2004-04-18
2004-03-20
Also, Else!
Ihrer Sippen Führer, Staat und Landbesitz
Die Güter derer vom sogenannten Widerstand
Wibke Bruhns: Meines Vaters Land. Geschichte einer deutschen Familie. Econ Verlag. Econ ist ein Verlag der Ullstein Buchverlage GmbH. © 2004 by Ullstein Buchverlage GmbH
Dieser Ton ist es, der meine alten Vorurteile wieder hervor holt.
Was maßt sich die Göre an, über ihre toten Eltern Gericht zu halten, als eine obendrein, die nicht ihre Herkunft ausdrücklich benennen mußte, um sie bloß zu legen.
Nein, sie hätte es nicht gewagt, in Gegenwart ihres Vaters diesen Ton anzuschlagen, Mutter Else wußte es, konnte es ihr aber nicht mehr nahe bringen, weil die Tochter diesen Faden, das Organ für den richtigen Herzenstakt, verloren hatte.
Sie spielt sich auf, diese Glückliche, über die Unglücklichen, denen sie haargenau nachschlägt, sie weiß es wohl schon.
Die Gnade der späten Geburt, von Helmut Kohl in Ehrfurcht und dankbar erwähnt, ist bei Wibke Bruhns, na ja, ich hab halt Glück gehabt, über sie wird kaum jemand die Nase rümpfen in Deutschland.
Aber das Buch weist eine Entwicklung auf, wird zunehmend ernst, sachlich aufschlußreich, voller Neuigkeiten und Überraschungen, als ob die Autorin an und mit diesem Werke wächst.
Politisch ging sie nach dem Krieg den Weg, den alle ihrer Klassen-Herkunft gegangen sind.
Die NS-Führungs- und Funktionsträger-Klasse wurde etwa Mitte der sechziger Jahre zur Neuen Linken, besser ausgedrückt: zur Neuen Rechten mit dem Links-Image.
Sie setzte sich mit ihrer Generationen-Vergangenheit auseinander und hielt das für eine Bewältigung oder Aufarbeitung der jüngsten deutschen Geschichte.
In Wahrheit setzte sie den Kampf ihrer Väter gegen die parlamentarische Demokratie nur fort.
Sie weiß es und muß darüber heute nicht mehr aufgeklärt werden.
Einige Nachwuchs-NS-Klaßler nahmen sich irgend wann das Leben - Törne, Vesper, Schultze-Gerstein... -, weil sie diesen Selbstbetrug nicht länger hatten ertragen können.
Wibke Bruhns zieht Ende der siebziger Jahre nach Jerusalem, wo sie am Mount Scopus, in der Nähe der Hebrew University, "ein Haus fand", daheim waltete vorerst noch die "Kinderfrau" an der Rothenbaum-Chaussee.
Törne war Direktor von "Sühnezeichen".
Der NS-Führungs-Nachwuchs lebte nicht in einem Kibbuz, ganz schlicht und einfach, sondern auf einem Gutshof wie Vesper, als Direktor auf Führungs-Ebene oder in einem Haus am Mount Scopus.
Das geht doch nur, weil diese Nachkriegsantifaschistischen MaulheldInnen von ihren NS-Eltern so viel geerbt hatten, daß sie ein ungetrübtes Leben auch nach der "Katastrophe" führen konnten, keiner hat auf sein Erbe verzichtet, das aber wäre ehrlich gewesen und ehrenhaft.
Ich weiß von einem, der ist sogar zum Judentum übergetreten und lebt unterm Namen des Yesaiah-Sohnes in Israel - Jüdisches Viertel in der Jerusalemer Altstadt - als hoher Offizier und Militärrabbiner der israelischen Armee.
Sein Vater war Offizier der SS.
Der Mann wurde als Wolfgang Schmidt und Sohn eines SS-Offiziers 1940 in Bochum geboren.
Der einstige Pazifist und anerkannte Wehrdienstverweigerer wollte evangelischer Pfarrer werden.
Jetzt wohnt er im exklusiven Jewish Quarter der Jerusalemer Altstadt.
Über seinen Vater, den SS-Mann, möchte er nicht sprechen ("bitte nicht").
Ich meine, Israel ist in diesen Fragen nicht unbedingt ein Ehrentitel oder Gütesiegel, da spielen ganz andere als honorige Gründe eine Rolle.
Die Revanche an Deutschland sucht sich wie jeder Terror und Psychoterror gern weiche Ziele aus.
Wie benahm sich Wibke Bruhns in Israel?
Ähnlich hätten sich ihre nazistischen Eltern benommen.
Das stern-Buch von Wibke Bruhns und Amos Schliack, Mein Jerusalem; Verlag Gruner und Jahr, Hamburg 1982, ist... eines von der peinlichen Sorte, die man selbst auf deutschem Markte bald wieder vergessen kann, solange hier auch noch Autoren wie Prittie, Wulf, Poliakov und de Mendelssohn, Francesconi und Wistrich zu Worte kommen.
Ich weiß nicht, schreibt sie (während Amos Schliack fotografierte), wann wer einen Bart zu tragen hat und wann nicht.
Ich weiß auch nicht, wann es ein Filzhut, wann ein Samthut, wann eine Art Homburger sein muß, deren Träger bei aller Frömmigkeit häufig aussehen wie die jüngeren Brüder von Al Capone.
Mal gibt es lange Hosen, mal Kaftane mit Schärpe, mal weiße Strümpfe.
Ich weiß nur, daß alles seine Bedeutung hat je nach Rabbi, Herkunft und unterschiedlich ostjüdischer Tradition.
