2004-09-22
Über Tschechen und Tschetschenen
Die Große Anti-Terrorismus-Koalition und das Wiedererstarken des Rechtsextremismus in Deutschland
Was haben Beslan und NPD miteinander gemein?
Deutschland ist gefragt, und eine Zensur findet statt: Kavkaz Center, Islamisch-Arabischer Kongreß...
Hierbei kommt es wirklich auf das Gesamtbild an.
1968 läutete die Sowjetunion mit ihrem Einmarsch in die damalige CSSR eine neue Phase ihrer Europa-Politik ein, die schließlich in den Untergang des gesamten Sowjetblocks führte.
Wie der Krieg im Kaukasus, mit besonderer Radikalität gegen Tschetschenien, so war auch die Unterdrückungspolitik gegen die Emanzipationsversuche im damaligen Ostblock ein Zeichen der Schwäche und nicht etwa der Stärke des russischen Riesenreichs.
Die Megalomanie der russischen Politik ist wie der maßlose Riesenwuchs der - zumindest in medialen Mythen existenten - Dinosaurier ein Omen des Abgesangs.
Die Landtagswahlen in Brandenburg und Sachsen haben beide auch etwas mit Rußland zu tun.
Der DVU-Vorsitzende Dr. Gerhard Frey ist mit dem russischen "Liberal-Demokraten" Wladimir Schirinowski befreundet, während die NPD eine pointiert rußlandfreundliche Außen- und Europolitik im Programm hat.
Die mediale und regierungspolitische Aufgeregtheit in Berlin stützt sich im Moment auf zwei Gegenstände des Anstoßes.
Da ist a) der sogenannte Islamistenkongreß, der angeblich in Berlin stattfinden soll oder sollte, und b) der Wahlerfolg der Rechten in Sachsen und Brandenburg.
In beiden Fällen steht die Berliner Regierung unter Druck.
Das Simon-Wiesenthal-Center forderte von dem bis dahin uninformierten Innenminister Otto Schily Konsequenzen gegen die "antiamerikanischen und antisemitischen Hetzer" vom geplanten Kongreß, und die russische Interessenlage fördert wie vor 36 Jahren die Akzeptanz der NPD/DVU - nicht direkt, aber indirekt.
Im Klartext: die Bundesregierung möge die russische Tschetschenien-"Anti-Terror"-"Eurasien"-Politik peu à peu zu ihrer eigenen machen und sich vom NATO-Block - zumindest in seiner bisherigen Form - tendenziell trennen.
Das Simon-Wiesenthal-Center ist heute vor allem eine ideologische Kampforganisation, die in ihren weltpolitischen Zielen dem Kreuzzug gegen den Islam folgt.
Der Berliner Innensenator Körting legte eine ganz besondere Aufgeregtheit an den Tag - möglicherweise erkannte er sich in dem Vorwurf der antiamerikanischen "Hetze" sofort wieder.
Er war es schließlich, der den Stifter und Führer der weltweiten "Anti-Terrorismus-Koalition", George W. Bush, als "Basch" veralbert hatte.
In dem verwirrenden Gerangel darf das Wesentliche und Entscheidende nicht übersehen werden:
Mit Bezug auf Deutschland haben wir es - existentiell akut - mit der russischen Interessenlage zu tun.
Das zeitliche Zusammentreffen einer abermaligen Abschaltung der quasi tschetschenischen Internet-Seite Kavkazcenter.com durch die örtlich zuständige litauische Regierung und das vorauseilende Verbot des sogenannten Islamisten-Kongresses durch den Berliner Senat unter dem Druck der deutschen Regierung, die hinwiederum dem Druck des Simon Wiesenthal Centers unverzüglich nachgibt, ist kein Zufall.
In beiden Fällen wird - bei genauerem Hinschauen - ein verflixtes Interessengestrüpp sichtbar.
Dabei sollte man die Achse Paris-Berlin-Moskau im Auge behalten.
Diese - in Moskauer Sicht - "eurasische" Achse ist - wie fiktiv auch immer - das Rückgrat des künftigen russischen Imperiums.
Dabei spielt allerdings Paris eine eher sekundäre Rolle.
Das Kernstück des historischen Projekts ist das deutsch-russische Bündnis.
Den Deutschen der Kaiser- und der Hitler-Zeit wird bis heute ein geschichtlicher Größenwahn vorgehalten, nur ist allerdings zwischen der russischen und der deutschen Megalomanie ein ganz wesentlicher Unterschied festzustellen.
