Aus der Reihe
Islamische Renaissance
Übersetzt und herausgegeben von der Botschaft der Islamischen Republik Iran, Presse- und Kulturabteilung, in Bonn
Auszüge
Heft 1, August 1980
Zivilisation und Modernismus
Es ist lächerlich, daß wir, die vom Auto überfahren worden sind, uns Hände, Füße und Rippen gebrochen haben, blutüberströmt gerade denjenigen nachahmen, der am Steuer gesessen und uns überfahren hat.
Also denjenigen, der des Autofahrens und des Überfahrens überdrüssig geworden ist.
Auf diese Weise sind die nicht-europäischen Gesellschaften durch die europäischen Gesellschaften entfremdet worden; sie leiden unter Selbstentfremdung, d.h. der Gebildete und Intellektuelle der orientalischen Gesellschaft hat keine Empfindungen wie ein Orientale, er klagt nicht wie ein Orientale, er wünscht nicht wie ein Orientale und er leidet auch nicht nach den Erfordernissen seiner eigenen Gesellschaft, er hat vielmehr die Sorgen, Leiden und Nöte eines Europäers in einer kapitalistischen und materiellen Überfluß-Gesellschaft.
Das ist der größte Kummer und die größte Verirrung in der heutigen menschlichen Gesellschaft; die psychische Verirrung der Persönlichkeit der Nicht-Europäer, die in Wirklichkeit etwas anderes sind als sie fühlen, denn sie fühlen in sich einen anderen.
In alten Zeiten identifizierten sich die nicht-europäischen Länder mit sich selbst.
Vor 200 Jahren hatten sie zwar nicht die heutige europäische Zivilisation, dafür war aber jeder er selbst.
Ihre Gefühle, ihre Wünsche, ihre Arbeitsweise, ihre geistigen Werte, ihre Entspannung, Geschmäcke, Vergnügen, ihre Gebete, ihre guten und schlechten Taten, ihre Künste, ihre ästhetischen Gefühle, ihre philosophischen Gedanken, ihre religiöse Denkweise, alle gehörten ihnen selbst.
Wenn jemand in Indien oder Afrika ankam, wußte er gleich, daß er sich in Indien bzw. Afrika befindet.
Er fand eine besondere Geschmacksrichtung, besondere Bauweise, besondere Dichtung.
Sie malten wie ein Inder, die Dichter litten wie Inder, sie dachten ihrer Gesellschaft entsprechend, sie hatten ihre eigenen Farben, Krankheiten, Wünsche, Religionen - alles gehörte ihnen.
Obwohl der Lebensstandard niedrig war, gehörte ihnen alles, was sie hatten.
Sie waren nicht krank, aber arm - denn Krankheit ist anders als Armut.
Die heutige europäische Gesellschaft hat es geschafft, in dem Maße, wie sie die Erscheinungsformen ihrer Gesellschaft in die nicht-europäischen Gesellschaften einführt und ihre modernen Waren in diesen Gesellschaften verbrauchen läßt, ihre philosophische Denkweise, Ideologien, Geschmacksrichtungen, Verhaltensweisen in diese Gesellschaften einzuführen - in Gesellschaften, die für diese Verhaltens- und Denkweisen, Geschmäcke und Begeisterungen nicht geeignet waren.
So wurden außerhalb der europäischen Zivilisation Gesellschaften geschaffen wie eine Mosaikgesellschaft.
Nun, was bedeutet eine Mosaikgesellschaft?
Das Mosaik setzt sich aus Hunderten kleiner bunter Steine zusammen, die in einer Form zusammengepreßt worden sind.
Welche Form besitzen sie selbst?
Gar keine!
Die Mosaiksteine haben verschiedene Farben, verschiedene Teile, die keine besondere Form bilden.
Die Zivilisationen sind ebenfalls Mosaikzivilisationen.
Etwas Material besitzen sie von alten Zeiten, einige Materialien ohne Form und Norm aus Europa eingeführt; daraus setzt sich das Mosaik einer halb zivilisierten, halb modernisierten Gesellschaft zusammen.
Für den Aufbau einer zivilisierten Gesellschaft haben wir nicht das aussuchen können, was für den Aufbau der europäischen Zivilisation notwendig war.
Die Zusammensetzung des Mosaiks wurde auch von ihnen bestimmt; denn wir wußten nicht, was "Zivilisation" ist und welche Form sie hat.
Ohne zu wissen, was wir in dieser Gesellschaft aufbauen sollten, bevor wir uns entscheiden konnten, wie wir unsere Gesellschaft nach eigener Denkweise gestalten und nach einem vorgegebenen Plan Elemente eigener bzw. fremder Kultur hineinbringen, haben wir ohne Plan unterschiedliche Elemente aus aller Welt zusammengeworfen, worin sich europäische, eigene, vergangene, gegenwärtige Materialien in einem Haufen befinden - ohne Form, ohne Gestalt.
Es wurde eine modernistische Gesellschaft ohne Form und Ziel aufgebaut.
Das sind nichteuropäische Gesellschaften, die innerhalb eines bzw. eineinhalb Jahrhunderts die Materialien unter der Bezeichnung Zivilisation aus Europa übernommen haben.
Auf welche Ursprünge geht die form- und ziellose Mosaikzivilisation in den nicht-europäischen Ländern zurück, in denen weder die Bevölkerung noch die Denker wissen, warum sie leben, wofür sie leben, welche Zukunft auf sie wartet und welche Ansichten sie vertreten?
Vom 17. bis zum 19. Jahrhundert wurde die Maschine in Europa entdeckt und entwickelt.
Sie blieb in der Hand des Kapitalisten und des Reichen.
Eine Maschine muß die Produktion steigern...
(...)
Die Maschine wurde dabei von Wissenschaft und Technik unterstützt.
Sie konnte ihre Produktion ständig steigern.
Das führte zu einer Veränderung der Menschheit.
Wir dürfen nicht denken, daß dieses nur eines der vielen Probleme in der Welt ist.
Dieses ist das Problem...
Heft 2, Oktober 1980
Exploitation und Raffinierung der kulturellen Quellen
Was er darauf erwiderte, ist bezeichnend für die Beziehungen des Abend- und Morgenlandes in den letzten drei Jahrhunderten:
Ich habe hier eine Akte, aus der hervorgeht, daß alles von diesem Mann abhängt.
Wenn er gesteht, werden sich alle Fragen aufklären.
Er gesteht aber nicht, weil er in seinem Wohnviertel ein wichtiger Mann ist.
Alle nennen ihn "Hadsch Agha", er ist ein respektabler Mensch und genießt das Vertrauen der Leute.
