2004-11-09

Felix Pech

Schildere mal die deutschen Belange

Von der Mauer - nicht nur im Hinterkopf (!) - zu den nationalen Feiertagen und wieder zurück

Schildermaler sind ein Stück von dem Bild

Die Deutschen sind krank, sind nicht ganz beisammen und wirken dadurch böse; der Eindruck ist stark...

Redet einer dazwischen, nein, das sind nicht die Deutschen, es sind ihre Wortführer, ihre indirekt gewählten und direkt - von den gewählten politischen Parteien - eingesetzten Interessenvertreter.

Du wählst eine Partei, dazu einen namentlich vorgestellten Abgeordneten in Wohnnähe, und kriegst dann eine Person vorgesetzt, mit der du vorlieb nehmen mußt.

Die Parteien stellen ihre Kandidaten auf; die sagen uns, wo's lang geht.

Das alles zusammen ist deine Interessenvertretung.

Die Vertretung deiner Interessen besteht darin, daß deine - und auch unsere gemeinsamen - Interessen nicht erst erwähnt werden, ganz so, als gäbe es sie nicht.

Die Interessenvertretung definiert und interpretiert aus ihrer Sicht unsere, also auch deine, Interessen.

Meist macht sie, was sie will, und erklärt erst hinterher, aber auch nur, wenn es ihr opportun erscheint, was sie und warum sie es gemacht hat.

Das nennt man Demokratie.

Das Volk hat sich zu beherrschen.

Demokratie oder Selbstbeherrschung des Volkes ist die Grundbedingung moderner Politik.

Politik, das sind gewählte, selbst geschmiedete Ketten.

Im Zeitalter der Demokratie besteht jede Diktatur auf demokratischer Legitimation.

Die Demokratie fragt "alle" Bürger, die absolute Monarchie fragte nie.

Manche Politiker würden am liebsten eine Wahlpflicht einführen.

Sie möchten die Bürger zwingen, sich fragen zu lassen.

Der Despot unterwirft und bestimmt, kein Sklave und kein Untertan ist ein bestimmender oder auch nur zum Schein gefragter Faktor.

Der Sklave hat zu gehorchen, wenn er leben will; der demokratische Bürger unterwirft sich freiwillig.

Demokratie ist selbst bestimmte Sklaverei.

Denn "bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt", sagt die Demokratie, auch sie.

Am 9. November 1989 wurde die Berliner Mauer geöffnet und nicht wieder zugemacht.

Weil das Datum - 9. November mit etlichen Jahreszahlen - schon anderweitig besetzt war, haben die Berliner, die Deutschen, auf diesen Tag verzichten müssen.

Als Tag des Gedenkens wurde der 3. Oktober 1990 gewählt: Beitritt der DDR zur Bundesrepublik Deutschland nach Artikel 23 GG.

Dieser Tag sollte ihnen auch wieder weg genommen werden, doch nun meldet sich Widerstand.

Der wahre Gedenktag ist und bleibt jedoch der 17. Juni 1953, der als staatlicher freier Feiertag, aber nicht als historische Erinnerung an den proletarischen (!) Befreiungsversuch ausgelöscht werden kann.

Jetzt wundert man sich in den Medien, daß die Deutschen den 9. November 1989 als geschichtliches Datum vergessen haben, tatsächlich haben die Medien dieses Vergessen forciert.

Vergessen sind die Mauertoten...

Indessen steuert Berlin auf ein Denkmal zu, an dem sehr viel auszusetzen war; das - eine unendliche Baustelle über den Bunkern der früheren Reichskanzlei - vor allem sehr viel Geld kostet...

Unser Vorschlag von 1998 - ein Felsstück vom Sinai mit der hebräischen Aufschrift לא (Nein!)* - ist und bleibt den Bauherren und Architekten allemal zu schlicht und zu wahr.

* "... Denk mal! ein aufgebrochenes, aufgeschlagenes Buch, von Stein in Stein gehauen. Ein Fels vom Sinai über den Kellern der früheren Reichskanzlei. Hebräisch beschriftet: Lamed-Aleph. Das hätte Beweiskraft."

Die "Topographie des Terrors" - auf dem ehemaligen Gestapo-Gelände - hat sich inzwischen selbst aufgegeben...

Da hat nun aber eine Frau aus Kiew, Alexandra Hildebrandt, Witwe des legendären Rainer Hildebrandt, eine vollendete Tatsache geschaffen:

Sie hat am "Checkpoint Charlie" auf zwei unbebauten Grundstücken 1065 Holzkreuze aufgestellt, für jeden Toten eines, mit Namen und Daten versehen, eine beeindruckende Gedenkstätte.

Sergej Chruschtschew, der Sohn des bekannten sowjetischen Politikers - und Mauererbauers - Nikita Chruschtschew, hat sie dabei unterstützt.

Zwei ehemalige Sowjetbürger engagieren sich für die Opfer "ihrer" Mauer.

Aus dem Senat und den angeschlossenen Zeitungen kommt betretenes Nichtschweigen.

Die hohen gewählten Vertreter der Stadt finden es unerträglich, daß eine Ähnlichkeit mit dem Holocaust-Denkmal, das seit Jahrzehnten nicht fertig werden will, bestehe.

Worin sehen diese Verirrten die Ähnlichkeit der Kreuze mit den Betonquadern?

Den deutschen Politikern sind die Kreuze peinlich, weil sie an deutsche Opfer erinnern, die noch jeder kennt, so lange ist das nicht her.

Ein paar Schritte weiter in der Friedrichstraße zeigt das Tschechische Informationszentrum Bilder und Texte einer - tschechischen! - Ausstellung, die aus Prag über Komotau, Dresden, Leipzig zu uns kam, zumindest mit ein paar Hinweisen.

Die Ausstellung ist von einer Prager Bürgervereinigung initiiert, die sich den Namen "Antikomplex" gegeben hat.

Die umfängliche Dokumentation über die Vertriebenengebiete heißt "Verschwundenes Sudetenland".

Die Ecke am "Checkpoint Charlie" entwickelt sich auf diese Weise fast zu einer konzertierten nationalen Gedenkstätte, an der der deutsche Staat mit keinem Gedanken und keinem Cent beteiligt ist.

Den deutschen Behörden ist es "genant", sich mit der konkreten deutschen Geschichte konfrontiert zu sehen.

Sie interessieren sich für deutsche Taten, nicht für deutsche Opfer.

Dabei fällt noch nicht einmal auf, daß die Mauertäter "typische Deutsche", nämlich kalte Befehlsgeber und brave Befehlsausführer waren.

Genauso wie die pikierten deutschen Politiker vor einem Wald von Mauerkreuzen.

Das "verschwundene" Sudetenland zeigt viele Aspekte, davon den vielleicht wichtigsten: daß tschechische Initiatoren sich der Sache angenommen haben.

Sie wissen, daß kein anständiger Mensch - wissentlich - in das Haus eines Vertriebenen einzieht.

Die Menschenleere der Sudeten ist demnach ein gutes Zeichen.

Das staatlich organisierte Kultur-Banausentum kennt keine nationalen Grenzen.

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