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NewCatch - online exclusive

Die Freiheit ist unsere Sicherheit

2004-08-16

Sam Wonder

Der Verlust des sozialen Gewissens

"Hartz IV" ist nur ein Anlaß, es geht um viel mehr...

Vielleicht ging es nicht verloren.

... war, was heute nicht da ist, auch früher nicht da...

Bei jeder Gelegenheit begegnet es einem: was fehlt.

ReporterInnen fährt der Schrecken nicht in die Glieder, die Frage ist nicht nach den Opfern, den Verletzten, den Angehörigen der Toten...

"Wie geht man damit um?" und "Wie wird man damit fertig?"... - der Polizist, der Feuerwehrmann, wie werden sie "den nächsten Einsatz" organisieren?

Im neuen deutschen Film, die Szenen werden besser, die Dialoge stimmen "immer öfter", weiß der Himmel, warum es mit den Emotionen diese Schwierigkeiten hat...

Wo sind die Regisseure, die Einpeitscher, Vorsprecher, Durchsetzer, die den Haß ihrer Spieler nicht fürchten?

Der Haß auf den "Alten", den "Boß", der alles aus den Schlafmützen heraus trommelt, ist das Elixier des Theaters wie des erfolgreichen Mannschaftssports.

Wenn sich das bessert in Deutschland, sind wir auf dem Wege der Besserung und Stabilisierung überhaupt.

Es würde sich politisch auswirken.

Eine intakte - autonome - Seele übt sich auch gesellschaftlich...

Seit der Niederlage im Zweiten Weltkrieg wird in Deutschland 'angesagt', unauffällig geregelt.

Die Menschen denken, reden und handeln nicht spontan, nicht freiwillig und frei aus dem eigenen, inneren Gesetz heraus, sondern nach dem, "was alle machen"...

Ein Nachkriegsbegriff der Selbsteinschüchterung - "Freiwillige Selbstkontrolle" - und die SPIEGEL-Meinung am Montag sind Beispiele nur.

Wir sind eine Demokratie, lassen nichts auf unsere Freiheit kommen, üben keine Kontrollen aus und bedürfen keiner Kontrollen...

Wir kontrollieren uns selbst.

Zum Wochenende ein wichtiges politisches Ereignis einschätzen und kommentieren...

Bis zum Montag rührt sich keine Feder, keine Tastatur in Deutschland...

Am Montag - Usus vor und neben dem Internet - gibt der Spiegel die neue Sprachregelung heraus.

Rechtschreibreform, Verschärfung des § 130 StGB ("Volksverhetzung"), Kritik der "Anti-Terror"-Koalition, vor der Wende die "Friedensbewegung" und das Tabu-Thema "Wiedervereinigung"...

Erst hinter her werden kritisch abwägende Stimmen laut, vier oder fünf Jahre zu spät meldet sich bei Springer und Spiegel die alte Rechtschreibung zurück, so wird dem ersten Schaden ein zweiter hinzu gefügt.

Rudolf Augstein erwähnte in einem Spiegel-Gespräch mit Daniel J. Goldhagen, daß er, Augstein, schon immer gegen den "130" gewesen sei; nur als die verschärfte Gesetzgebung, die ein kräftiger Einschnitt in unsere grundgesetzlichen Freiheiten und Rechte war, durchs Parlament ging, blieben Augstein, Spiegel und Spezis stumm.

Als die sogenannte Rechtschreibreform durchkam, äußerte sich keiner der offiziösen Verwalter und Nutzer der deutschen Sprache, deren Verhunzung sofort hätte verhindert werden müssen.

Die Sprache ist die Seele des Volkes, an ihr darf nicht amtlich herum gemurkst werden.

Rechtschreibregeln, Grammatik, Syntax... sind Vereinbarungen, die in Jahrzehnten und Jahrhunderten getroffen wurden, was schlimm genug...

Goethe habe es damit nicht so genau genommen...

Sind seine Bücher - im Original - heute noch "lesbar"?

Die antiken und heiligen Sprachen - das Lateinische, das Alt-Griechische, das Hebräische, das Arabische... - sind unangetastet geblieben.

Ein Volk, dem die Muttersprache nicht heilig ist, lebt wie unter einem Fluch.

Das deutsche Volk ist ein relativ junges Volk, dessen gründende Schrifttradition im engeren Sinne vor allem auf Luthers Bibelübersetzung und die deutschen Philosophen zurück geht.

Die deutsche Stiftungsliteratur knüpft einerseits an die christlich-jüdische, Neu- und Alt-Testamentarische Überlieferung an.

Andererseits versucht sie und gelingt ihr eine autonome philosophische Neugründung.

Die deutsche Philosophie, so hergeleitet - aus dem griechischen, dem indischen, dem chinesischen Denken - sie auch erscheinen mag, ist ein schöpferischer Akt ersten Ranges, der in der Geschichte seines gleichen sucht.

Doch wer liest Luther und die deutschen Philosophen in deren Sprache?

Aufnahme und Reflexion aller erreichbaren philosophischen und theologischen Textkultur hinterläßt Spuren im deutschen Denken und Urteilen.

Von der klassischen Musik und der großen deutschen Dichtung ganz zu schweigen.

Deutschland ist - historisch und konkret besehen - ein geistiger und wirtschaftlicher Riese, der an seiner seelischen Gesundung und politischen Wiederkehr arbeitet, ohne damit voran zu kommen.

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