zu erzählen wissen als die Deutschen.
POLNISCH und TSCHECHISCH und DEUTSCH sprechen so viele Menschen, und sie kommen nicht zusammen, weil sie einander nicht verstehen können und wollen.
Die Deutschen sprechen gewöhnlich weder die eine noch die andere Sprache ihrer slawischen Nachbarn.
Der slawische Sprachraum trifft mit dem deutschen zusammen, doch sie wollen einander nicht verstehen, sondern verdrängen.
Als ob die Sprachen ursprünglich feindselig auf einander treffen.
Daß die Slawen im täglichen Umgang bei Bedarf DEUTSCH sprechen, ist mittel- und osteuropäischer Standard; die Deutschen hingegen öffnen sich nicht freiwillig den slawischen Sprachen.
Zu Zeiten der Sowjetunion wurde an ostdeutschen Schulen die russische Sprache gelehrt, auch hat man sich Mühe gegeben, in Brandenburg und Sachsen das Sorbische wieder zu beleben.
Ich glaube nicht an die Authentizität solcher Bemühungen.
Doch was ist authentisch?
Der kleinste gemeinsame Nenner.
Die innere Abwehr, Ausgrenzung und Eingrenzung, ist authentisch wie fragwürdig.
Basis und Ursprünge des Gültigen sind oft genug Flachheit und Enge, die Einschnürung ins Gewohnte, ein Mangel.
Beschränktheiten sind ernst zu nehmen.
Fallgruben und Minenfelder haben ihre Bedeutung niemals verloren.
Das ist zu bedenken, wann immer und wo von «Werten» gesprochen wird.
Jeder hat das Recht und die Pflicht, seine und seiner Nächsten Lebensinteressen zu schützen und zu verteidigen.
Wenn ihm nicht die Kraft dazu fehlt.
Alles appeasende und relativierende Heiteitei ist im Kern unwahrhaftig und ein Zeichen der Schwäche.
Wenn auf meinem Hof sich Eindringlinge breit machen und zu bleiben gedenken, habe ich das Recht, sie davon zu jagen.
Eine ungerechte Verbreitung - meine Verdrängung und Vertreibung - zieht die gerechte Vertreibung nach sich.
Die mich vertrieben, wieder zu vertreiben - gerecht wäre es schon.
Das ist eine sehr abstrakte Feststellung, die freilich der Plausibilität nicht entbehrt.
Doch mit welchem Recht sage ich: mein Hof?
Zum andern hätte nur der Nomade das Recht, persönlichen Besitz an Grund und Boden in Frage zu stellen?
In babylonischen Zeiten hat es die Wahrheit nur all zu schwer, ans Licht zu kommen, versuchen sollte sie es jedoch immer wieder.
Das persönliche «Eigentum» drückt ein Machtverhältnis aus.
Aneignung ist ein Akt der Gewalt.
Machtverhältnisse lassen sich ohne Macht und ohne Gewalt nicht schaffen und nicht ändern.
Der Nomade bleibt weitgehend auf Gott angewiesen, das hebt ihn aus der Normalität heraus.
Ohne Kraft und Macht über seine Situation ist aber auch er nicht lebensfähig.
Das gottgefällige Leben ist keine freie Entscheidung.
Pharao oder Pirat, herrschen oder die Herrschaft bekämpfen, um sie am Ende zu übernehmen...
Im Piraten lebt der Wille zum Pharao.
Jeder Pharao verdankt sich vorläufiger Piraterie.
Die eingangs angestellten Überlegungen sind demnach nur friedfertig, sofern sie auf Schwäche und Ohnmacht beruhen.
Die Besinnung auf unsere Sprache ist ein Innegehen, so etwas wie ein seelischer Tauchvorgang.
Das gegenseitige Verdrängen nimmt einen künftigen Krieg vorweg, indem es die alten Kriege vorsichtig ins Bewußtsein hebt.
Noch ist nicht aller Tage Abend.