Am Sabbat, das weiß ich, sind die Seidenmäntel dran, altrosa, weiß zu Yom Kippur, und die Pelzhüte trotz sengender Sonne (23).
Noch eine Kostprobe von Wibkes deutschem Blick:
Karfreitag (West) schiebt und drängelt es sich durch die Via Dolorosa.
Jede Gruppe hat ihr eigenes Kreuz, ihre eigenen Lieder.
Texte in allen Sprachen an den Stationen des Leidensweges.
Fluchende moslemische Händler rächen die Trümmer ihrer Keramik-Auslagen mit Fußtritten in christliche Hintern.
Karfreitag (Ost) wird von den Griechinnen bestimmt.
Etwa sechstausend Uralt-Weiblein, alle einsfünfzig hoch, schwarze Kleider, schwarze Kopftücher, Klappstühlchen überm Arm, heulen und jammern durch die Gassen
Tränen, Kerzen, Klageschreie.
Kommt ein Kreuz des Wegs, an dem man mit seinem Taschentuch ein bißchen reiben kann, wird geboxt und gebissen.
Keifen und Fluchen um den günstigsten Zugang.
Ist das Kreuz vorbei, geht die tränenerstickte Trauer weiter (161).
Und Amos Schliacks Kamera hat den gleichen Stechblick in die verborgenen Winkel menschlicher Hilflosigkeit sich angenommen.
Dabei haben sie beide nicht einmal die Oberfläche erfaßt.
Ob Großvater Rittmeister Kurt Klamroth in Weißrußland mit der Reitpeitsche auf jüdische Händler einprügelt, die ihm so schrecklich fremd sind, obwohl er mit ihnen auch wiederum Geschäfte macht...
Vater Junker Hans-Georg Klamroth widerständische "Banden" von "Judenlümmels" im Dutzend aufhängt - meint Wibke, er werde sie ja nicht alle selbst "aufgebaumelt" haben, hatte sicherlich seine Soldaten dazu...
Alles Weltkrieg I, wohlgemerkt...
Oder Enkelin und Tochter Wibke Klamroth ihre unmittelbaren Eindrücke von Menschen, die ihr fremd sind, niederschreibt, ich höre und sehe keinen Unterschied im Tonfall, in der blasierten Sichtweise, und wenn es nicht klassentypisch ist, so haben wir hier ein Familiensyndrom zu registrieren.
Bezeichnend, daß Wibke Bruhns an ihren Vorvätern genau dieser "Ton" aufgefallen ist, den sie an sich selbst wohl noch gar nicht bemerkt hat.
Auffallend ein anderes Familien- und/oder Klassenmerkmal:
Vater und Großvater schicken von der Front - sprich: aus den darbenden besetzten Gebieten - schwere Lebensmittelpakete an die Familie in der Heimat.
Hans-Georgs Mutter hat zwei Ermahnungen für den Sohn an der Front: bleib gesund und schick uns schnell wieder deine Butterpakete mit Würsten, Schinken, Fasanen, Kaninchen, und die Eier kannst du vielleicht in eine Mehlkiste legen.
Vater und Sohn - von Beruf Kaufleute - sind - örtlich und zeitlich getrennt von einander - für die Versorgung der hungernden Bevölkerung zuständig.
Eine wohlhabende, wenn nicht reiche deutsche Kaufmannsfamilie mit umfassendem Grundbesitz schickt ihre Weltkrieg-I-Offiziere - in vielem die Vorläufer der SS-Einsatzgruppen einen Krieg später - nach Weißrußland und Litauen, um dort jüdische Partisanen-"Banden" zu "bekämpfen", jüdische Kaufleute zu bedrohen und auszuplündern.
Die Parallelen sind oft verblüffend.
Wohlgemerkt: Vater Hans-Georg Klamroth, Major beim militärischen Geheimdienst (Abwehr), gehört zum passiven Widerstandskreis vom 20. Juli 1944, wurde von Freislers Volksgerichtshof verhöhnt und zum Tode verurteilt.
Er starb wie die keine dreißig Jahre zuvor von ihm verhöhnten und gehängten "Judenlümmels" am Strick.
Der sogenannte Widerstand vom 20. Juli 1944 war keine Ehrenrettung des deutschen Volkes.
Es ist nicht meine, sondern die Sicht des sogenannten Widerstands, daß die sogenannten Widerständler Hoch- und Landesverräter, nämlich Eidbrüchige waren.
Sie hatten ihren Eid auf ihren Führer Adolf Hitler geleistet, sie waren für dessen Verbrechen mit verantwortlich.
Hitler war nicht mein Führer, Hitler war ihr Führer, sie hatten ihn sich erkoren, er sollte sie zu höchsten Besitz-Ehren ins weite Ostland führen, und als das fehl schlug, suchten sie den Weg der Selbstbefreiung und der Rettung ihrer Güter im Osten.
Ihr eigener Ehrenkodex machte sie zu schäbigen Lumpen, drum sollte bei einem Gelingen des Attentats lediglich die Macht übernommen, nicht aber die Tat bekannt, sondern anderen Kreisen zugeschoben werden.
Ihr eigener Ehrenkodex ließ es nicht zu, auf das Attentat stolz zu sein.
Ihr eigener Ehrenkodex verurteilte sie zum Tode.
Die Attentäter vom 20. Juli 1944 waren nicht nur unfähig, inkompetent und lächerlich schwach, sie waren auch feige.
Was ist von Generalstabsoffizieren - fast allesamt aus dem reaktionären Landbesitzadel - zu halten, die nicht einmal die Tötung des Tyrannen fertig brachten?
Es reichte indessen für die Selbstverehrung und Neuausbreitung als Edle von und zu dem Lastenausgleich in der Bundesrepublik Deutschland.