2003-11-04

Dagmar Burisch*

Vortrag zur Vernissage

Clara Rimann-Retrospektive

Ausstellung in der Galerie der Volksbank Weinheim, 4. November 2003

Meine Damen und Herren,

die Ausstellung, die es heute abend hier in der Volksbank Weinheim zu eröffnen gilt, vermittelt dem Betrachter zweierlei:

Zunächst einmal gibt sie uns einen repräsentativen Eindruck des künstlerischen Werks von Clara Rimann.

Wir erhalten einen Überblick und Rückblick auf mehrere Jahre ihres kreativen Tuns.

Zum anderen aber erlaubt uns diese Ausstellung darüber hinaus, anhand der getroffenen Bildauswahl, wesentliche Überlegungen zum Begriff der Abstraktion anzustellen.

Denn obgleich die hier versammelten Arbeiten auf den ersten, flüchtigen Blick unterschiedlich, ja mitunter gegensätzlich erscheinen mögen, folgen sie doch einer ebenso konsequenten wie disziplinierten Entwicklung - sie alle markieren verschiedene Stationen einer fortschreitenden Abstraktion.

Die schnellen Wechsel und radikalen Brüche einer an modischen Trends orientierten Kunst sind Clara Rimanns Sache nicht.

Sie vertraut vielmehr auf die innere Logik des langsamen, stetigen Wachsens und Reifens, wo eins das andere bedingt und das Allgemeine sich zum Konkreten verdichtet.

Darin indes äußert sich bereits das Wesen der Abstraktion, die ja im wörtlichen Sinne ein "Abstrahieren" also Abziehen, Herauslösen von Teilgehalten, Aspekten und Merkmalen aus einem großen Ganzen meint.

Und - um einem verbreiteten Mißverständnis vorzugreifen: die Methode des Abstrahierens schließt Gegenständlichkeit nicht aus, sondern geht von ihr aus.

Jede mit künstlerischen Absichten und Mitteln künstlich geschaffene Form ist an sich schon Abstraktion, nämlich der Versuch, aus dem optischen Übermaß der wirklichen Erscheinungen das Wesentliche gezielt herauszufiltern, und das dann in Zeichen, Farbe und Struktur zu übersetzen.

Diesem Gesetz der Abstraktion folgt alle Kunst seit je her und bis heute.

Die anfänglichen naturalistisch und detailreich gearbeiteten Zeichnungen Clara Rimanns (...) gehorchen diesem Prinzip genauso wie die kalligrafischen Kürzel aus jüngster Zeit - allein der Grad der Abstraktion ist jeweils ein anderer.

Die formale Verknappung wurde im Lauf der Jahre Schritt für Schritt vorangetrieben.

Auch überrascht es nicht, daß sich Clara Rimann die Zeichnung zum bevorzugten Ausdrucksmittel gewählt hat.

Mehr noch als andere Gattungen vermag die Zeichnung als elementare Grundlage aller Bildnerei, die Welt des Sichtbaren in ästhetischen Gesetzen klar zu erfassen.

Zeichnung ist Form in Reduktion.

Das Setzen grafischer Zeichen kann größte Gegenstandsnähe mit größter Gegenstandsferne verbinden.

Die zeichnerische Form wiederum ist unmittelbar abhängig vom verwendeten Zeichenmaterial - Feder, Pinsel oder Bleistift.

In den Arbeiten Clara Rimanns findet man sowohl den linearen als auch den flächigen Gestus - zuweilen auch beides miteinander kombiniert.

Die Grenzen zwischen zeichnendem Pinsel und malendem Stift werden da fließend.

Strich und Fläche treten in Dialog, sie organisieren sich im Hin und Her, in Ergänzung und Widerspruch, der umgebende Raum wird als mitgestaltendes Element stets miteinbezogen.

Den Anstoß für fast alle hier gezeigten Arbeiten - egal ob wirklichkeitsgetreu oder stark abstrahiert - erfährt Clara Rimann in der intensiven Auseinandersetzung mit den Erscheinungen der Natur.