Alle wissen, daß er kein Geständnis ablegen wird, da dies sein Ansehen verletzen würde.
Aus diesem Grunde gibt er nichts zu.
Er möchte seine Persönlichkeit bewahren.
Er wird nichts sagen, auch wenn ich ihn unter Druck setzen, auspeitschen und foltern würde.
Ich muß ihn seines Ansehens, das einem Geständnis im Wege steht, berauben.
Was man auch mit ihm anstellen mag, er wird nichts zugeben, solange er sagen kann, ich bin ein "Hadsch Agha", ein respektabler Mensch in meinem Wohnviertel, meine Familie ist dies und jenes, die Leute erwarten etwas von mir, sie vertrauen mir, ich bin ihre Vertrauensperson.
Er wird nichts sagen, auch wenn man ihn mit 100.000 Tuman Geldstrafe belegte und ebenso dann nicht, wenn er 100 Peitschenhiebe bekäme.
Warum?
Seine Persönlichkeit hindert ihn daran.
Die menschliche und soziale Persönlichkeit, die er für sich und seine Familie in Anspruch nimmt, hindert ihn daran, zu gestehen.
Sie muß ich ihm nehmen.
Ich muß ihn vor sich selbst zu einer Unperson machen, damit er begreift, daß er ein Niemand ist; dann wird er kommen, mir die Füße küssen und sagen:
"Holen Sie mich hier 'raus und machen Sie mit mir, was Sie wollen."
Dann hat er ja nichts, was verletzt werden könnte.
Ihm steht nichts mehr im Wege, das ihn zwingt, solch ein soziales Verhalten oder solche Entschlossenheit und Reaktion zu zeigen.
Sordel, einer der großen afrikanischen Schriftsteller - einer der großen Denker und Intellektuellen Afrikas, den man anstelle von Jean Paul Sartre kennen müßte - sagt:
In den Beziehungen zwischen zwei menschlichen Gesellschaften, zwischen den abendländischen und morgenländischen Gesellschaften, herrscht eine gegensätzliche, eine dialektische Beziehung, eine Art Dialektik, die bei der Mutter-Kind-Beziehung vorhanden ist:
Die Mutter beleidigt das Kind, verprügelt es und weist es ab.
Damit dem Kind diese Verleugnung und Abweisung künftig erspart bleiben, damit es von der Mutter nicht mehr verprügelt und beleidigt wird, sucht es Schutz bei ihr.
Die Mutter akzeptiert es wieder, weil es der Mutter gegenüber nicht mehr das aufsässige Kind ist; es ist jetzt ein Teil der Mutter, sucht Schutz bei ihr.
Das Kind hat seine erste Persönlichkeit schon verleugnet.
Die erste Persönlichkeit, die sagen wollte: "Ich bin dein Kind, ich gehorche nicht, ich bin ein unartiges Kind und brauche auf dich nicht zu hören", wurde von der Mutter angegriffen, sie wurde beleidigt.
Damit es nicht weiterhin beleidigt und verprügelt wird, sucht es bei der Mutter selber Schutz, um seine ungünstige Lage zu verbessern.
Die dialektische Beziehung sieht so aus:
Das Kind wird von der Mutter beleidigt.
Um diesen Beleidigungen zu begegnen, sucht es seinen Schutz bei der Mutter.
Die Beziehungen von zwei Menschen, von zwei Gesellschaften des Orients und des Westens gestalten sich ebenso.
Das ist eine Sordel'sche Dialektik.
Der Gegensatz zwischen der höheren und der niederen, zwischen der schwarzen und der weißen Rasse.
Der Abendländer mit seiner Philosophie, angefangen von Nietzsche bis Hegel und Graf de Gobineau.
Sogar Ernst Renan, einer der größten moralischen Humanisten der Welt, erzählt diesen Unsinn:
Die nordische Rasse sei die höhere Rasse, und dafür führt er tausend philosophische, wissenschaftliche und physikalische Gründe an.
Ich habe es mit eigenen Augen gesehen:
An der Sorbonne schrieb ein Mediziner seine Doktorarbeit über die Gehirnzellen der Schwarzen und Weißen; da kommen einige weltbekannte Professoren und verleihen ihm die Doktorwürde, weil er bewiesen habe, daß das Gehirn der Schwarzen von niederer Qualität als das der Weißen sei.
Der Herr Doktor behauptet nämlich, das Gehirn der Schwarzen hätte weniger graue Zellen als das der Weißen.
Sie versuchen, die Zustände der dekadenten, ignoranten Gesellschaft der vorislamischen Periode der arabischen Geschichte physiologisch, psychologisch und philosophisch zu erklären.
In den heutigen Schulen Europas werden die Kriege zwischen Griechen und Iranern zu der Zeit, als die Iraner die höchste Kultur der Antike besaßen - als Kriege zwischen Barbaren und Griechen bezeichnet.
Die Franzosen und Italiener wissen überhaupt nicht, daß mit Barbaren die Iraner gemeint sind.
Sie wissen nicht, daß die Iraner schon zu der Zeit eine Zivilisation besaßen.
Sie glauben, die menschliche Zivilisation hätte für immer eine Niederlage erlitten, wenn die Griechen in diesen Kriegen von den Barbaren, d.h. von den Iranern besiegt worden wären.
Da aber glücklicherweise die Griechen die Barbaren besiegten - und weil sie Abendländer sind -, wurde die Zivilisation gerettet.
Heft 4, April 1981
Die vier Gefängnisse des Menschen
Die Menschengestalt (Baschar) ist ein "Sein", der Mensch ist jedoch ein "Werden".
Der Unterschied zwischen einem Menschen und einer Menschengestalt sowie allen Erscheinungen der belebten und unbelebten Natur liegt darin, daß jede Naturerscheinung ein "Sein" ist und nur der Mensch in der besagten Definition ein "Werden".
Was heißt das?
Als Beispiel nehmen wir die Ameise.
Es gibt Spuren von Ameisennestern in Afrika, die 15 Millionen Jahre alt sind.
Sie sind genauso gebaut, wie sie heute gebaut werden.
Die Ameise ist also ein "Sein", ein überall und jederzeit statisches Wesen.
Sie hat eine unveränderliche Definition.
Das gilt für Berge, Sterne, Wasser, Pferde, Löwen, Vögel und ebenso für die Angehörigen des Menschengeschlechts.
Sie haben ebenfalls eine unveränderliche Definition.
Es handelt sich um einen Seienden, der sich auf zwei Füßen fortbewegt.
