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Die Freiheit ist unsere Sicherheit

2004-04-17
2004-03-27

Avram Kokhaviv

Endstufe ohne Übergang

Thor Kunkel, Endstufe. Roman. Eichborn Berlin. © Eichborn AG, Frankfurt am Main 2004

Die deutsche Literatur-Szene hat wieder einmal ihre Humorlosigkeit herausgestellt.

Wie kann das nur sein?

Über Kunkels Recherchen sah ich hinweg, die Fakten nahm ich nicht ernst, um so mehr den Spaß, den der Autor offensichtlich daran hatte.

Wesentlich scheint mir vor allem zu sein, daß Kriegszeit und Nachkriegszeit irgendwie synchronisiert werden.

Die Nazis bedienen sich einer Sprache, die für heutigen Umgang typisch ist; die Porno-Epoche, in der wir heute leben, wird dem Nazismus integriert.

Daß ein paar Steinwürfe von Hitlers Berghof entfernt zwei durchgeknallte Perverse in SS-Uniform die Naturfilm-Idee aushecken, um übers geile Ausland ans große Geld zu kommen und gleichzeitig kriegswichtige Aufgaben zu erfüllen - Insektengefahr für Rommels Afrika-Corps abfangen und Eisenlieferungen aus Schweden einfahren -, das kann nur einer sich ausdenken, der die Welt von damals und die von heute schon weit hinter sich hat.

Nur die Toten hätten ein Recht, sich darüber zu mokieren, und wahrscheinlich würden sie dem lustigen Schreiber und seinem Schwarzen Humor friedlich zustimmen.

Sie wissen, daß sich die Welt nicht unter eine ideologische Haube bringen läßt.

Im übrigen wird jedem achtsamen Leser auffallen, daß Kunkel seine Porno-Szenen immer rechtzeitig abblendet, er redet an sie heran, und was an Pornophantasien dabei heraus kommt, ist Leserarbeit, Kritikerarbeit.

Kunkel sieht offenbar zwischen der Nazizeit und ihrer nachkriegerischen Fortsetzung keinen erheblichen Schnitt, und er "verharmlost" nicht das NS-Geschehen, sondern wendet sich mindest implizit gegen die "unvergleichliche" Verharmlosung dessen, was später und gleichzeitig anderswo geschah.

Er sagt, die Vorfahren und ihre Rivalen waren wie wir, und wir sind, wie man nun sehen kann, keinen Deut besser als unsere Väter.

Ich glaube nicht, daß Kunkels Beitrag zur zeitgeschichtlichen Aufklärung erheblich ist, allenfalls so, daß er mehr von der Gegenwart als von der Vergangenheit spricht.

Es braucht schon ein beträchtliches Lakaientum, um Kunkel der "Vernachlässigung des Holocaust" zu zeihen, was in Deutschland immer gern gehört wird, aber im kritischen Ausland nur noch Kopfschütteln und Animosität gegen die doppelbödigen Deutschen hervor ruft.

Und doch ahnen seine unmutigen Kritiker und Mäkler, daß Kunkel ihnen einen Bären aufbindet, daß der Autor aus den deutschen Gesinnungsfesseln heraus will, daß Thor Kunkel auf seine Weise uns allen einen großen Jux vorführt, der gewiß noch besser hätte geraten können.

Er tut, was heute alle tun, am Wesentlichen vorbei quatschen, den käuflichen Sex zur Lebensmaxime erklären und was dergleichen mehr, warum nicht auch so in seiner erkalteten Verzweiflung über die Nazizeit, die ja sowieso jeder kennt, doch was wir nicht wußten, das hat uns Thor Kunkel jetzt erzählt.

Daß ich bei Sachsenwald ständig an den Wald von Sachsenhausen denken mußte, ist gewiß auch ein geheimes Verdienst dieses Autors.

Auch da spielten Nackte zwischen Leben und Tod.

Volker Weidermann, der in der Frankfurter Allgemeinen Sonntags-Zeitung (FASZ) ein gutes Wort für Kunkel und für die Veröffentlichung seines Buches einlegt, findet gleichwohl, daß da und dort zensiert werden sollte.

Das ist Staatsraison, nicht freier Journalismus.

Andererseits spricht er von skandalösen Gerichtsurteilen, die die Verlage verschrecken, denn jedesmal ist die wirtschaftliche Existenz bedroht.

Das Urübel steckt hinter - zeitlich vor - der Juristerei: bei den Gesetzgebern, die eine unglaubliche Einschränkung und Auslöschung von Grundrechten nicht abgewehrt, sondern eifrig bewirkt haben.

Ein Aufschrei müßte täglich durch die Medien gehen, aber da geht nichts durch die Medien, weil diese Medien zu den effizientesten Instrumenten der Freiwilligen Selbst-Zensur (FSZ) geworden sind.

Auch das Verlagsverhalten läßt oft zu wünschen übrig, da ist so ein amtliches Benehmen eingezogen, das sich zum Beispiel bei Rezensionsexemplaren kund tut.

Früher war das ganz einfach, du bestellst dir das Buch, und der Verlag schickt es dir zu.

