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Wo lassen Sie denken · Où laissez-vous penser? · Rent a brain…

2005-05-31

Lukas Storch

Das Vereinigte Palästina, die Europäische Union, der europäische Nationalstaat, die Vereinigten Staaten von Amerika...

Meisterwerke der künstlichen Synthese oder Hirngespinste?

Ich habe mich mit der Idee vom Nationalstaat nie anfreunden können, obwohl gerade diese Idee - nach dem Sterben der Stämme - einer Normativkraft immer ähnlicher wurde.

Der alte Reichsgedanke hat den Vielvölkerstaat im Sinn und spiegelt uns eine bunte Harmonie vielleicht nur vor und nicht wider.

Das Hellenische Reich Alexanders, das Römische Reich, das Byzantinische Reich, Österreich-Ungarn, das Osmanische Reich...

Sie sind allesamt untergegangen, weil sie nicht mehr lebensfähig waren.

Sie starben nicht nur an Gigantomanie.

Die innere Differenzierung nach ethnischen und verwandten Merkmalen - Rasse und Sprache, nicht-idente Geschichte - scheint dem Schöpfungsprinzip der unendlichen Teilung zu entsprechen.

Unterscheidungen zu treffen, Unterschiede zu erkennen, ist - ganz offensichtlich - das historisch nachzuweisende, in der Zeit wirksame natürliche Prinzip.

In den Antagonismen offenbart sich der Vater aller Dinge.

Sein Gesetz ist in der Zellteilung als Unterscheidungen treffend (nicht sie erkennend!), wodurch das Prinzipielle noch deutlicher hervor tritt.

Die Teilung ist ein Schöpfungsprinzip, dem unser Differenzierungsvermögen lediglich nachkommt.

Wir erkennen, was wir - und weil wir es - erkennen müssen, wenn wir die Welt verstehen wollen.

Nun zeichnet sich der handelnde Mensch in seiner Geschichte als ein Künstler der Synthese aus.

Er entdeckt die Verschiedenheiten und bringt sie zu einander in Beziehung, er trägt sie zusammen und beginnt damit sein spezifisches Menschenwerk.

Indem wir die verschiedenen Elemente zunächst erkennen, können wir sie nach Gutdünken neu zusammen fügen.

Die natürlichen Synthesen werden aufgelöst, künstliche Synthesen geschaffen...

Auf die Spitze getrieben, führt diese Methode in unsere moderne Welt.

Soweit natürliche Prinzipien angetastet und verletzt werden, stellt die Natur ihr Gleichgewicht wieder her.

Naturgesetz ist, daß der Mensch als Individuum das Licht der Welt erblickt und diesem Urerlebnis bis zuletzt nachstrebt.

Zur Erhaltung des Individuums sind kollektive Maßnahmen unumgänglich.

Der Mensch ist mit seiner Geburt allein nicht existenzfähig.

Seine Unvollkommenheit macht ihn widersprüchlich und bringt ihn in widersprüchliche Situationen.

In der privaten Familie und der Stammesgemeinschaft hat das Individuationsprinzip sinn- und hilfreiche Konstruktionen geschaffen.

Mit dem Anwachsen der Bevölkerung komplizieren sich die kollektiven Strukturen.

Das Prinzip der Individuation ist auf dem Wege der Unverwechselbarkeit und Einmaligkeit durch Legierung.

Die ethnischen, rassischen Elemente rufen nach immer neuen Synthesen.

Während Gleich und Gleich die Individuation eher hemmt als fördert, bringt die Anziehung der Gegensätze stets neue Überraschungen hervor.

Damit aber kommen die ursprünglich von einander getrennten Gegensätze - sich erinnernd und erkennend - wieder zusammen.

Im Individuum ist die Unteilbarkeit der zurück gefundenen Einheit sozusagen heilig gesprochen worden.

Die Ahnung, daß jedem Menschen sein Partner - seine andere Hälfte - bestimmt ist, hat hier ihren Erfahrungswert.

Die großen Reiche schufen die bunten Mischungen, in denen die Wahrscheinlichkeit, den ergänzenden Partner zu finden, beachtlich zunahm.

Ich kriege den Nationalstaat als Rat der Stämme nur so auf die Reihe, daß nicht Inzest, sondern die Veredlung durch Bündnispolitik der Familien und Stämme die Menschheit tendenziell eint.

Reinheit ist keine Empfehlung für die menschliche Zukunft...

Veredelung - Adelung - ist und bleibt die Goldene Mischung: der Goldene Schnitt, die göttliche Teilung.

Der «vollkommene Mensch» - eine Idee - trägt alle Elemente in sich, die jemals das Erdendasein erreichten.

Das Individuum par excellence ist aus seinen geschichtlichen Häuten und Schalen geschlüpft und seitdem unorganisierbar.

Die in den Schriften bezeugte Trennung und das Verlassen der Stämme - Diaspora, Galuth - sind nicht rückgängig zu machen.

Die Grenzen überschreitende Wahl der Verwandtschaft bedarf (!) - per definitionem - jener Grenzen.

Der Eine Gott vom Sinai hat seine letzte Konsequenz als principium individuationis.

Dessen Anwendbarkeit auf den Islam ist geschichtlich noch offen.

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