2004-08-02

Lukas Storch

Die libyschen Juden

Zur mediterranen Wiedergeburt

Die aus Libyen stammenden britischen Juden, die während der libyschen Revolution 1969 das Land verlassen mußten, haben Ghadafi offiziell gebeten, sie wieder aufzunehmen.

Eine israelische Likud-Abgeordnete trat an Ghadafi mit der Bitte heran, israelischen Juden aus Libyen Reisen in ihr Herkunftsland zu gestatten.

Ghadafi propagiert anstelle Israels die Gründung eines bi-nationalen, jüdisch-palästinensischen Staates.

Solche praktischen Interventionen entsprechen der muslimisch-sephardischen Interessenlage und fügen sich in die mediterranen Vorstellungen und Rückbezüge auf uralte Zeiten.

Sie widersprechen nicht den mittlerweile diskutierten, angeblich von Al-Qaeda geplanten "anti-europäischen" Vorhaben zur Wiedergewinnung der seit Jahrhunderten ans Christentum verloren gegangenen islamischen Machtpositionen in den nördlichen Mittelmeerländern.

Islamischer Widerstand und offensiver Terrorkrieg gegen den - diesmal nicht im Vatican, sondern im Weißen Haus konzipierten - neuen Kreuzzug haben so selbstsicher und paßgenau den Fehdehandschuh des Samuel P. Huntington - The CLASH OF CIVILIZATIONS AND THE REMAKING OF WORLD ORDER - aufgenommen, daß man geneigt ist, die Quelle der neuen Strategie ein wenig zu hinterfragen.

Dennoch glaube ich nicht an ein falsches Spiel, eher vielmehr an ein Zusammentreffen der gleichen Sicht, nur halt aus entgegen gesetzten Richtungen.

Das macht die Situation so ernst, weil offensichtlich beide Seiten - die judeo-christliche und die islamische - die Situation richtig erkannt und daraus ihre jeweiligen strategischen Schlüsse gezogen haben.

Die jüdische und die islamische Seite spielen sich dabei insoweit noch in die Hände, als die sephardischen Juden mit den Muslimen zu allen Zeiten auf gutem Fuße standen und sich in der westlichen Welt genauso fremd fühlen wie die Muslime.

Bei genauerem Hinsehen könnte der alte Widerspruch zwischen dem Orient und dem Okzident zwingender sein als der zwischen den religiösen Schulen.

Am Rande liegen bleiben dabei scheinbar auch jene "euro-islamischen" Überlegungen, die den Deutschen und ihrer Geschichte eine außerordentliche Rolle zusprechen.

Deutschland hatte sich auf dem Weg über den - sizilianischen - Staufer-Kaiser Friedrich II ins mediterrane Spiel gebracht.

Friedrich II von Hohenstaufen pflog den Ungehorsam gegen Rom wie die Sympathien für den Islam und im übrigen eine praktische Friedenspolitik gegenüber dem Sultanat, von der noch heute einige Usancen in Jerusalem zehren.

Der Hohenzollern-Kaiser Wilhelm II - zunächst ein Befürworter und Förderer des Zionismus - stand gemeinsam mit dem Osmanischen Reich im Krieg gegen die alten christlichen Mächte Rußland und des Westens, hatte allerdings mit dem Bündnispartner Österreich/Ungarn einen ebenso christlichen Widerpart im Nest.

Die revolutionäre und zugleich imperiale Al-Qaeda-Strategie, wenn wir sie denn so nennen wollen, ist zweifellos ein genialer Schachzug gegen das Abendland und die gesamte, heute amerikanisch dominierte christlich-evangelikale Welt.

Was den islamischen Orient auszeichnet, ist die konsequente Strategie; was ihn ein wenig lächerlich macht, ist die Nichtbeachtung, ja Bekämpfung dieser Strategie durch die islamischen Potentaten und das religiöse Establishment.

Wenn wir "Al-Qaeda" nennen, was die Strategie konsequent verfolgt, so haben wir mit dieser "Basis" in der Tat den Kern und den Keim des künftigen Kalifats vor uns.

Den deutschen - philosophischen, toranisch inspirierten - Anteilen obliegt es, die klassenpolitischen, nämlich proletarischen Elemente einzubringen, ohne die der Islam wieder nur eine Angelegenheit der Sheiks, der Mullahs und der alten reichen Stämme sein wird.

Wenn Gottes Lehre und "die Stämme" ewig sind, so ist dies auch der heilige Anspruch der Entrechteten, für die Deutschland aufgrund seiner besonderen Geschichte - via Sizilien - und entgegen aller Wahrscheinlichkeit - einstehen möge.

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