2004-03-27
Gleiwitz
Wolfgang Bittner, Gleiwitz heißt heute Gliwice. Eine deutsch-polnische Geschichte. Zweisprachige Ausgabe. © 2003 Wolfgang Bittner © for the Polish version by mediamorphosis. Buchreihe Lebensspuren. Hrsg. Anna i Tomasz Soróbka, Edward Bialek. ATHENA-Verlag, Mellinghofer Straße 126, 46047 Oberhausen, Germany; www.athena-verlag.de. Die Herausgabe dieses Werkes wurde aus Mitteln von Kunststiftung NRW, Düsseldorf, gefördert
Wenn Kriegsverlierer sich als Friedenssucher hervor tun, hat der gute Wille diesen gewissen Beigeschmack, wer gibt schon freiwillig auf, was ihm gehört.
Es kann nur die einseitige Demutsgebärde sein, wo der erste und einzige Schritt vom Verlierer getan worden ist.
Nach Kriegsende 1945 waren sich die politischen Parteien Deutschlands einig, die Oder-Neiße-Linie nicht anzuerkennen, auf neuen Landkarten standen die Vertriebenen-Gebiete unter provisorischer polnischer Verwaltung, weder Kommunisten noch Konservative noch Sozialdemokraten hatten etwas anderes im Sinn, als den alten Rechtszustand wieder her zu stellen.
Die Vertreibungen waren ein schweres Kriegs- und Völkerrechtsverbrechen, dem man sich nicht beugen durfte.
Inzwischen haben sich alle gebeugt, hat jeder getan, wofür ein Palästinenser sich schämen würde.
Kein Jude hat auf den ihm widerrechtlich entrissenen Besitz verzichtet.
Die Deutschen sind keine Palästinenser, sind keine Juden, sondern irgend was dazwischen, moralisches Niemandsland.
Kein kluger Pole wird den Deutschen glauben, die ihr altes Land nicht zurück haben wollen.
Rückkehrrecht ist ein Menschenrecht.
Kein historisch bewußter Pole nimmt seinen Wohnsitz in den deutschen oder ehemals deutschen Gebieten.
Den entvölkerten Landschaften Polens und Tschechiens haftet etwas Gespenstisches an, dem sich niemand freiwillig aussetzen möchte.
Ich weiß von sudetendeutschen Ortschaften, deren Bewohnerzahl auf ein Fünftel geschrumpft ist; für die Entdeutschung fand sich kein Ersatz.
Anständige Leute ziehen nicht gern in die Häuser und Möbel von Verjagten; sie kämen sich vor wie Landräuber, Einbrecher und Diebe.
Die Gegend um Aussig wurde von Staats wegen mit Zigeunern, meinen entfernten Verwandten, besiedelt.
Das fahrende Volk ist - wie zur Strafe - aus dem tschechischen Kernland abgeschoben und buchstäblich an den Rand gebracht worden.
Auf den Vertriebenen-Gebieten ist kein Segen, wenn Deutsche friedlich vorbei kommen, um mal nach dem Rechten zu sehen, geht ein Aufatmen durchs Dorf, wer so wieder kommt, ist kein Feind.
Die Wälder verkümmern, weil die alte Pflegschaft nicht mehr da ist; es macht sich nach einem halben Jahrhundert bemerkbar.
Wolfgang Bittner will mit der Vergangenheit seiner engeren Familie fertig werden, das macht er gewissenhaft in Wort und Bild, ohne sich dabei etwas zu vergeben.
Die finanzielle Förderung seines Buchprojekts durch das Bundesland Nordrhein-Westfalen macht aber auch die politische Dimension deutlich.
Man möchte nicht ganz untätig geblieben sein, denn der Wind könnte mal drehen, mehr nicht.
Wolfgang Bittner stellt allerdings seelische Besitzansprüche, die erstaunlich sind, hat er doch seine Heimat als Vorschulkind verlassen müssen.
Das Familienleben in westdeutschen Vertriebenen-Baracken ist nicht das, was sich Deutschland-Fans unter deutschen Verhältnissen gern vorstellen.
Kein Asylant und kein Zuwanderer würde heute unter solchen Bedingungen leben wollen.
Wolfgang Bittner hat, was mir schon früher auffiel, ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsgefühl.
Menschen seines Schlages sind rar und in Deutschland kaum gefragt.