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kokhaviv publications

rebird - Deutschlands Kurier

Beiträge zur demokratischen Eroberung

2005-05-09

Horst Lummert

8. Mai 2005: Berlin, Hauptstadt der DDR

Die Siegesfeierlichkeiten am 8. Mai 2005 in Berlin haben mehrere Aspekte.

Zunächst fällt der geradezu hysterische Einsatz des verfügbaren politischen Establishments auf.

Eine freie Republik mit - vorneweg - ihrer Hauptstadt überschlägt sich bei der Abwehr einer fürchterlichen Gefahr.

Der Nazismus steht nämlich wieder vor der Tür, und wer vor sechzig Jahren noch nicht lebte oder zwölf Jahre antifaschistischen Widerstand verschlafen hatte, ist jetzt auf den Beinen und mit dem Mundwerk gleich in erster Reihe.

In Berlin geben vor laufender Kamera SED-Veteranen ihre antifaschistischen Statements ab.

Die halbe Republik hat kasernierte Polizisten hergeschickt, die in den Nebenstraßen nahe der genehmigten NPD-Demonstrationsroute herumstehen und die Passanten mustern...

Ihre Blicke erinnern mich an den altbekannten «deutschen Blick», so daß ich mich frage, von wem denn nun eigentlich die Gefahr für die gelassene Demokratie und das souveräne Verhalten ihrer Bürger ausgehe.

Im alten Westberlin hatten wir zeitweilig eine bürgernahe Polizei...

Die kasernierten Ordnungstruppen, die schon das erste Schily-Blau auf neuen Fahrzeugen zeigen, sind nicht unbedingt die ersten Feinde, aber auch nicht die Freunde derer, von deren Steuern sie leben.

Die unübersehbare Ordnungsmacht verhindert den bescheidenen Blick auf die Demonstranten, um deretwillen der Staatsapparat mobilisiert worden ist.

Das Frappierendste an allem vielleicht die Verhältnismäßigkeit beziehungsweise Unverhältnismäßigkeit...

Das ganze Theater richtet sich gegen eine «Flut» von einigen hundert oder tausend Menschen.

Interessant die erstaunte Feststellung einer TV-Reporterin, daß unter den rechten Demonstranten so viele junge Leute und Frauen zu finden waren.

Es belegt, daß die offizielle Republik sich nicht informiert hat, daß sie trotz dauernden Hinweises, man wolle sich mit den Neonazis politisch auseinander setzen, noch nicht einmal weiß, mit wem sie es zu tun hat.

Das rechte Engagement in nationalen und sozialen Fragen findet in der offiziellen Berichterstattung keinen angemessenen oder gar keinen Niederschlag.

Die Neonazis tun nur das, was die sogenannten demokratischen Parteien jahrzehntelang versäumt haben.

Ihr Verhältnis zu Rußland hat am 8. Mai vielleicht einen kleinen Dämpfer erhalten.

Die heutigen Siegesfeiern in Moskau und Petersburg bemühen sich optisch um ein paar Veteranen, die auf Uniformen oder Zivilkleidung ihre alten Ordensfelder zur Schau tragen, ein bißchen wie Zirkus: sie sollten sich nicht für ein paar Wodka zu Clowns machen lassen.

Vom Moskauer - sechzig Jahre! - Siegestaumel - mit nachgemachten 45er Uniformen und Lastwagen - ist die normale russische Bevölkerung - sicherheitshalber! - ausgeschlossen.

Das ist auch zu Stalins Zeiten nicht anders gewesen, nur wissen das die meisten nicht oder nicht mehr.

Ein neuer Stalin-Kult ist zu beobachten und wird von kritischen Stimmen in Rußland auch immer wieder betont.

Stalin-Denkmäler werden restauriert, wieder oder neu errichtet, Druckwerke von und über Stalin frisch aufgelegt, eine allgemeine Sehnsucht nach dem «Größten Führer und Feldherrn aller Zeiten» bewegt das halbe Rußland, wie Umfragen ergeben haben.

Ich möchte wetten, daß Wolgograd bald wieder Stalingrad heißen wird.

Die deutschen Peinlichkeiten am und um den «Tag der Befreiung» und der bedingungslosen Niederlage, die bis heute anhält, lassen sich nicht wirklich beschreiben.

Die Deutschen sind an allem schuld, bekundet der devote Schröder; einen Schlußstrich wird es nicht geben, so der Unterwerfungskünstler Köhler.

Beide auf Umwegen vom Volke gewählt.

«Spasibo - wir sagen danke» und ähnliche Sprüche zieren das Zentrum Berlins.

Ich werde das für meine Cousine Friedchen Braasch, die jüngere Schwester des Passauer Schauspielers Ernst Braasch, aufbewahren, die im Zuge der «Befreiung» in der Moabiter Wiebestraße von einer Horde Rotarmisten zu Tode vergewaltigt wurde; sie verblutete.

Friedchen, Tochter von Male Braasch, geborener Kukafka, Schwester meiner Mutter Lina, war siebzehn oder achtzehn, als sie vor heller Begeisterung über ihre Befreiung sterben durfte.

Ihr Name steht auf keiner Stele, keiner Tafel des Gedenkens.

«Schlußstrich» ist eine Umschreibung von Friedensvertrag, von Frieden (!), den die - offensichtlich verfluchten - deutschen Politiker dem deutschen Volk versagen.

Verflucht wie Friedchens Mörder, Moabit anno 1945, dem «Jahr der Befreiung».

Vielleicht muß in Rußland erst wieder der Stalinismus einziehen, mit ihm die alte Bedrohung Europas und der Welt, damit die völlig bescheuerten Deutschen zur Besinnung kommen.

Du hast sie, die Deutschen, an der Kehle oder im Staub, hatte Churchill genau begriffen.

Und dafür darf man sich wirklich einmal schämen.

Das typisch Deutsche zeigt sich heute nicht im Rechtsradikalismus, sondern in der Haltung des politischen Establishments und seiner Mitläufer.

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