Diese unveränderliche Definition gibt ein Schriftsteller in einer phantastischen Erzählung:
Ein großer Wissenschaftler fährt zum Mars.
Als er auf den Straßen des Mars spazieren geht, sieht er die Ankündigung einer Fakultät über die Rede eines Wissenschaftlers vom Mars, der eine Reise zur Erde unternommen hatte und nun über die dort befindlichen Lebewesen berichten möchte.
Der Wissenschaftler von der Erde geht zu dieser Veranstaltung und sieht, daß ein Wissenschaftler vom Mars zum Rednerpult geht und erklärt, die Theorie, es gäbe Leben auf der Erde, sei jetzt bewiesen.
Die letzten Forschungen hätten gezeigt, daß es dort sehr hochentwickelte Lebewesen gebe, eins davon heiße Mensch (baschar).
Ich kann es Ihnen natürlich nicht ganz klar machen, wie dieses Lebewesen ist, weil Sie keine Vorstellung davon haben.
Ich möchte es kurz beschreiben:
Es sieht so aus wie ein Wasserschlauch mit zwei Löchern und vier Griffen.
Man nennt sie Menschen, sie kriechen auf der Erde mit einer ungewöhnlichen und wilden Anstrengung von einer Seite zur anderen, die im ganzen Sonnensystem beispiellos ist.
Sie sind darauf versessen, einander umzubringen.
Mancherorts sammeln sie sich und bewachen sich nach einem Plan und mit viel Aufrequng mit modernen Waffen und machen sich auf den Weg zu Orten, die sie gar nicht kennen, lassen ihre Arbeit und Familie zurück, stellen sich einander gegenüber und greifen sich gegenseitig an.
Ich dachte zuerst, sie brauchen einander wegen ihrer Ernährung, stellte aber später fest, daß sie sich mit ungewöhnlicher Mühe gegenseitig umbringen und dann nach Hause zurückgehen.
Dann ergreift wieder ein anderer die Initiative, hetzt einige Leute auf, die eine andere Gruppe angreifen.
Kurz gesagt, diese Art von Lebewesen, das man Mensch (baschar) nennt, hat eine lange Geschichte der Selbstquälerei und des Selbstmordes.
Sie benützen ihre ganze Ausrüstung, sich gegenseitig umzubringen, ohne Gefühle des Hasses gegeneinander zu hegen.
Nach den Massenmorden essen sie weder das Fleisch der anderen, noch trinken sie deren Blut, was vielleicht das gegenseitige Morden rechtfertigen könnte.
Ihre Nahrung beziehen sie aus anderen Quellen.
Nach dem gegenseitigen Massenmord und dem Niederbrennen der Häuser beschleicht sie ein Gefühl des Stolzes - ein psychischer Zustand, der unverständlich ist.
Sie dichten dann Epen über diese Heldentaten.
Sie bewegen sich auf der Erde fort und sammeln alles, was ihnen in die Quere kommt, mit den Griffen, die sie an den Seiten haben.
Sie essen die delikate Nahrung, das duftende Obst und das gute Gemüse nicht in dem Zustand, wie sie auf der Erde vorkommen - das ist auch eine der Dummheiten, die wir nicht erpründen können -, sondern nehmen die gesunde Nahrung wie Fleisch und Obst, machen ein Feuer, füllen die Nahrung in besondere Töpfe, fügen übelschmeckende und scharfe Gewürze hinzu, kochen, verbrennen und essen sie; dann werden sie krank, fangen an zu jammern, der Arzt holt die Nahrung mit Hilfe von technischen Mitteln aus ihren Mägen.
Aus diesem Grunde sind die Ärzte in ihrer Gesellschaft respektable und gut verdienende Leute.
Das sind die Krankheiten des Menschen auf der Erde.
Obwohl er sehr fortschrittlich ist und die Erde beherrscht, ist er von einem Wahnsinn befallen, der bei keinem Tier zu beobachten ist.
Das ist das häßliche Bild des Menschen, und das entspricht der Wahrheit.
Wenn Sie die Geschichte des Menschen lesen, die Geschichte seiner Dummheiten, ist sie immer umfangreicher und interessanter als die Geschichte seiner vernünftigen Taten.
Heute verhält es sich genauso.
Diese Art von Mensch ist immer statisch; die Beschreibung paßt auf ihn heute noch wie auf die der Affen vor 50.000 Jahren.
Seine Waffen, Kleidung und Nahrung haben sich geändert.
Seine Eigenschaften sind die gleichen geblieben.
Dschingis Khan, der über ein primitives und unzivilisiertes Volk herrschte, unterschied sich nicht von den großen Kaisern, die in der Vergangenheit über große Zivilisationen herrschten; auch die heutigen Führer, die die großen Wirtschaftssysteme und starken Regime der heutigen Zivilisation leiten, unterscheiden sich nicht wesentlich von ihnen.
Der Unterschied besteht vielleicht darin, daß die früheren diese Ausrüstung nicht besaßen und die heutige Bildung nicht genossen hatten.
Die früheren Herrscher gaben offen zu, daß sie gekommen waren, um zu töten, aber die heutigen zivilisierten Angreifer töten und erklären, daß sie gekommen sind, um den Frieden herzustellen.
Nur die Sprache, das Lügen und die Rechtfertigung haben sich entwickelt.
Spaltung, Lüge, Mord, Rachegelüste und Ausplünderung sind so geblieben wie sie waren oder haben sich verstärkt.
Der Mensch in dieser Bedeutung ist ein statisches Wesen, das wir als Menschengestalt bezeichnen, aber der Mensch im Sinne jener höheren Werte, der zu werden wir uns bemühen, besitzt höhere und ideale Eigenschaften, die anzustreben sind; ein Wesen, das noch nicht ist, aber sein soll.
Das Ziel ist also das Menschwerden.
Das Menschwerden ist wiederum kein statischer Zustand, der Mensch ist ständig im Werden, in einem unendlichen Entwicklungsprozeß.
Inna li illahi wa inna ilaihi ragi'un: "Wir gehören Gott und zu ihm kehren wir zurück" (Koran).
Hierin ist eine humanistische Philosophie enthalten.
"ilaihi ragi'un" bedeutet, daß der Mensch zu Gott zurückkehrt.
Der Ausdruck "ilaihi: zu ihm" ist für diese Diskussion relevant.
Im Gegensatz zu den Mystikern, die behaupten, daß der Mensch Gott erreicht (wenn Hallag meint, daß er Gott erreicht hat, bestimmt er damit einen konstanten Platz für Gott, den der Mensch erreicht und sich somit bei Gott aufhält), bedeutet "ilaihi" "zu ihm hin", aber nicht "in ihm".
