2004-02-22
Omphale und Ophelia
Was Hamlet nicht wußte und Herakles nicht wissen konnte
Clara Rimann: "Omphalos"
Irgendwo ist er der schwarze Zwillingsbruder des weißen Apollo...
Ein authentischer Hinweis auf die biblische Geschichte des Cham, der nach Noachs Fluch zum Sklaven verdammt sei, oder eine spätere Zutat?
Auch das Gilgamesch-Epos hat Spuren hinterlassen.
Das Stichwort lieferte Clara Rimann mit ihrer grafischen Collage Omphalos, und ich mußte sofort an Ophelia denken.
Hermes war es wohl, der dem Herakles den Spruch des Orakels von Delphi verriet: daß er, Herakles, sich in die Sklaverei begeben werde.
Hermes verkaufte ihn an die lydische Königin Omphale, die in der europäischen Literatur als "Barbarin" beschrieben wird.
Die "barbarischen" Lyder hatten immerhin die ersten Münzen geprägt, auf die offenbar auch Hermes erpicht war.
Es ist der alte Zwiespalt zwischen dem Westen und dem Osten, dem Okzident und dem Orient, zwischen Vanen und Asen, Europa und Asien.
Noch heute bezeichnen die Griechen ihre türkischen Nachbarn als "Barbaren".
Was hat es auf sich damit?
Barbaroi, eine Entlehnung aus dem Lateinischen, sind Bartträger, sind Männer.
Das alt-griechische a-geneios heißt bartlos, unmännlich, zeugungsunfähig...
Bei genauerem Hinschauen sind es die europäischen Männer, die den Orientalen seltsam erscheinen.
Die auf ihren Artefakten stets nackten Griechen legten merkwürdige Gewohnheiten an den Tag.
Das verführte die Lyderin Omphale dazu, dem eitlen Griechen Herakles das Löwenfell über die Ohren zu ziehen, es selber anzulegen, den Herakles aber in Frauenkleider zu stecken und Hausarbeiten verrichten zu lassen.
Daher sein mythischer Name "Omphalos", der sogenannte Mann der Omphale.
Die moderne Emanzenbewegung hat also nicht nur eine lange Geschichte, sie enthüllt auch die uralte Quelle ihrer Kraft.
Omphalos ist zunächst - dem Wortsinn nach - der Nabel, der Mittelpunkt der Welt, der als verzierte Stele seinen festen Platz beim Orakel in Delphi hatte.
Der heilige Omphalos-Stein wird auch mit dem - ihn umschlingenden - Schlangendrachen Python gezeigt, nach ihm hat die Oberpriesterin Pythia ihren Namen.
Die sterblichen Überreste der Python-Schlange sind unter der Omphalos-Stele begraben.
Der zweifellos phallische Omphalos-Stein wird vom pythonischen Untergrund heillos zerfressen.
Pythia ist der Lilith, Adams erster Frau nach der jüdischen Legende, wesentlich verwandt, wenn nicht gleich.*
* Die Python-Giftschlage, Puffotter, Viper, heißt im Hebräischen Pethen, Betonung auf der ersten Silbe.
Omphalos reicht also weit in die Mythologie zurück, die ihrerseits in der modernen Psychoanalyse eine Bestätigung findet.
Mythologie und Psychologie haben die gleichen uralten Wurzeln.
Clara Rimanns "Omphalos" zeigt eine Besonderheit auf:
Der Nabel der Welt wird zum nachskizzierten phallischen Charakteristikum eines Gorilla-Wesens, das als die wahre Natur des im Hintergrund versteckten Lebens-Mittelpunkts in Gestalt eines auf den Kopf gestellten feinen Biedermeier-Herrn, fast wie in Frauenkleidern und mit angedeutetem Busen, zu verstehen sei.
Oder umgekehrt: verzärteltes Biedermeier ist der wahre Charakter.
Omphalos ist auch das Signum einer neopaganen Bewegung, die den hellenisch-römischen Polytheismus wieder stärker ins Bewußtsein hebt, ja - unter Umgehung der historischen "Renaissance" - eine Wiedergeburt der Antike anstrebt.
Clara Rimanns reife Konzeption beruht - wohl durchdacht - keineswegs auf Zufällen, bewahrt vielmehr bewußt auf oder bringt assoziativ nah.
Shakespeares Ophelia erscheint in gewisser Weise wie ein Mond Hamlets, ist jedoch vor allem das milde Abbild der dänischen Königin Gertrude, Hamlets Mutter; sie ihrerseits der lydischen Omphale näher als dem halben Kind Ophelia.
Hamlets Oheim, Bruder und Mörder des Vaters, ist dem toten König ähnlich wie Hamlet dem Herkules...
Und ist das Gegenbild nicht ebenso wahr?
Die stolze Königsseele - ausgelöscht und entehrt...
Verdammt und - so oder so - von der - heiligen? - Schlange gebissen!
Was sagt das Orakel Ophelia, was Hamlet in gespielter Nacht??
Keine Frage an Pythia, keine Pythia zu Frage und Antwort...
Ist die Erzählung des ruhlosen - ruchlosen - Toten-Geistes ein banalisierendes Gerücht?
Hamlet versteht sich als Gegensatz zum Heroen Herkules, ahnt aber vielleicht, daß Herkules als Omphalos eine Nachtseite hat.
Nicht von ungefähr hat die moderne Astronomie einem Mond des ältesten Planeten Uranos den Namen der literarischen Ophelia gegeben.
Uranos, der Älteste, wurde auf Veranlassung der Erdgöttin Gaia von seinem Sohn Kronos entmannt.
Wie Ophelia der umnachtete Mond der Königin Gertrude, so ist der getäuschte, im Dunkeln tappende Hamlet ein Trabant des gemeuchelten Vater-Königs.
Hebr. Ophel/Ephelah ist das Dunkel, das Versteck, die (ägyptische) Finsternis.
Hebr. Chamlah, Chamlath ist die Schonung, das Mitleid, letztlich auch die Unentschlossenheit.
Namensgebung ist eine Kunst für sich und trifft intuitiv ins Herz.
Gegenüber der starken und menschenkennerischen Omphale ist die sensible und instabile Ophelia, Tochter des realistischen Oberkämmerers Polonius, ein schwaches, alles andere als künftig königliches Wesen.
Ihr Bruder Laertes folgt dem Vater im Denken und Urteilen.
In ihrer standesbedingten Ungewißheit scheint Ophelia verdächtig und unzuverlässig...
Sie zieht sich zurück in die Krankheit der Vanen, den Wahn.
Vergleichbar dem Herakles, der in einem Zustand geistiger Verwirrung seine Kinder ermordet.
Er büßt dafür drei volle Jahre in Frauenkleidern am Strickstrumpf der Omphale...
Der Geist des getöteten Königs schildert Hamlet, dem Sohne, wie der Mord geschah:
"Mit Saft verfluchten Bilsenkrauts im Fläschchen", der ihm ins Ohr geträufelt wurde beim Mittagsschlaf.
Er beschreibt die Wirkung des Hexenkrauts:
Das Blut gerinnt "mit plötzlicher Gewalt", und "Aussatz schuppte sich mir augenblicklich, wie einem Lazarus, mit ekler Rinde ganz um den glatten Leib" (5. Szene).
Der lustige deutsche Kinderreim - "Ilse Bilse, keiner willse, kam der Koch und nahm sie doch" - besingt - unerkannt - eine alte, ewig junge Giftküchen- und Mordgeschichte, ist - mithin - Schwarzer Humor.