Heute ist es oft so, daß du an keine Email-Adresse heran kommst, du mußt ein Formular ausfüllen, also wie bei einer Behörde, wo du auch nicht einfach ins zuständige Büro gehst, du wirst hinterm Eingang fest gehalten, sollst eine Auskunftsstelle befragen, die meist nicht auf dem letzten Stand ist.

Bürgerfreundlich ist was anderes, doch ein glatter Affront ist es, ein Rezensionsexemplar mit "Unverkäufliches Leseexemplar" zu bestempeln.

Nun will ich meine Rezensionsexemplare nicht verkaufen, hier geht es um ein Prinzip, das Buch ist kein Geschenk, sondern eine Vorgabe für meine Arbeit. Das Buch gehört mir, ich kann damit machen, was ich will.

Man sprach hierzulande lange Zeit von "freiheitlicher Grundordnung", was auf den ersten Blick auch so aussah, obwohl es in sich unverträglich blieb, selbst davon spricht heute niemand mehr.

In Deutschland sind immer nur "die Gedanken frei", die mag jeder für sich behalten...

In England besteht bis heute kein personeller Meldezwang - trotz Weltkrieg, Kaltkrieg und IRA-Terror.

Die Gleichschaltung der öffentlichen Gesinnung geschah "damals" von Staats wegen, geschieht heute freiwillig - ohne erkennbaren Zwang - als voraushechelnde Schwanzwedelei.

Es ist keine "Verharmlosung" der Vergangenheit, und wenn schon, sondern ein notwendiger und natürlich "zulässiger" Vergleich, ein Skandal unserer Gegenwart...

Er hätte niemals wahr werden dürfen.

Eigentlich hat Kunkel bei den Etablierten nichts zu suchen, und daß Rowohlt ihn vor die Tür setzte, ist ein Segen für den Mann.

Da wir in Deutschland sind, kann ich mir den Verdacht nicht verkneifen: die "Vernachlässigung des Holocaust" ist brävlich nach geschoben, der wahre Grund für Kunkels Rausschmiß ist sein despektierlicher Umgang mit den SS-Bonzen.

Kunkel stellt diese Typen ziemlich beschissen dar.

Ich kann mir denken, daß etablierte Söhne und Töchter von SS-Obergruppenführern dem frechen Autor eins auswischen wollten.

Unerhört, unsern Neuadel so durch den Kakao zu ziehen.

Auch die Sportflitzer-Schickeria, die sich vom allgemeinen Kriegsgeschehen absetzen wollte, gibt nichts von dem wieder, was damals gang und gäbe war, das sind reine Übertragungen.

Die "neue Vergnügungsklasse des Reichs" gab es nicht, die gibt es als "Erben" (!) erst heute; attraktiv war übrigens nicht die SS mit ihrer schwarzen Uniform, sondern die Luftwaffe; die Damenwelt - war sie nicht gerade auf Macht aus - bevorzugte den unpolitischen Helden-Schick.

Ein Luftwaffenfrontoffizier stach alle aus... - was zeitlich begrenzt war, weil die Front gleich wieder rief.

Wie der Frontsoldat allemal der Favorit war, der von Etappenhasen auch höherer Ränge sich nicht beeindrucken ließ.

Der Krieg bestimmte das gesamte Leben.

Die Vorstellung, daß sich neben den zentralen Erlebnisbereichen noch irgend etwas anderes Interessantes abspielte, ist absurd.

Wobei ich nicht ausschließen möchte, daß der Autor unter dem Pseudonym (?) Thor Kunkel auch von seinen Vorvätern noch ein paar alte Rechnungen in der Schublade hatte.

Bei aller etablierten Kritik wird er ja auch gehätschelt, gehört er irgendwie eben doch dazu.

Die wissen es, und unsereins hat es in den Fingerspitzen.

Ganz abgesehen von Kunkels gewissen Affinitäten.

Ein satirischer Roman der höheren Sorte.

Nicht nur der Holocaust, der ganze Zweite Weltkrieg kommt bei Kunkel nicht oder allenfalls am Rande vor.

Wer dahinter eine schnöde Haltung und böse Absicht vermutet, soll das lieber für sich behalten, wenn er sich nicht lächerlich machen will.

Kunkel schreibt gegen diese neue Lächerlichkeit an und hat nun erleben müssen, daß die sich überaus ernst nimmt.

Das deutsche Geistesleben ist über die seit 1949 geübte Freiwillige Selbstkontrolle (FSK) hinaus - durch wen oder was auch immer - derart eingeschnürt worden, daß man sich fragt, wie das so unauffällig ablaufen konnte...

Die führenden Subalternen haben überall das Sagen...

Die Souveränen verbleiben im Zustand stolzer Resignation...

Thor Kunkel ist vielleicht erst durch sein jüngstes Verlagsabenteuer, dem ein Irrtum zugrunde lag, zu dieser hier wesentlichen Erkenntnis gekommen.

Mit der norddeutschen Wams-Modenschau liegt Kunkel allerdings völlig daneben, wenn er nicht die dofen NS-Kritiker noch mal auf die Schippe nehmen wollte.

Die Dummheit in Deutschland hat nämlich eine nazistische und eine antinazistische Seite.

So sind am Ende beide als Heimische zu erkennen.

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