2004-01-02
Walter Jens und Ralph Giordano
Zwei ertappte Propagandisten
Wer 1942 als 19jähriger Student und Mitglied des NS-Studentenbundes - Jens: "Nationalsozialistischer Deutscher Studentenbund" - einen Vortrag gegen "entartete Literatur" hielt und - wegen seines "Asthmas" - vom Kriegsdienst freigestellt war, der gehörte auch 1945, als es zu Ende ging, zur nationalsozialistischen Nachwuchs-Elite.
Er "war lange Jahre angepaßt", gesteht er heute ein - mit achtzig.
Er war ein Leben lang angepaßt, lag immer im Zeitgeist, nur wandelte der sich ab und zu, und Jens wandelte mit auf allen sich bietenden Pfaden: bis "45" ein junger NS-Scharfmacher, der heute seinen Abitur-Aufsatz von 1941 nicht mehr lesen möchte, nach "45" ein Anti-NS-Scharfmacher.
Von seinem Propaganda-Schicksal ließ er niemals ab, ob als "47"-Grüppler, Friedensbewegter, Redenschreiber, "Ghostwriter", Rhetorik-Professor...
Das alles hätte er auch bei Goebbels werden, sein oder bleiben können.
Wenn es möglich war, ohne konkretes biografisches Wissen, allein aufgrund seiner demagogischen Nachkriegs-Persönlichkeitsstruktur auf eine vorangegangene NS-Demagogie zu schließen, was erst im nachhinein bestätigt wird, dann sind auch weitere hypothetische Schlußfolgerungen möglich.
Was Ralph Giordano in seinen "Bertinis" über Walter Jens schreibt, dessen Klassenkamerad er war, sagt vielleicht mehr über Giordano als über Jens, wie der wirklich war.
In seinem Welt-Gespräch beruft Jens sich ausdrücklich auf Giordano, um damit zu belegen, welch Geistes Kind er, Jens, damals war.
Offenbar noch ohne Wissen von der "entarteten Literatur" des Walter Jens...
Jetzt müßte Giordano aber spüren, daß er von seinem treuen NS-Freund hintergangen wurde.
Sein Hierbleiben war demnach auf Sand gebaut.
Oder weiß und wußte Giordano mehr, als er uns sagen möchte?
Nun glaube ich diesem Pack überhaupt nichts mehr, es widert mich an, Giordanos Verrenkungen zur Rechtfertigung seines Irrtums oder Nichtirrtums bezüglich des als jugendlichen Akrobaten (Jens: "Asthmatiker") geschilderten Täuschers zu lesen, sein trotziges Insistieren auf dem, was er über Jens geschrieben hatte...
Ich wage den Verdacht, daß mit einer Aufgabe dieser seltsamen Position noch einiges andere - Giordano Betreffendes - genauer betrachtet werden sollte.
Es geht nicht um Jensens "Mitgliedschaften", sondern um seine - obzwar noch jugendliche - NS-Prominenz...
Zu besagtem Thema - "entartete Literatur" - konnte nicht jeder was schreiben und beim NS-Studentenbund öffentlich vortragen...
Er mußte dazu gehören und politisch zuverlässig, beispielhaft, vorbildlich, eine "Führungspersönlichkeit", "Führernatur" sein, etwa wie Helmut Schmidt ("Schnauze") vom Reichsluftfahrt-Ministerium, abkommandiert zum Volksgerichshof als Beobachter beim Prozeß gegen die Widerständler vom 20. Juli 1944.
Hitler-Jugend, Mitglied einer elitären "Kameradschaft", das Privileg, in den Kriegsjahren studieren zu dürfen, examiniert und promoviert zu werden - seine minderberechtigten Altersgenossen starben zur selben Zeit an den Fronten - das ist doch schon was.
Jens muß von einer Horde Mitwisser-Kameraden, vor und nach "45" Mit-Avancierenden - "47"ern - abgeschirmt worden sein.
Da förderte nicht nur im bundesrepublikanischen Feuilleton, da deckte auch einer den anderen.
Giordano stellt sich hin und bescheinigt dem Chamäleon einen "angeborenen" Antifaschismus, vielleicht wider besseres Wissen...