Wer ist "er"?
Gott.
Was bedeutet "zu Gott hin"?
Gott hat keinen bestimmten Aufenthaltsort, so daß, wenn der Mensch ihn erreicht, er seine Bewegung beenden und sich dort aufhalten könnte.
Gott ist unendlich und absolut.
So gesehen bekommt die Bewegung des Menschen zu Gott hin eine andere Bedeutung.
Sie ist unendlich, ständig und unaufhörlich im Entwicklungsprozeß zur unendlichen Erhabenheit.
Das ist die Bedeutung des Werdens, des Menschwerdens.
Der Mensch, der im Werden begriffen ist, hat drei Eigenschaften.
Er ist selbstwählend, bewußt und schöpferisch.
Alle anderen Eigenschaften des Menschen basieren darauf.
Wenn wir die Entwicklungsstufe des Selbstbewußtseins erreichen, können wir selbst wählen.
Nach dieser Entwicklung können wir Dinge schaffen, die die Natur nicht geschaffen hat.
Nachdem wir geklärt haben, welche Eigenschaften der zu werdende Mensch besitzen soll, müssen wir die auf diesem Weg auftretenden Hindernisse erkennen, um sie zu überwinden und unseren Weg, unsere geistige und innere Wanderung im Entwicklungsprozeß fortzusetzen.
Heft 5, Oktober 1981
Der Regierungsauftrag Imam Alis an Malik Al-Aschtar
(Oh Malik), sei gerecht gegenüber Gott *) und dem Volk einerseits und Dir, Deiner nahen Verwandschaft und Deinen Freunden andererseits.
Unterdrücke die Volksmassen nicht und lasse nicht zu, daß Deine Verwandten und Freunde sie in Deinem Namen unterdrücken.
Wer immer die Geschöpfe Gottes unterdrückt, wird sich die Feindschaft Gottes genauso zuziehen wie die Gegnerschaft jener, die er unterdrückt hat.
Jeder Tyrann und Unterdrücker befindet sich im Krieg gegen Gott, es sei denn, daß er Reue zeigt und von der Unterdrückung abläßt.
Bedenke, Malik, daß nichts in der Welt so wirkungsvoll Gottes Segnungen in Zorn umwandelt und nichts seine Vergeltung schneller hervorruft als Unterdrückung und Tyrannei über seine Geschöpfe.
Denn der barmherzige Gott hört die Schreie und Gebete jener, die unter dem Stiefel der Grausamkeit und Tyrannei zertreten werden, und lauert auf die Unterdrücker.
Du solltest Dich ausschließlich für eine Politik entscheiden, die weder zu hart noch zu milde ist, eine Politik, die auf Gerechtigkeit basiert und weit und breit geschätzt wird, eine Politik, die die Zufriedenheit des Volkes nach sich zieht.
Bedenke, daß das Mißfallen der Allgemeinheit, d.h. der einfachen Menschen, der Habenichtse und Unterdrückten mehr zählt als der Beifall und die Zufriedenheit der privilegierten Schicht; das Unbehagen dieser jedoch verliert gegenüber der Zufriedenheit der Allgemeinheit seine Bedeutung.
Bedenke, Malik, daß diese privilegierte Schicht der Abschaum der menschlichen Gesellschaft ist.
Ihre Sattheit und Selbstzufriedenheit macht sie unbeweglich, und in den Stunden der Not und des Leids nützen sie Dir am wenigsten.
Vor allem verabscheuen sie die Gerechtigkeit.
Unablässig verlangen sie mehr, empfinden jedoch niemals eine Verpflichtung aufgrund der ihnen erwiesenen Wohltaten; werden ihre Forderungen gerechterweise abgelehnt, so werden sie niemals einen vernünftigen Grund akzeptieren.
Ändert sich die Zeit, wirst Du sie niemals zuverlässig, treu und loyal finden.
* beachte die Gebote und Verbote Gottes
Heft 6, Dezember 1981
Fatima ist Fatima**
** Text einer Rede, die Ali Schariati zehn Jahre zuvor gehalten hatte.
"Wie soll ich sein?"
In unserer Gesellschaft ändern sich die Frauen rapide.
Zeit und Umstände sowie der Einfluß der Institutionen entfernen sie von dem, "was sie sind", und berauben sie ihrer traditionellen Eigenschaften und Werte, um aus ihnen das zu machen, "was sie wollen"; wie wir sehen, haben sie Erfolg damit.
Daher lautet in dieser Zeit die kritischste Frage einer selbstbewußten Frau:
"Wie soll ich sein?"
Denn sie weiß wohl, daß sie nicht so bleiben kann, wie sie ist.
Sie bleibt nicht so und kann auch nicht so bleiben, weil man sie nicht läßt.
Andererseits möchte sie die moderne Maske, mit der sie ihre alte Erscheinung überdecken soll, nicht akzeptieren.
Sie möchte selbst entscheiden, ihre neue Identität selbst wählen.
Sie möchte ihr neues Gesicht selbstbewußt, unabhängig und echt schminken.
Sie weiß aber nicht, wie.
Sie weiß zwar, daß ihr menschliches Antlitz weder das überlieferte Aussehen ist noch die aufgezwungene und nachgeahmte Schminkmaske, weiß aber nicht, wie sie aussehen soll.
Eine zweite Frage ergibt sich aus folgenden Überlegungen:
Wir sind Moslems; die Frau in unserer Gesellschaft, die ihre Unabhängigkeit erlangen will, um eine eigene Wahl zu treffen, ist mit einer Geschichte, Kultur, Religion und Gesellschaft verbunden, die geistig vom Islam beeinflußt worden sind.
Eine Frau, die in dieser Gesellschaft ihre Identität bewahren und sich frei entfalten möchte, die in ihrer Wiedergeburt ihre eigene Geburtshelferin, aber kein Produkt der Überlieferung und Nachahmung sein möchte, kann dem Islam gegenüber nicht gleichgültig bleiben.
Es ist ganz natürlich, daß sie sich darüber Gedanken macht.
Unser Volk hat schon immer über Fatima gesprochen.
Jährlich beweint man sie tagelang und veranstaltet in Erinnerung an sie Hunderttausende von Sitzungen, Predigten, Trauerveranstaltungen und Feiern.
Lobpreisungen, Ehrerbietungen, Verherrlichungen und Beschreibungen ihrer Wundertaten sind an der Tagesordnung.
Ihre Peiniger werden verflucht.
Und trotzdem ist sie unbekannt geblieben.