Rußland ist mit dem Anspruch auf "Weltreich" völlig überfordert und kann bisher selbst den Anschein, eine ernstzunehmende Großmacht zu sein, nur mit immenser Hilfe aus einer umfassenden Satelliten-Welt und der gezielten Förderung und Unterstützung durch den anglo-amerikanischen Westen zwecks Niederhaltung des deutschen Euro-Zentrums halbwegs aufrecht erhalten.
Deutschland war nicht unangemessen größenwahnsinnig, sondern zur europäischen Hegemonialmacht fähig und prädestiniert.
Rußlands "eurasischer" Fehlgedanke beruht auf der Idee, Deutschlands industrielle, wissenschaftliche, wirtschaftliche Kapazitäten in Anspruch nehmen und für den Eigenmachtbedarf nutzen zu können, ohne die Ambitionen Deutschlands fürchten zu müssen.
Die Hitler-Stalin-Pakte sollten den Russen eine Warnung sein; denn daß Hitler seinen antipolnischen Komplizen Stalin am Ende verriet und überfallartig angriff, ist nicht Hitlers Unberechenbarkeit, sondern eher einer durch ihn richtig berechneten Macht- und Interessen-Situation zuzuschreiben.
Deutschlands Angriff war nicht nur eine angemessene "Präventivmaßnahme", wie von russischer Seite mittlerweile zugestanden, sondern ein notwendiger Schritt, um das Gefahrenpotential "Rußland" auszuschalten.
Der "Kampf gegen den Bolschewismus" war ein ideologischer Vorwand und natürlich ein Stück Irreführung.
Deutschland war - aus eigener Kraft! - die europäische Hegemonialmacht, es träumte nicht nur davon.
Die Großmannssucht samt wirtschaftlicher, waffentechnischer, militärischer Unfähigkeit lag eindeutig in Moskau.
Rußland verdankt seinen Endsieg im Zweiten Weltkrieg zwei entscheidenden Faktoren: der überwältigenden materiellen und ideologischen Unterstützung durch Amerika, nicht zuletzt der westlichen Verschweige-Desinformation bezüglich sowjetischer Kriegsverbrechen, Massenmorde, Völkermorde...
Das Anti-Deutschland-Bündnis mit - Stalins oder Putins - Rußland ist und bleibt der historische Sündenfall amerikanischer Europapolitik im 20sten, inzwischen 21sten Jahrhundert.
Der zweite entscheidende Faktor, dem Rußland seinen "Sieg" verdankt, war und bleibt der innerdeutsche Verrat.
Die deutschen Generäle, die kampflos die Waffen niederlegten, den Soldaten angeblich das Leben retteten, in Wahrheit die Würde und den Stolz ihrer Armeen durch den Moskauer Straßendreck ziehen und die ihnen anvertrauten und vertrauenden Landser nach Workuta in den so gut wie sicheren Tod verfrachten ließen, waren und bleiben die große Schande des Großdeutschen Reiches und damit der Gegenbeweis zu meiner These, daß Deutschland "prädestiniert" gewesen sei.
Es ist von russischer Seite immer wieder zu hören, daß die Rote Armee noch in Stalingrad (!) die moderne Deutsche Wehrmacht bewunderte und sich ihr - waffentechnisch, ausrüstungsmäßig, in Ausbildung und Kampferfahrung - unterlegen wußte, so daß der sowjetische Sieg völlig überraschend kam und ohne ein politisches (!) Zusammenspiel der Russen mit der deutschen (6ten) Armeeführung des Generalfeldmarschalls Paulus und anderen deutschen Frontgenerälen nicht denkbar ist.
Die moralische Rechtfertigung für den Landesverrat der deutschen Militärelite liegt in der - oft nachträglichen - Hervorhebung der deutschen Verbrechen.
Seither sind Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Völkermord, Vertreibungen ("ethnische Säuberungen") grundlegend relativiert worden.
Spätestens seit Beslan gibt es wieder eine - nun offen bekundete "politisch korrekte" - enge deutsch-russische Zusammenarbeit: zwischen FSB (KGB) und dem Bundesnachrichtendienst (BND), der - im Schlepptau der Bundesregierung, Außenminister Fischer voran - die Sprachregelung Moskaus übernommen hat, wonach der "Krieg gegen Tschetschenien eine innere Angelegenheit Rußlands" sei.
Mit dem Pappkameraden "Internationaler Terrorismus" hat sich Rußland endlich den lang gehegten Wunsch einer geheimdienstlichen - sprich: tendenziell auch militärischen - deutsch-russischen Komplizenschaft im Kaukasus - wiederum notorisch eklatant gegen deutsche Interessen! - erfüllen können.
In gewisser Weise erleben wir nun auch die vergleichsweise bescheidene offizielle Fortsetzung der alten Stasi-BRD-Kumpaneien, die sich wohl anders nicht aufklären ließen.