2003-08-23
Die Foto-Gräfin und der Spieler unter den Spiegeln im verschlossenen Kästchen vom Wölfelsgrund
Sie war die Tochter ihres Vaters, sicherlich war er der Schlüssel zu ihrer Persönlichkeit.
Der Spieler, der das Leben nicht ernst nahm oder es nicht in den Griff bekam, weil es ihm beim Spiel ständig aus den Fingern glitt.
Er hatte Glück und gleich wieder nicht, und Glück war sein Name.
So das Ergebnis, das ans Ende der Geschichte gehört; der Erzähler weiß nicht viel vom Erzählten, ihm liegen ein paar Utensilien vor, zwei Holzkästchen, kleine Bilderrahmen, gerahmt und ungerahmt eine große Anzahl Fotografien.
Drei Bilder überstrahlen den Rest, zeigen ein vielleicht vierjähriges Mädchen, eine Lyzeumsschülerin und eine junge Dame, ein oder zwei Jahre später.
Die Kleine hat etwas Gewisses in ihrer Haltung, ihr Blick ist kritisch, vielleicht ein wenig abschätzig.
Die beiden jungen Damen von selbstbewußter, nicht selbstgefälliger, bemerkenswerter Schönheit, Bilder aus den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, die unter der Hand des Fotografen zu kleinen Kunstwerken gediehen.
Siebzig Jahre später sehen wir eine grimmig dreinschauende alte Frau, die alles schnell vergessen macht.
Die Kinder- und Jugendbilder versprechen viel, obwohl sie nur vortäuschen, was wir sehen sollen.
Das Mädchen ging nicht aufs Lyzeum, war wohl intelligent, doch leider viel zu faul, und mehr als diese Faulheit stand ihr im Wege die innere Überzeugung, daß sie schon alles wüßte, nichts mehr hinzulernen könnte.
Die Bilder haben einen Traum festgehalten, und der Traum war der Traum des Mädchens und die Liebe ihres Vaters, der sich aber auch gern mit seiner schönen intelligenten Tochter sehen ließ.
Während er das Klavier seiner Frau verspielte, weil der beliebte Spieler offensichtlich kein Gewinner, sondern ein permanenter Verlierer war, beschenkte er seine schöne, bald merklich eingebildete Tochter mit Schmuck und Geld, er stattete sie aus.
Er machte sie zu einer Fassade, die ein wenig Geigenunterricht nahm, um sich mit ihrer Violine eindrucksvoll und schön fotografieren zu lassen, da war sie vielleicht acht Jahre jung, aber spielen gelernt hat sie nie.
Der Spieler führte sie vor, ohne ihr das Spiel beizubringen; als Hochstaplerin in der Not hätte sie Chancen und Zukunft gehabt, doch fehlten ihr die List und der Pep, womit die literarische Seitenlinie im Ernstfall aufwarten konnte.
Die schöne junge Dame auf dem dritten Bild, die aussieht wie die erfolgreiche Studentin im vierten Semester oder die ehemalige Assistentin, die soeben ihren Professor geheiratet hat, steht in Wahrheit irgendwie schon am Ende ihres Lebens, denn ereignet hat sich seitdem nichts Erheiterndes mehr.
Sie war also schon in jungen Jahren eine Fotogräfin, die zwei Pünktchen über dem a unterscheiden sie von einer Fotografin, die ihr Handwerk versteht und, wenn es gut geht, einen Schuß künstlerischer Phantasie und Begabung mitgebracht hat.
Unsere Fotogräfin wurde zur Foto-Gräfin durch die Fotografie, zur Gräfin im Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit.
Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit (Benjamin) verleiht jeder Kopie den Nimbus eines Originals.
Die Foto-Gräfin war wirklich die Schönste im ganzen Land, und sie hätte die Schönste auf den Leinwänden der Welt werden können, wäre sie nicht so faul und von sich eingenommen gewesen.
Ihre Selbstliebe hinderte sie an der lebensnotwendigen Kommunikation, sie kommunizierte mit ihren Fotos und Spiegelbildern, kleidete sich wie die Göttliche Greta Garbo, las sich durch die Literatur ihrer Zeit und verbarg geschickt ihre Vorliebe für den gehobenen Kitsch.
Sie wird geliebt, will geliebt werden, will nehmen und kann nicht geben, das ist ihre besondere Armut; Männer, die sie liebten, hat sie abgewiesen, einer schrieb an sie als an die schöne Foto-Hexe, daß er ihr plötzliches Verhalten nicht verstehe, legte ein Exemplar der Gräfin Urne, einem Roman des dänischen Schriftstellers Herman Bang, bei, und bewies mit dieser endgültigen Abschiedsgeste, daß er sie besser verstanden hatte, als er glaubte und sie jemals begriff.
Eine Foto-Gräfin will keine Kinder, sie gebiert Foto-Gräfinnen, nacheinander, Generation um Generation und diese die nächste, in geistiger Parthenogenese, so setzt es sich fort.
Bilder, Bilder im geschnitzten Kästchen, auf denen die Foto-Gräfin von einer Kinderschar umringt ist, Kindern aus einer familiären Nebenlinie, abgestellt zum Foto-Termin und zum Essen in einem teuren Hotel, wo sie die Küsse der Kinder abwehrt.
Fotos, soviel ihr wollt, die Foto-Gräfin faßt ihr mir nicht an.
Die Liebe der Männer erwiderte sie erst, als sie tot waren.
Soldaten blieben an der Front, zu Lande und auf der See.
Von dem einen besorgte sie - nach Tod und einer Dreivierteljahrhundert-Distanz - die Marinestammrolle von 1926, um schließlich feststellen zu müssen, daß er zwar tot war, aber den Krieg überlebt hatte, alsbald ein glücklicher Ehemann und Vater von vielen Kindern.
Sie aber lebte mit den Toten, wie sie zu Lebzeiten nicht zu leben vermochte, in retouchierten und vergilbten Bildern.
Als ich sie eines Tages zu einem Gespräch aufsuchte, verschwand sie in einer Fotografie, die sie mir gerade zeigen wollte, und kam nicht wieder hervor.
Die rächenden Dämonen vom Wölfelsgrund in der Grafschaft Glatz hatten ihr ein Schicksal zugedacht, dem sie in die Bilder entrann.