Das einzige, was unser Volk von dieser großen Persönlichkeit kennt, sind einige banale Geschichten, die von Generation zu Generation überliefert und immer wieder erzählt werden:
Der Erzengel Gabriel erscheint dem Propheten und sagt zu ihm: "Sei gegrüßt vom Erhabenen, er befiehlt Dir, Dich von Khadija* zu entfernen und nicht mehr zu ihr zu gehen."
* Khadija, die spätere Frau des Propheten
Nach 40 Tagen bringt er dem Propheten eine Speise aus dem Paradies und befiehlt ihm, Khadija herbeizuholen.
Khadija erzählt:
Ich habe Tag und Nacht allein zu Hause verbracht, die Tür abgeschlossen und weinend gewartet.
Eines Nachts klopfte es; ich öffnete die Tür und erblickte den Gesandten Gottes.
Er kam herein.
Gewöhnlich betete er im Ramadan zuerst, nahm dann das Abendmahl ein und kam dann ins Schlafgemach.
Aber an jenem Abend kam er direkt zu mir und nahm mich sofort ins Bett.
Ich empfing das Licht Fatimas.
Seitdem sprach Fatima aus meinem Leib mit mir.
Ich war nicht mehr allein.
Nach ihrer Geburt ist über Fatima bis zu ihrem Tode nichts mehr zu erfahren.
Nach dem Tode des Propheten nahm ihr Abu Bakr das Ackerland Fadak weg, und Omar überfiel ihr Haus mit einer Gruppe seiner Männer; dabei wurde sie gegen die Tür geschleudert, ein Diener Omars verprügelte sie so, daß die im 6. Monat schwangere Frau eine Fehlgeburt erlitt.
Nach diesem Ereignis verbrachte sie ihre Tage damit, ihre Kinder bei der Hand zu nehmen und sie außerhalb der Stadt in eine Ruine namens "Haus der Sorgen" zu bringen, zu weinen und die Usurpatoren von Fadak zu verfluchen.
Sie verharrte stundenlang in dieser Position; so verbrachte sie ihr kurzes Leben mit Weinen und Verfluchen, bis sie starb.
In ihrem Testament bestimmte sie, man möge sie nachts begraben, um eine Leichenschändung durch jene, die sie gehaßt hatten, zu verhindern.
Nirgends erfährt man z.B. etwas über das, was man von Fatima lernen kann; auch nicht darüber, welche Rolle sie im Leben und Schicksal ihrer Anhänger gespielt hat.
Alles dreht sich um Fürsprache beim Jüngsten Gericht und Geschichten wie diese:
Dann ruft der Herold vom Throne Gottes den Völkerscharen zu:
Wendet Euren Blick von Fatima, der Tochter des Auserwählten Gottes, und laßt sie zu ihrem Schloß!
Dann geht meine Tochter Fatima im grünen Doppelgewand vorüber, und 70.000 Engel werden um sie sein.
Im Namen des Erhabenen wird dann verkündet:
Ich werde meine Geschöpfe wegen Deiner Leiden so lange nicht zur Rechenschaft ziehen, bis Du in den Himmel gekommen bist.
Du, Deine Kinder, Deine Anhänger und diejenigen, die Dir eine Wohltat erwiesen haben, werden in den Himmel kommen, bevor Gott, der Erhabene, seine Diener zur Rechenschaft zieht.
Das sind die einzigen Informationen, die unter dem Volk über diese große Persönlichkeit existieren.
Trotzdem hat es ihre Größe und Würde aus tiefster Seele anerkannt und sich ihr mit unerschütterlichem Glauben und grenzenloser Ergebenheit, zu denen ein Volk jemals fähig sein kann, gewidmet.
Genialität und Wahrheitsliebe
Meines Erachtens begründet sich die Ehre, die unserem Volke im Laufe seiner Geschichte zuteil wurde und worauf es mit Recht stolz sein kann, darauf, daß es sich in den schwärzesten und schwersten Stunden der Geschichte für Ali entschied.
Sie legt ein beredtes Zeugnis von dem Genie und der Wachsamkeit dieses Volkes ab und ist ein Beweis für sein Urteilsvermögen und den starken Willen, der Gewalt und Unterdrückung zu widerstehen, den Betrug und die Lüge anzuprangen, den ausbeuterischen Verräter bloßzustellen, sich gegen das herrschende System aufzulehnen, keiner Propaganda der regimeabhängigen Religion und Geistlichkeit zu erliegen und das unbekannte, fremde, schwache und versteckte Recht hinter dem dunklen, bekannten und starken Vorhang des Unrechtes zu entdecken.
Unser Volk wurde durch die Kalifen islamisiert.
Diese, die Dynastien der Umayyaden** und der Abbasiden, die türkischen, arabischen, mongolischen und iranischen Khane wurden ihm als Vertreter des Islam, der Herrschaft des Koran, der Tradition des Propheten, des Lagers des Rechtes und der Religion der Wahrheit vorgezeigt.
** Umayyaden-Dynastie 661-750 n.Chr.
Unser Volk hat den Islam und alle neuen Anschauungen und Erkenntnisse präsentiert bekommen:
Kanzel, Altar, Koran, Exegese, Tradition, Predigt, Moschee, Islamschule, der Imam, der Kadi, der Theologe, der Philosoph, der Dichter, der Historiker, der Religionskämpfer, der Gefährte und der Anhänger des Propheten dienten dazu, das Regime des Kalifats und der Sultane als die "offiziellen Nachfolger" des Propheten und den gesetzlichen Imam der islamischen Gemeinde sowie die Herrschaft des Koran und der Tradition zu rechtfertigen.
Sie alle waren Mittel zum Zweck, wie es heute bei Rundfunk, Film und Fernsehen, Presse, Propagandisten und den Theoretikern der herrschenden Klasse der Fall ist.
Dieses fremde Volk, das nicht einmal die Sprache des Islam kannte, erkannte jedoch trotz ständiger Propaganda hinter den schwarzen Wolken der gelenkten Wissenschaften der Theologie, Philosophie, Religion, Kultur, Geschichte, Tradition und Exegese, die im Dienste des Kalifats standen und den bestehenden Zustand zu rechtfertigen und zu institutionalisieren suchten, daß dies alles Lügen sind.
Es erkannte trotz der lautstarken Propaganda, daß das Recht nicht auf der Seite dieser prächtigen Gestalten steht.
Es erkannte, daß das Recht auf der Seite des Mannes steht, der eine Ecke der Moschee des Propheten bewohnt und Gefangener der Ignoranz seines Volkes und Opfer der Politik der großen Prophetengefährten und Vorkämpfer des Islam geworden ist.
