2005-05-22
Und so weiter, und so fort
8. Mai 2005 im jüdisch-deutschen Fernsehprogramm*
Sendung vom 15. Mai 2005
* Babel-TV im Offenen Kanal Berlin
Geschäftsführer/Intendant: Roza Berger-Fiedler
Format/Konzept: jüdisch-deutsches Fernseh-Programm
Aufsichtsführende Anstalt: mabb - Medienanstalt Berlin Brandenburg
Mit ihrem Aufnahme-Team - vom jüdisch-deutschen Fernsehen - mischte sich Roza Berger-Fiedler unter die Nationalen - Rechtsradikalen, Rechtsextremisten, Neonazis - am Alexanderplatz.
Nun hätte man annehmen können, daß diese Faschisten sich auf die schöne mutige Jüdin - ach, ich liebe sie, die mich in ihren besseren Stunden an meine Frau erinnert - stürzen und sie verjagen würden, doch nichts dergleichen geschah.
Gepöbelt wurde ein bißchen gegen die Kamera, vielleicht vermuteten die Skinheads eine verdeckt polizeiliche Schnüffelaktion; die ausdrücklich jüdische Erkennung kam erst etwas später.
Da trug ein Mann zwischen dreißig und fünfzig... - mit seinem blonden Bart und dem ganzen Aussehen nach eher wie ein Linker aus der APO-Zeit - ein Blatt bedruckten Papiers, Format DIN-A4 oder A5, an der Brust.
Darauf stand zu lesen (ich zitiere aus dem Gedächtnis) - etwa: Wir wollen uns nicht mehr von Juden belehren lassen.
Das war der Anlaß für Roza Berger-Fiedler, den Mann anzusprechen, was er damit meine, wer denn, wie denn und so weiter.
Sie stellte sich vor, und das Gespräch konnte beginnen.
Der Mann gab sich zunächst wortkarg, man mochte meinen, daß er sich nicht äußern wollte - und konnte.
Hierauf beruhte denn auch das entscheidende Mißverständnis auf seiten der Interviewerin.
Sie ließ sich auf ein Gespräch ein, auf das sie nicht vorbereitet war.
Der Mann ging zusehends und ziemlich gelassen in Position, wich keiner Frage aus, blätterte gedanklich - zum Thema Deutsche Vergangenheit - in seinem revisionistischen Wissen...
Der, wie wir erfahren, studierte Historiker - einst als Austauschstudent in den USA und mit einer Jüdin liiert - diskutierte die Journalistin vom jüdischen Fernsehen buchstäblich an die Wand.
Eine besondere Blamage, da sich in der rechten Szene die Vorstellung von einer intellektuellen Überlegenheit der Juden längst fest gesetzt hatte.
Womöglich hat das Babel-TV jetzt noch - etwa über wachsam Hagalil - ein Verfahren wegen Volksverhetzung - Verbreitung nazistischer Propaganda, indirekter Leugnung des Holocaust... - zu gewärtigen.
Gehörte nun mehr Zivilcourage dazu, sich als Jüdin unter die Nazis zu mischen oder als antijüdischer Revisionist vor laufender Kamera seine Statements abzugeben?
Was mich kratzt:
Die Jüdin Roza konnte dem NS-Revisionisten X nicht das Wasser reichen.
Selbst als er sie fragte, warum sie nicht in Israel lebe, dem - nach zionistischer Auffassung! - heimatlichen Staat aller Juden, hatte sie nur parat, warum sie denn, mit deutschem Paß, nicht in Deutschland wohnen könne.
An dem Gespräch, das formal ganz gesittet ablief, zeigte sich wieder einmal deutlich, daß die Nazis intellektuell unterschätzt werden.
In der alten Bundesrepublik ließ man sie einfach rechts liegen, ohne viel Theater wurden sie registriert, aber öffentlich nicht weiter beachtet.
Seitdem die Wiederkehr des Nationalsozialismus wie ein Gespenst an die Wand gemalt wird, ist es zugleich üblich, die Neonazis als deppische Eierköpfe lächerlich zu machen, die angedrohte Gefahr mithin zu veralbern.
Der - wissenschaftliche wie auch pseudo-wissenschaftliche - Geschichtsrevisionismus wird nicht wirklich zur Kenntnis genommen, wie sollte er denn!
Die Veröffentlichung - und das schließt ein: die öffentliche Behandlung und Kritik - seiner Thesen ist unter Strafe gestellt.
So kommt es, daß ein antifaschistisch engagiertes Fernseh-Unternehmen mit seiner besten Frau an der Spitze gleich gegen die Mauer schiebt, sobald es - endlich! - auch nur die ersten Gehversuche einer ernsthaften Auseinandersetzung mit den Rechten unternimmt.
Das ist unglaublich - aber wahr.**
** In ihrer heutigen Sendung - also zwei Wochen nach dem Ereignis - ist Frau Berger-Fiedler mit keinem selbstkritischen Wort auf diesen Fall einer offensichtlichen Überforderung eingegangen.