Sie erspürt ihre Umgebung mit allen Sinnen, wie ein Schwamm macht sie sich durchlässig und aufnahmebereit für die Reize von außen.

Aus der sinnlichen und gegenstandsgesättigten Wahrnehmungserfahrung speist sich ihr Formenrepertoire.

Vor allem die Landschaft Südfrankreichs, wo sie ein Haus besaß und dort viele Monate des Jahres verbrachte, bot ihr einen reichen Fundus an visuellen Entdeckungen.

Bizarres Gehölz, Steine und Felsformationen, Waldstücke und Uferleben im Wechsel der Jahreszeiten und in je unterschiedlichem Licht haben sich ihr als Eindrücke eingeprägt.

Clara Rimann nimmt die Landschaft ernst, voller Respekt läßt sie sich von den natürlich gewachsenen Strukturen, Ordnungen und Rhythmen zu den eigenen subjektiven Bildfindungen anleiten.

Selbst in den realistisch gezeichneten Porträts geht es ihr weniger um die dargestellte Person als vielmehr um die faszinierende Topografie eines Gesichts - um die Falten, Höhlen und Wölbungen der menschlichen Physiognomie.

Solche Zeichnungen entstehen oft in einem Fluß, werden ohne abzusetzen "heruntergeschrieben"; bei anderen Arbeiten wiederum ist die Spanne zwischen zündender Idee und Bildresultat oft so weit, daß sich die Vorgaben verselbständigen und etwas Neues entsteht, das aber dann seine Berechtigung hat und akzeptiert wird.

Unter den persönlichen Leitvorstellungen der Künstlerin verwandeln sich die Aspekte der sichtbaren Wirklichkeit zu einer individuellen Niederschrift aus abstrakten Pinselzügen.

Dennoch entstammen ihre kalligrafisch anmutenden Zeichnungen nicht spontaner, impulsiver Gestik, sondern sind kontrolliert gesteuerte Gestaltentscheidungen und einer ausgewogenen Komposition unterworfen.

Auch hier bildet die fundamentale Ordnung der realen Natur das formale Gerüst der Zeichnung.

Das sinnliche Sehen der Kunst reduziert in künstlerischer Aneignung der Wirklichkeit die Vielfalt der Formen, Gestalten und Farben auf die Grundeindrücke einer Landschaft in Raum und Zeit.

Ein Galerist hat Clara Rimanns entschieden knappe Zeichenkunst einmal mit der japanischen Gedichtform eines "Haiku" verglichen.

Wie genau er damit "ins Schwarze getroffen hat", beweisen die verblüffenden Übereinstimmungen zwischen der asiatischen Sprachpoesie und Clara Rimanns Bildfindungen.

Das Haiku ist die kürzeste literarisch anerkannte Gedichtform überhaupt, es besteht immer nur aus drei Zeilen und 17 Silben (5-7-5).

In sprachlich konzentrierter Beobachtung beschreibt es stets ein Naturerlebnis zu einer bestimmten Jahreszeit - nicht ausholend und inhaltsschwer, sondern konkret und knapp.

Es ist die Essenz eines Augenblicks, die flüchtige Wahrnehmung eines Geräusches oder Geruchs, einer Regung, eines Moments.

Um der Gefahr des Abschweifens zu entgehen, bedarf es in diesem Kurzgedicht einer spürbaren Bewegung und spannungsvollen Anordnung der Worte.

Und schließlich erfordert es hohe sprachliche Disziplin und einen mittragenden Rhythmus, um beim Leser oder Zuhörer ein meditatives Miterleben der Silben zu erreichen.

Zur Erläuterung will ich Ihnen ein typisches Haiku zitieren, es lautet wie folgt:

Mit einem Ende
lehnt an die Berge sich dort
der Strom des Himmels

(Basho)

Wie nicht anders zu erwarten, durchdringt der Geist des Haiku auch die japanische Tuschmalerei, deren charakteristischstes Merkmal der Rhythmus und damit die Linie ist, die nicht die tatsächlichen Konturen der Dinge umreißt, sondern sich im tänzerischen Spiel des Pinsels ihren Wesenseigentümlichkeiten nähert.