Es fand abseits des grünen Schlosses in Damaskus und der Tausendundeine-Nacht des Kalifen-Sitzes in Bagdad die verlassene Lehmhütte Fatimas und erkannte, daß der Islam in dieser sorgenvollen, verlassenen und stillen Hütte fortlebt.
Dieses fremde Volk, das durch die Schwerter der Kalifen und den Aufruf der offiziellen Geistlichkeit des Kalifats den Islam angenommen hatte, konnte das sehen, was die Bevölkerung von Medina, die Araber und die Gefährten des Propheten nicht sahen oder nicht sehen wollten.
Es erkannte eine Tatsache, die von großen Schulen und Universitäten in Damaskus und Bagdad nicht erkannt wurde.
Es war eine schwere und erstaunliche Entscheidung; sie manifestierte gleichzeitig das geniale Denken und die ungewöhnliche Wachsamkeit, die geistige Unabhängigkeit, die Wahrheitsliebe und den Mut dieses Volkes, sich gegen die Geschichte aufzulehnen und die Weltherrschaft der Kalifen, die mehr als alle herrschenden Systeme der Geschichte über eine erdrückende politische und militärische Macht, ein großes religiöses Glaubenskapital und ein unendliches Reservoir an Kultur, Literatur und Wissenschaft verfügte, abzulehnen.
Dieses fremde Volk hörte und erkannte mitten im Getümmel des Krieges, des heiligen Kampfes, der Eroberungen, Niederlagen, Unterdrückungen, dem Geschrei nach Fortschritt, Wissenschaft, Philosophie, Kultur, Zivilisation und Revolution und anderen Auseinandersetzungen der Welt und der Religion den leidvollen Ruf eines in seiner eigenen Stadt fremden Mannes, der abseits der Städte und einsam vor der Wiederbelebung der Lüge, der Obrigkeit und der Ausbeutung warnt und weiß, daß Lüge und Betrug, die in den Gestalten der Kaiser und Könige angeprangert und verurteilt wurden, nun die Gestalt der Frömmigkeit und Religion annehmen und Gottes Geschöpfe jahrhundertelang weiter betrügen werden.
Wieviel Blut muß fließen, welche Anstrengungen werden nötig sein, ehe sie in dieser neuen heiligen und schönen Aufmachung wieder bloßgestellt werden können!
Wie wir sehen, sind die ersten Opfer dieser neuen Verdummung und Ausbeutung im Islam die Bevölkerung und ihre Schicksale.
Ein Symbol dieses Opfers ist Ali, vor ihm seine Frau und in den nachfolgenden Generationen seine Nachkommen.
Zweifellos ist diese Entscheidung und Erkenntnis in den schwersten und dunkelsten Stunden der Geschichte unserem Volk nicht leichtgefallen.
Sie zeugt von Reife, Unabhängigkeit, Mut, Liebe zu Wahrheit und Menschlichkeit, geistiger Größe sowie der Fähigkeit, den tieferen Sinn der Dinge zu erfassen, die höheren Werte zu erkennen und die Wahrheit allen Schwierigkeiten zum Trotz zu suchen.
Diese vielseitigen Fähigkeiten waren notwendig, um eine andere Meinung zu fassen, anstatt das Urteil der Geschichte zu übernehmen und als Antwort auf die Propaganda der Minarette, Altäre und Kanzeln angesichts der großen Gefährten des Propheten, der Gelehrten, der Richter, der offiziellen Imame und ihrer blutbefleckten Schwerter, die im Westen und Osten, Tag und Nacht, ein "Ja" im Chor verlangten, "nein" zu sagen.
Dennoch fordert der Glaube nicht nur Genialität und Geist, sondern auch Opfer.
Für den Sieg des Rechtes wurden Aufopferung, Mut, Aufrichtigkeit, Leidensfähigkeit und die Bereitschaft verlangt, Folter, Verleumdung, Leid, Gefangenschaft, Flucht, Einsamkeit und Verrat zu ertragen, fromm, hilfsbereit und geduldig zu sein und sich selbst von Profitsucht, Angst, Lüge, Scheinheiligkeit und Besserwisserei zu befreien.
Das sind die Grundsätze, die die Geschichte der Schia bestimmten.
Damit meine ich die Schia Alis, nicht die der Safawiden oder die des Schah Abbas.***
*** Dynastie der Safawiden in Iran 16. und 17. Jahrhundert; daraus hervor gegangen Schah Abbas der Große. Die Safawiden waren Anhänger des Imam Ali, erhoben die Schia erstmals zur Staatsreligion, was bald zum Konflikt mit dem sunnitischen Osmanischen Reich führte.
Eine Schia, die der Unterdrückung und Gewalt in der Geschichte den Kampf ansagt, nicht eine, die selbst zum Unterdrücker und Gewalttäter wird; die Religion der Gerechtigkeit und die Herrschaft des Gerechten, nicht aber eine Sammlung geschichtlicher verdrängter Komplexe, völkischer Rachegelüste, verbaler und suggestiver Haßgefühle gegen die Person des Kalifen anstatt gegen das Kalifat, nur vergangenheitsbezogen anstatt gegenwartsorientiert, nur jenseitsorientiert statt diesseits.
Gemeint ist jener auf Ali zurückgehende Führungsauftrag, der die Schia aus den Fesseln der Herrschaft der Unterdrückung, Gewalt und Unwissenheit befreit, nicht aber die Führungsbefugnis der der Gotteslästerung verfallenen Sufis****, die weder Gott noch seinen Geschöpfen dienen können.
**** "islamische" Mystiker
Jene Schia ist nichts anderes als der Islam; nicht etwa, wie uns eingeredet wird, "Islam und andere Dinge".
Nein, die Schia ist der reine Islam, Islam minus Kalifat, Pseudo-Arabertum und Aristokratie.
Nicht die Schia hat dem Islam die beiden Grundsätze Gerechtigkeit und Imamat (Führungsauftrag) hinzugefügt.
Islam ohne Gerechtigkeit und Imamat ist wie die Religion ohne Islam, d.h. nur Religion, wie es in der christlichen, jüdischen, zoroastrischen, buddhistischen, taoistischen und vedaischen Religion der Fall ist.
In der "neuen Epoche der Ignoranz" wurden dem Islam die Begriffe "Herrschaft, Rasse und Klasse" hinzugefügt.
Die Auseinandersetzung zwischen Schia und Sunna war eine Auseinandersetzung zwischen Imamat und Gerechtigkeit einerseits und Despotie und Unterdrückung andererseits.
