2005-04-28
Ich habe mich geirrt
In puncto «Reiter ohne Pferd» und also «Christentum ohne Zukunft»...
Meine Verehrung für Papst Johannes Paul II. ist geradezu sprichwörtlich - von Anfang an.
Wenn ich für West- und Mitteleuropa von Christentum spreche, meine ich von jeher den römischen Katholizismus.
Die protestantische Verdünnung halte ich für eine geschichtliche Tragik, wenn auch vielleicht eine List der Geschichte.
Ich plädiere für die entschiedene Gegenreformation, für eine Reconquista des Nordens - mag der sich dann vorchristlich dagegen wehren.
Auf lange Sicht aber gebe, nein, gab ich dem Christentum - selbst unter römisch-katholischem Vorzeichen - keine Chance für die Zukunft.
Unter dieser Voraussetzung war der - insonderheit revolutionäre - Islam die einzige monotheistische Kraft, die sich der geistigen Erneuerung einer Welt, deren säkular-westliche Inspiration Relativierung der Wahrheit und damit des Leidens bedeutet, als Heilmittel anbot.
Ayatollah Khomeini und Papst Johannes Paul II. hatten unabhängig von einander und dennoch geschichtlich gemeinsam den atheistischen Kommunismus überwunden.
Langfristig sah ich - angesichts der islamischen Wiedergeburt - eher eine Islamisierung Europas als eine Zukunft des Christentums, wobei ich - zugegeben - die russische Orthodoxie und die orientalischen Kirchen außer Acht ließ.
Eine dialektische Gegenbewegung zum Islam war theoretisch mitzudenken; daß der «Reiter ohne Pferd» jedoch ganze Heerscharen mobilisieren würde, damit hatte ich nicht gerechnet, darin irrte ich mich.
Heute ist die Re-Katholisierung Europas bereits in Vieler Munde.
Allein die westliche Kirche hatte in ihrer Geschichte jenes kämpferische Moment, das sie vor grundlegenden Konflikten mit der weltlichen Macht, also etwa dem Kaisertum, nicht zurückschrecken ließ.
Insofern kommt der Katholischen Kirche ein Element der Freiheit zu, das man ihr gemeinhin gar nicht zugestehen möchte.
Die spirituellen Mängel der atheistisch-sozialistischen und ökologistisch-feministischen Zeitgeister waren einer grundsatztreuen Kirche, wie sie von dem einmaligen - schon zu Lebzeiten heiligen - Papst Johannes Paul II. repräsentiert und verkörpert wird, gewiß ein geschichtliches Entgegenkommen (eine sprichwörtliche Vorlage für den christlichen Schuß ins Tor).
Auch hat die Islamisierung der Welt und nicht zuletzt Europas zu einer Revitalisierung des Christentums in seiner römisch-katholischen Auffassung beigetragen.
Dem islamischen Selbstbewußtsein wuchs allmählich - allmählich auch wahrnehmbar - eine christliche Rückbesinnung entgegen.
Die Niederlage des Feminismus, der gegen das jüdisch-christliche Patriarchat Front gemacht hatte und die «vaterlose Gesellschaft» endgültig besiegeln wollte, wurde spätestens manifest, als die Millionen Menschen auf dem Petersplatz - darunter unübersehbar die jungen Männer und Frauen - ihre Trauer, ihre Liebe und ihre Sehnsucht dem soeben verschiedenen und dem kommenden Vater zuwandten.
Der Vater ist tot. Es lebe der Vater! Habemus papam, wir haben (wieder) einen Papa.
Das hatte die Welt noch nicht gesehen, das hat sie verändert, die gläubige, die niederknieende und betende Jugend auf dem Petersplatz in Rom hat in der Tat eine Revolution, eine Rückkehr zu den geistigen Fundamenten bewirkt und demonstriert.
Die Wahl Joseph Ratzingers hatte ich - «zu schön, um wahr zu sein» - für politisch (!) eher unwahrscheinlich gehalten.
Ich hatte mich auch diesmal geirrt, weil ich die Kraft und das Walten des heiligen Geistes - zumindest zeitlich - nicht richtig einschätzte, weil mir, mit anderen Worten, der aktuelle Glaube fehlte.
Gottes Fügungen lassen sich gewiß nicht einfach voraus sehen, das ist wohl wahr; dennoch darf die innere Überzeugung ganz bescheiden auf den richtigen Weg hoffen.
Die «Metaphysik der Überraschungen» kommt vehement zur Geltung.
Johannes Paul II. hat die Grundlagen geschaffen, auf denen Benedikt XVI. seine messianische Mission wird erfüllen können.
Wobei ihm seine - gleich zu Beginn keine Minute versäumenden - pseudo-christlich-gottlosen Feinde mit Sicherheit helfen werden.
Allerdings wird mit Benedikt XVI. die Abgrenzung zum Islam deutlicher; noch als Joseph Kardinal Ratzinger verwarf er den EU-Beitritt der Türkei: sie sei Teil des islamisch-arabischen Raums und von dessen Geschichte.*
* Vgl. H.L.: Vieles wird mit der Frage entschieden, ob die Türkei dem künftigen Europa oder dem künftigen Orient zuzurechnen sei. Was geografisch klar ist, ist es politisch keineswegs. Das gilt auch umgekehrt. Die moderne, dem europäischen Westen zugewandte Türkei ist - verglichen mit der langen und ruhmreichen Geschichte des Landes - nur ein historischer Augenblick, so etwas wie eine vorübergehende Verirrung. Sobald der «Kranke Mann am Bosporus» wieder gesundet, sieht die Welt anders aus. Als ob die neuen «christlichen» Allianzen sich darauf vorbereiten möchten. Man muß sich nur einmal die Landkarte anschaun (Die Politik der Abgrenzung).
Das schafft neue beziehungsweise stärkt die alten Identitäten.
Europa besinnt sich auf seine gemeinsame Christlichkeit - selbst in England werden bis in die Königsfamilie hinein Konversionen zum Katholizismus vermerkt.
Benedikt XVI. redet damit aber gleichzeitig der islamischen Renaissance - gegen den ursprünglich anti-islamischen Kemalismus - das Wort.
Das bringt den türkischen Laizismus in arge Bedrängnis.
Tendenziell stehen sich zwei religiöse Blöcke gegenüber, die friedenspolit-taktisch mit einander reden werden, aber letztlich auf eine historische Auseinandersetzung zustreben.
Allerdings kommt hier nun wieder die alte Vermutung zum Zuge, daß der inner-christliche Konflikt stärker sein wird.
Eher unbedacht bleibt bisher, daß die Kirche ihre Missionsarbeit unter den zugewanderten Muslimen in Europa vorantreiben wolle.
Der Abfall vom Islam wird gemäß der Shariah mit dem Tode bestraft.
Offenbar gehen wir auch in Europa kriegerischen Zeiten entgegen.
Dabei bleibt es dem römischen Geschick überlassen, die anstehenden Antagonismen nach «Ost-Rom» zu verlagern.
Peter Scholl-Latour - bei Sandra Maischberger - sieht in der Wahl Joseph Ratzingers eine historische «Absolution» der Deutschen.
Ich freue mich, es diesmal nicht mit eigenen Worten sagen zu müssen.
Siehe auch: