2004-08-03
Europas Kern, Europas Kern
Frankreich und Deutschland bezeichnen sich gern als "Kerneuropa".
"Kerneuropa" hatte eine deutsche und eine französische Tendenz.
Die Bundesrepublik Deutschland glaubte sich ihrer nationalen Vergangenheit entledigen zu können, während Frankreich die Deutschen übernational gewissermaßen an die Leine legen wollte.
Die Motive beider Länder erhalten zunächst eine andere Färbung, wenn die übrigen europäischen Staaten hinzu kommen.
So schien sich das alte "Kerneuropa" als Bremsklotz für die "Neuen" zu erweisen.
"Kerneuropa" hat sich gegenüber Polen ziemlich rüde verhalten.
Inzwischen ähnelt sich Polen den französischen Urmotiven an.
Polen schlägt plötzlich zurück, indem es von Deutschland einen neuen Kotau fordert, was der Kanzler Schröder auch prompt erledigte, als er aus Anlaß der 60-Jahrfeier zum Warschauer Aufstand polnische - nicht deutsche - Interessen vertrat...
Das kann nur und muß unter Berücksichtigung der "Feindstaatenklauseln" verstanden werden.
Deutschland erfährt abermals die in der UN-Charta vorgesehene Sonderbehandlung.
Auch Europa ist dabei, die Erinnerung an die deutschen Verbrechen zu bewahren, während Verbrechen an den Deutschen mit zunehmender Schärfe tabuisiert werden.
Irgendwie scheint die Geschichte um 15 Jahre zurück gedreht zu sein.
Wer nach Europa kommt, sollte die Vertreibungen als Verbrechen gegen die Menschlichkeit anerkennen und bedauern, wenn schon nicht rückgängig machen.
Tschechien und Polen denken nicht im Traum daran, solche Selbstverständlichkeiten zu akzeptieren.
Nicht einmal ein Zentrum gegen Vertreibungen sollen die Deutschen in ihrer Hauptstadt einrichten dürfen.
Der deutsche Bundeskanzler macht sich in Polen gegen diese legitimen deutschen Positionen und Vorhaben öffentlich stark.
Das ist ungeheuerlich, wenn man außer acht läßt, daß Deutschland allein aufgrund der UN-Charta unter Druck steht.
Wenn Deutschland sich rührt, um historische Rechte politisch geltend zu machen, wird "die Geschichte auf den Kopf gestellt", wie es heißt.
Wenn Deutschland aber die Geschichte "auf den Kopf stellt", stellt es die "Ergebnisse des Zweiten Weltkrieges" in Frage und damit die eigene Sicherheit.
Jede Bestrebung dieser Art kann nach Art. 53 und 107 der UN-Charta als "aggressive policy" - Amtliche Fassung der Bundesrepublik Deutschland: "Wiederaufnahme der Angriffspolitik" - gegen die Anti-Deutschland-Koalition, mithin als eine Art Fortsetzung der Kriegshandlungen ausgelegt werden.
Wenn dies der neue Geist Europas sein soll, so kann damit nur die Verhinderung Europas beabsichtigt sein.
Wenn Europa seine heiligen Prinzipien aufgibt, sobald sie zugunsten Deutschlands zur Geltung kommen, wird die Europäische Union zu einem Instrument der Erniedrigung ihrer geographischen Mitte.
Wer Europa als eine ernst zu nehmende wirtschaftliche, politische, militärische Macht nicht will, muß die antideutsche Entwicklung fördern.
Deutschland kann sich nur beugen oder unsichtbar machen.
Das Unmögliche und einzig Richtige braucht Chuzpe, Taktik, Tändelei, um wenigstens auf die Knie, geschweige denn auf die Beine zu kommen.
Vieles wird im Innern bereinigt werden müssen; wo der internationale Druck auf Deutschland sich unversehens in einen Überdruck auf die arbeitende Klasse und ihre arbeitslosen Ränder verwandelt hat.
Die oberen Klassen geben den Druck hemmungslos nach unten weiter.
Außenpolitisch müssen die Unterdrückten und Entrechteten sich vor allem auf ein fundamentales und fundiertes Umdenken einstellen und vorbereiten.
Dabei kann die innergesellschaftliche Situation hilfreich sein.
Die Besinnung auf vergessene Momente der deutschen Geschichte und Millionen islamischer Zuwanderer in Deutschland erleichtern die internationale, ja interkontinentale Umorientierung.
Mehr ist im Moment wohl nicht zu erwarten.
Die politischen Impulse werden ohnehin nicht von Deutschland ausgehen, aber (auch) an Deutschland gerichtet sein.
Deutschland hat einen schwierigen Lernprozeß vor sich: es muß sich darin üben, herum fliegende Bälle einzufangen... - intuitiv, wo das Training fehlt und die Zeit drängt.
Das ist mehr von der historischen Gunst Gottes als von schlauen Planspielen abhängig.
Die Rettung kommt gewiß nicht aus dem Westen und nicht aus dem Osten Europas.
Rußland schaut zu, wie dieses Deutschland bändigende Europa sich benimmt und daneben benimmt, wird aber sofort - vereint mit dem Westen - eingreifen, falls Deutschland irgendwann aus der Reihe tanzt.
Deutschland kann nicht, muß aber aus der Reihe tanzen, um im Bilde zu bleiben.
Die ersten Tanzschritte mag es sich nicht gerade bei türkischen Derwischen abgucken, aber die mediterrane Welt war immer eine tanzende Welt, von der Deutschland viel lernen kann.