Ganz ähnlich verfährt Clara Rimann in einer Serie großformatiger kalligrafischer Abstraktionen, die sie beziehungsreich mit "Haiku" betitelt.

Bild und Schrift gehen da eine symbiotische Verbindung ein, und das wiederum kommt dem schöpferischen Prozeß der Künstlerin entgegen, denn der vollzieht sich in dem Dreierschritt von sehen - erkennen - und als Zeichen niederschreiben.

Aus solchen Niederschriften entstehen optische Haikus - etwa die "Momente der Landschaft", wo sich sparsam gesetzte Flächen und Linien auf zartem Seidenpapier in schwebender Balance halten.

Lichtes Grau und wenige Gelb-Orange-Akzente sind die farbigen Begleiter dieser aufs Genaueste austarierten Landschaftszitate.

Rhythmus und Bewegung indes kennzeichnen die Blätter der Serie "Mon petit ruisseau sauvage" (Mein kleiner wilder Bach).

Lichtreflexe auf dem Wasser, übersetzt in blaue und graue Farbtupfen, überziehen die Fläche und markieren den Strömungsverlauf eines kleinen Wildbaches, der sich an Hindernissen vorbei unermüdlich seinen Weg sucht.

Ein entsprechendes Haiku dazu könnte das folgende sein:

In der Herbstsonne
auf des Bachs sanften Wellen
tanzende Lichter

Doch die sensible Naturbeobachtung bildet nur die eine Inspirationsquelle für Clara Rimanns Arbeiten, eine andere entspringt den wechselnden Vorgaben des verwendeten Papiers.

Immer wieder stolpert das Auge über eincollagierte Textfragmente oder identifiziert alte Buchseiten als Bildträger.

Die Künstlerin pflegt seit ihrer Kindheit einen besonderen Bezug zum Material "Papier".

Für sie ist es nicht nur Werkstoff, sondern Geheimnisträger.

Sie spürt seiner Beschaffenheit nach, liest in den Falten und Gebrauchsspuren.

Gedrucktes und Illustriertes betrachtet sie als Zeichen künstlerischer Verfügung, vollkommen abgelöst von inhaltlicher Realität.

Ihr Interesse gilt allein den Strukturen aus Schriftzügen und Bildrastern.

Die greift sie auf, führt sie fort oder durchkreuzt sie - freie Pinselspur und historische Papiervorgabe treten in der Serie "Gestern ist Heute" in einen Dialog und formen gemeinsam eine neue Gestalt- und Zeitebene.

Meine Damen und Herren, seien es nun kalligrafische Landschaftskürzel oder grafische Zeitcollagen - Clara Rimanns Zeichnungen sprechen eine ganz eigene Sprache, die sich nicht auf den ersten Blick erschließt.

Das Wesen dieser Kunst fordert Aufnahmebereitschaft und Durchlässigkeit - so wie sie sich die Künstlerin zu eigen gemacht hat.

Man muß sich als Betrachter auf die manchmal nervösen, scheinbar flüchtigen Andeutungen einlassen, auf den Wechsel des Strichs mal filigran, mal flächig oder spröd, auf seine Dynamik und auf seine Einsilbigkeit.

Explizite Kunst, die alles zu sagen versucht, was sie bedeuten will, bedeutet noch weniger, als sie sagt.

Sie schließt sich selbst in ihren Grenzen ein.

Die Kunst der suggestiven Andeutung hingegen ist grenzenlos - sie ist so weit und tief, wie unsere eigene Vorstellungskraft sie macht.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen nun viel Freude beim Gang durch die Ausstellung.

* Dagmar Burisch ist Kunsthistorikerin und lebt in Hirschberg bei Weinheim

© Copyright 1999 - 2011 kokhaviv publications