Mit seinem polit-moralischen Zaubermantel beschützt er den überangepaßt schönrednerischen Mephisto der nachkriegsdeutschen Literatur.
Es geht um eine penetrante Verlogenheit, die sich über ein halbes Jahrhundert hält und Leute wie Giordano nicht zum Kotzen reizt, sondern einbezieht.
Dieser Mann, der keine Gelegenheit ausläßt, die Mehrheit der Deutschen für die Ewigkeit an den Pranger zu stellen, der sich erdreistet, das einfache Volk einer periodisch verlängerten und potenzierten "Kollektivschuld" auszuliefern, wird zum Handlanger von schuldig Verantwortlichen und Privilegierten.
Ach wissen Sie, die Nazis waren gar nicht so schlimm, die NS-Mitgliedschaft sagt nichts über den Charakter eines Menschen, schlimm waren ganz andere...
In den "Bertinis", deren autobiografischen Charakter Giordano immer wieder betont, wird klar, woher sein Haß kam:
Bereits am ersten Schultag - 1929! - werden die Brüder Cesar und Roman Bertini wegen ihrer auffälligen Wunderknaben-Kleidung und "Mädchenfrisur" von den proletarischen (!) Klassenkameraden gehänselt.
Und er haßt seinen Vater!
Giordanos Nähe zum NS-Nachwuchs-Establishment der BRD und ihrer Medien ist kindheitlich vorgeprägt und erklärt allerlei.
Die "Bertinis" werden als typische Zwischenkläßler beschrieben, als Möchtegern-Sonderlinge, die einander auch die Hölle heiß gemacht haben.
Es reicht bis in jene seltsame Talkshow mit Jörg Haider, dem Ralph Giordano seine besondere persönliche Sympathie aussprach, gegen welche Schwäche erst am Ende der Veranstaltung er aufstand, sich zügelte und das Studio verließ.
Opportunistisch-schauspielerisches Verhalten spricht dem selbsternannten und etablierten Moralisten Ralph Giordano genauso wie dem selbsternannten und etablierten Moralisten Walter Jens das Recht ab, über das deutsche Volk Urteile zu fällen, wie sie es beide getan haben.
Die Gruppe 47, die - noch zu ihren Lebzeiten - von dem Kritiker Robert Neumann als "HJ-Ersatz" durchschaut wurde, hatte sich gegenüber jüdischen Exil-Schriftstellern so schäbig benommen, daß es mich wundert, Ralph Giordano in dieser Sache mit verschlossenem Mund und blockierter Schreibmaschine zu sehen.
Giordano haßt das Volk, die kleinen Leute, die Arbeiterkinder, die den eitlen Buben durch den Kakao zogen, was er ihnen nie vergessen hat.
Diese Denkweise - die Schwachen treten, die Mächtigen hofieren - ist eigentlich faschistisch, und daß Giordano nach dem Zweiten Weltkrieg nicht Faschist, sondern erst einmal Kommunist wurde, war zeitbedingt und paßte in das Schema dieses Opportunisten, denn das DDR-Regime war mit sozialistischem Getön vor allem ein Regime gegen das Volk.
Der DDR freiwillig anzuhängen, sprach sowieso für eine faschistische Mentalität, die immer psycho-strukturell bedingt ist und bei Giordano anhand seiner Schriften studiert werden kann.
Stilistische Eigenheiten lassen mich fragen, ob - möglicherweise - Walter Jens Die Bertinis geschrieben habe, das Buch weicht auch von dem für Giordano charakteristischen dogmatisch-eindimensionalen Denken ab.
Giordano ist auf seine Weise ein Unbelehrbarer, Ewiggestriger.
Sein Holocaust war die Hamburger Bombennacht vom 27. Juli 1944, und daß seine "Sippe" dieses Höllenfeuer überlebte, war nach seiner Beschreibung das kleine oder große Glück, das einem täglich widerfährt, weil man sich geschickt oder ungeschickt verhalten hat.
Die ganze Familie befand sich im Luftschutzkeller, als es geschah, und einer jüdischen Familie war es grundsätzlich verboten, "deutsche" Luftschutzräume aufzusuchen.
Da scheint ein Stück Nachkriegslegende überlebt zu haben, und es bleibt nur noch die Frage, warum die jungen Männer der Bertinis, alle im wehrpflichtigen Alter, nicht an der Front waren.
Als Juden wurden sie nicht Soldat, bekamen sie keine Lebensmittelkarten, waren ihnen die Luftschutzkeller verschlossen, wurden sie verfolgt.
Bis auf die Einberufung hatten sie jedoch sämtliche Rechte der anderen Bürger.
Ich vermute, daß sie durch den italienischen Vater vielleicht nicht deutsche Staatsbürger waren, aber das ist nicht so sicher.
Wie lassen sich diese Informationslücken aber schließen, bisher hat niemand nachgefragt, obwohl es doch als erstes auffällt, daß an der ganzen Geschichte irgend etwas nicht stimmt.
Giordanos Erinnerungen sind mitunter merkwürdig getrübt, immerhin ist er nach seiner Umsiedlung oder Rücksiedlung aus der DDR in die Bundesrepublik von "Carola Stern", einer einstigen BDM-Führerin und Tochter eines prominenten Nazis, publizistisch so gefördert worden, daß er bald, und das für zwanzig Jahre, fest in den WDR integriert werden konnte.
Es gibt und gab in der Bundesrepublik einen Antinazismus, der für sich in Anspruch nehmen kann, in ursprünglich eigener Sache projektiv ermittlerisch tätig geworden zu sein.
Die jungen Nationalsozialisten machten nach dem Krieg Front gegen die alten Nazis und täuschten damit einen Vergangenheitsbewältigungskampf vor, der sich aufs nationale Gesamt bezog, seinen einzig wahren Kern jedoch in der Selbstbewältigung, und das heißt: Selbstverhüllung ehemaliger junger NS-Scharfmacher hatte.
Die "jungen Nationalsozialisten" waren keine "Guten", sie waren vielmehr jene, die in den HJ-Verbänden bis zur letzten Minute und zum letzten Blutstropfen den Krieg verlängert haben.
Im kuckuck ist hierzu allerlei Material zusammen getragen worden.
Jeder halbwegs aufmerksame Leser, Hörer, Zuschauer konnte wissen, wo die Sympathien unserer Kulturbande nach dem Kriege ihre Wurzeln schlugen.
Die Sympathien für die DDR und ihre Mutter-Macht entsprachen dem totalitären, demokratiefeindlichen Denken aus den NS-Jugendjahren.
Das war ihre "zweite Geburt".
Im sehnsüchtig erwarteten "Sozialismus" verbarg sich das "nationalsozialistische" Heimweh.
Da wurde die "Vergangenheitsbewältigung" zu einem NS-gruppenspezifischen Verdrängungsakt.
In der Talkshow "3nach9" vom 2. Januar 2004 fragte ihn Lorenzo nach seiner NS-Vergangenheit, und Jens fiel dazu nur ein, daß er schon sehr viel darüber gesagt habe und nun dem Rat eines alten Freundes folge, erst einmal Abstand zu gewinnen und eine Weile nichts weiter zu sagen.
Giovanni Di Lorenzo: "Das muß man respektieren."
Das war's.
Außer, daß gleichzeitig über drei (!) Sender - NDR, RBB Brandenburg und RBB-Berlin - für das Katja-Mann-Buch der beiden Inge und Walter Jens in Wort und Bild kräftig Reklame gemacht wurde.
So kungeln die Medien mit ihren Paten und Günstlingen.
Vielleicht kommt der freundschaftliche - Schnauze halten, Tee trinken, abwarten - Rat vom alten Medienonkel und Jens-Beschützer Ralph Giordano.
Passen würde es schon; denn die nachkriegerischen Moralinsauertöpfe, die nicht locker ließen, wenn sie einen politisch so oder so Inkorrekten fertig machen konnten, nicht nachließen in ihrem Bemühen, ein ganzes Volk schuldig zu sprechen, sie sprechen nicht gern über ihre "Jugendsünden"...
So verspielen sie zu später Stunde die - gesellschaftlich anerkannte oder vermeintliche - Autorität, ihre Glaubwürdigkeit, ihre intellektuelle Redlichkeit, ihre Kompetenz in Sachen politischer Ethik.