Alle anderen glaubensbezogenen, interpretationsmäßigen, geschichtlichen, philosophischen und religiösen Meinungsverschiedenheiten resultieren daraus.
Ali wurde Mohammad nicht hinzugefügt.
Wir halten uns an Ali, um Mohammad nicht zu verlieren; denn Muawiye, Marwan, Mutiwakkil, Harun - welche die Kaiser und Pharaonen ihrer Zeit und Erben Abu Djahls und Abu Sufians waren - sprachen auch von Mohammad.
Wir haben weder die Tradition des Propheten durch die Familie des Ali ersetzt, noch haben wir ihr etwas hinzugefügt.
Es ist seine eigene Familie, wir fragen sie ganz einfach und offen, was er gesagt, getan und gewollt habe.
Heft 9, September 1983
Hadsch
Maschar: Lokalnomen, Ort des Begreifens.
Arafat, das Symbol der Erkenntnis, ist im Plural gebraucht worden; Maschar ist jedoch Singular.
Das bedeutet, daß es viele Tatsachen gibt, aber nur eine einzige Wahrheit, einen einzigen Weg zur Wahrheit, den Weg der Menschen zu Gott.
Wege der Erkenntnis gibt es jedoch viele, denn hier geht es um die Feststellung der Tatsachen und um das Erkennen der Realitäten.
Arafat widerspiegelt die Gegebenheiten wie sie sind.
Die Wissenschaft ist das Spiegelbild der Religion und der Welt, mal heißt sie Religionswissenschaft, mal heißt sie Physik.
Es gibt keine gute oder schlechte Wissenschaft, keine reine oder unreine Wissenschaft, keine Wissenschaft der Gläubigen oder der Ungläubigen, keine Wissenschaft der Freunde oder der Feinde, Wissenschaft bleibt Wissenschaft immer und überall.
Hier handelt es sich nicht um Verdienst oder Verrat.
Das sind eher Fragen des Bewußtseins, jener inneren Einstellung, die die Wissenschaft in ihren Dienst stellt, ihr eine Richtung gibt, rechtleitet oder irreführt, Frieden stiftet oder Krieg heraufbeschwört, Gerechtigkeit walten läßt oder unterdrückt.
Die Erkenntnisse einer kapitalistischen Gesellschaft unterscheiden sich nicht von denen einer klassenlosen Gesellschaft.
Physiker, die dem Nationalsozialismus dienten, und diejenigen, die seine Opfer wurden, besaßen die gleichen Erkenntnisse über die Natur.
Geistliche, die den Kalifen dienten, und diejenigen, die von ihnen unterdrückt wurden, besaßen die gleichen Erkenntnisse über die Religion.
Was den einen zum Henker, den anderen zum Märtyrer, den einen zum Freiheitskämpfer und den anderen zum Tyrannen, den einen zum Rechtschaffenen und den anderen zum Unheilstifter macht, ist nicht das Wissen, sondern das Bewußtsein.
Welches Bewußtsein?
Das ist die Frage, die es hier zu beantworten gilt, und Hadsch gibt darauf eine Antwort:
Das unverletzliche Bewußtsein.
Jenes Bewußtsein, dessen Unverletzlichkeit durch Sittsamkeit, Gottesfurcht, Würde und Reinheit geschützt ist.
Daher wurde die erste Station mit einem Wort Arafat genannt.
Die zweite Station heißt jedoch nicht nur Maschar, sondern Maschar al-Haram.
Es ist bemerkenswert, daß am Tage in Arafat und in der Nacht in Maschar haltgemacht wird.
Warum?
Weil Arafat das Stadium der Erkenntnis ist.
Die Erkenntnis setzt eine objektive Beziehung zu den Gegebenheiten der Außenwelt voraus.
Dazu ist eine klare Sicht notwendig.
Maschar hingegen ist das Stadium des Bewußtseins.
Es setzt eine subjektive Beziehung zu den Problemen voraus.
Arafat ist das Stadium der Sinneserfahrung und der objektiven Betrachtung (Nazar).
Maschar ist das Stadium der Überlegung und der subjektiven Einsicht (Basira).*****
***** Die Wörter Nazar und Basira gebrauche ich in dem Sinne, wie sie im Koran vorkommen, wo Nazar bei der Betrachtung der materiellen Erscheinungen der Natur und Basira bei der Einsicht in die Wahrheit gebraucht werden; siehe Koran 88/17 und 12/108.
In diesem Stadium (Maschar) gibt es keine verantwortungslose Einsicht, kein krankhaftes und fahrlässiges Verstehen, sondern verantwortungsvolles und engagiertes Bewußtsein, gestützt auf Aufrichtigkeit und Gottesfurcht, auf dem sicheren und geweihten Boden des Glaubens.
Daher heißt dieses Stadium Maschar al-Haram und ist ebenso geweiht und unverletzlich wie Masdschid al-Haram (die unverletzliche Moschee) und Schahr al-Haram (der unverletzliche Monat), denn an diesem geweihten Ort sind Sünde, Korruption, Streit, Aggression, Tierquälerei und das Vernichten der Pflanzen verboten.
An diesem Ort und zu dieser Zeit herrscht hier ein Gefühl der Geborgenheit, Sicherheit und Freiheit, umgeben von Gottesfurcht, Frieden, Reinheit der Seele und der menschlichen Natur.
Es ist erstaunlich: Ein Bewußtsein, das aus Erkenntnis entsteht und Liebe hervorbringt.
Es ist in unmittelbarer Nachbarschaft des Wissens und des Glaubens:
Zwischen Arafat und Mina, nach Arafat und vor Mina.
Daher ist das Bewußtsein wie eine lodernde Flamme, die aus geistigen Quellen schöpft und die Herzen erleuchtet.
Das Bewußtsein, das von den Propheten vermittelt wird, ist Hikma.
Es ist weder Philosophie noch das, was man im allgemeinen unter dem Begriff Wissen versteht.
Es ist jedoch Wissen in dem Sinne, wie es im Islam gebraucht wird, ein Wissen, das nicht Wissenschaftler, sondern aufgeklärte und bewußte Menschen hervorbringt.
Das sind keine abstrakten Abbilder der Erscheinungen und Naturgesetze, sondern es ist eine innere Erleuchtung, jenes Wissen, das nach den Worten des illiteraten Propheten wie ein Licht ist, mit dem Gott die Herzen erleuchtet, die er erleuchten möchte.
Also das Wissen von dem rechten Weg und von dem Rechtleiten.
Das Wissen von Arafat kann sich jeder aneignen, doch das Wissen von Maschar ist wie ein Licht, mit dem Gott die Herzen derer erleuchtet, die er liebt.
Welche sind das?
Es sind nicht diejenigen, die selbstsüchtig handeln, sondern diejenigen, die für die Sache Gottes aufstehen.
Diejenigen aber, die sich um unseretwillen abmühen, werden wir unsere Wege führen (Koran 29/69).
Das Wissen von dem rechten Weg und von der rechten Führung, das erlösende und rettende Licht, also jenes Bewußtsein, das einen illiteraten Beduinen zum Führer und Fackelträger eines Volkes machte; dieses Wissen kann man weder aus Büchern beziehen noch sich in Lehranstalten aneignen, sondern man lernt es auf dem Schlachtfeld des Glaubens, und die Lernenden sind Kämpfer des Volkes und jene, die den Weg Gottes suchen.
Dieses Wissen braucht kein Licht, denn es leuchtet von selbst und ist Licht.
Damit kannst Du sehen, auch wenn es Nacht ist, wie in Maschar al-Haram.
Die Nacht und die Dunkelheit brauchst Du nicht zu fürchten.
Bist Du etwa nicht auf dem rechten Weg, in einer Gemeinschaft, einer Karawane angeschlossen, wie ein Tropfen im reißenden Strom der Menschen?
Denn das Gebot lautet:
Strömet, von wo die Menschenmasse strömt (Koran 2/199).
Also - fließet, eingetaucht in die Menschenmenge.
Es ist eine aufregende Szene.
In der Nacht, im Lande des Bewußtseins, beginnt die Suche nach Waffen.
Wäre nicht die Nacht, wären keine Waffen, kein Warten auf morgen, auf den morgigen Dschihad, nötig.
Der Aufenthalt in Maschar dient dazu, nachzudenken, zu planen, Waffen zu beschaffen und sich innerlich auf den Kampf vorzubereiten.
Mobilmachung an der Grenze des Schlachtfeldes und in der Nacht vor dem Kampf.
Alles geschieht im Schutze der Nacht, im verborgenen Versteck, an der Grenze zu Mina und unter der Herrschaft des Unrechts.
Selbstbewaffnung in der Dunkelheit der Nacht, aber im Lichte der Einsicht, die Du mit Hilfe der Erkenntnis von Arafat gewonnen hast, die Nacht des Wartens, des Wartens auf morgen, auf den Morgen des Lichtes, des Sieges und der Liebe in Mina.
Das lebhafte und unruhige Heer der Menschen kommt in Maschar an.
Jeder beeilt sich, auf dem steinigen Gebirgsgelände Kieselsteine zu sammeln.
Dann kehrt wieder Ruhe ein.
Die Zeit des Nachdenkens hat begonnen.
Zelte, Zeichen, Karawanen, Mauern, Türen, Straßen, Lampen, Festungen gibt es nicht in der Wüste von Mahschar (Ort der Auferstehung).
Oh Gott, nein, das hier ist doch Maschar.
Vergeude Deine Zeit nicht damit, nach Freunden Ausschau zu halten oder Deine Karawane zu suchen.
In Maschar ist jeder mit sich allein; es gibt hier nur zwei: Dich und die Nacht.
Menschen und Tiere drängen sich zusammen wie am Tage der Auferstehung.
Am Tage, da der Mann vor seinem Bruder flieht, seiner Mutter und seinem Vater, seiner Ehegefährtin und seinen Söhnen (Koran 80/34, 35 und 36).
Aus der Selbstvergessenheit findest Du wieder zu Dir selbst.
Durch die Selbstverleugnung gelangst Du zur Selbstbestätigung.
Im Ihram entsagtest Du Deiner selbst, in Miqat schlossest Du Dich der Gemeinschaft an, beim Tawaf ließest Du Dich in den Strudel hineinreißen, beim Sa'y fandest Du Dich wieder, in Arafat ließest Du Dich von der Strömung treiben, in Maschar wirst Du Dich nun wieder fangen, denn Dir gibt Gott es in der Wüste wieder.
Nun ist jeder in der Menschenmenge allein.
Du bist wieder Du selbst, kein verlogenes Ich, ja, Du hast Dein wahres Selbst wiedergefunden.
Kleider, Äußerlichkeiten, Schminke, Farben und Masken gibt es nicht mehr.
Du bist die menschliche Lauterkeit, Du bist nur Du!
Ziehe Dich heute abend mit dem Freund zurück.
Bekenne Dich zu Deinem Selbst, das Du verleugnet hast.
Es ist aufregend und ein Akt der Befreiung, sich zu sich selbst zu bekennen.
Es ist nun an der Zeit, Schranken niederzureißen, Vorhänge aufzuziehen und zu befreien, was Du Dein Leben lang in der dunkelsten Kammer Deines Inneren eingesperrt hast; denn hier stehst Du allein vor Ihm.
In der Einsamkeit schlossest Du Dich der Gemeinschaft an, und in der Gemeinschaft bist Du nun allein.
Die Individualität, die Du in der Gemeinschaft wiederfindest, ist so wertvoll wie eine Perle, die aus den Tiefen des Meeres herausgeholt wird.
Es ist wunderbar, Schulter an Schulter mit Menschen und dennoch allein zu sein.
Hier ist Muzdalifa, die Strecke zwischen Maschar und Mina; der Weg wird immer schmaler und schließt die Menschen ein, so daß sie immer enger zusammenrücken.
Millionen von Menschen sind nicht wie gewöhnlich in alle Richtungen verstreut, getrennt voneinander, jeder für sich allein, hinter den Mauern der Städte und Häuser, verschlossen und in sich gekehrt, sondern laufen zusammengedrängt und Schulter an Schulter auf diesem schmalen Weg; doch jeder ist unter diesem Himmel und in dieser Welt allein, als ob der Mensch in der Absolutheit der Gemeinschaft einsamer wird.
Keiner kümmert sich um den anderen.
Keine Angst, die Nacht bietet Dir die sittliche Geborgenheit.
Keiner wird in Dir das erblicken, was Du nicht bist.
Vertraue Dich der Nacht an!
Was sage ich da?
Nur die Erde von Maschar hat sich mit Dunkelheit überzogen, doch der Himmel von Maschar ist Gottes Reich.
Wenn Deine sehnsüchtigen Blicke wie Schmetterlinge über diesen stillen, von Mondlicht durchfluteten Palmenhain wandern und Dein ruheloses Herz den himmlischen Segen erhofft, fühlst Du mit Deinem ganzen Dasein die Einsamkeit der Wüste, zu der Du verdammt worden bist...