2003-10-17
Deutscher Umgang mit Deutschland
Und ein passender Vergleich, wo die Geschichte sich quer legt
Wie Deutschland heute mit seinen Bürgern umgeht, ist mittlerweile beispiellos, so viel Neues kommt jeden Tag hinzu.
Da werden die Menschen auf der Straße von irgendwelchen Zivilisten belästigt, die sich anmaßen, für Ordnung und Sauberkeit der Stadt zuständig zu sein ("Meine Dame, mein Herr, Sie haben soeben die Umwelt verschmutzt!").
Sie mögen ihre Zuständigkeit ernst nehmen, mit Handfeger und Müllschippe den überall herumliegenden Hundedreck auffegen, aber das ist doch anders gemeint, die Passanten werden zur Ordnung gerufen, wenn mal einer eine Zigarettenkippe wegwirft oder sein Kind Bonbonpapier fallen läßt, das kostet nun Geld, und dafür sind diese neuen Wegelagerer in deutschen Städten zuständig.
Staat und Stadt kommen ihren Pflichten nicht mehr nach, betrügen den Bürger um seine Steuerzahlungen und Straßenreinigungsgebühren, fordern ihn zum Saubermachen auf und kassieren mehrmals für dieselbe Sache, nur leisten wollen sie nichts mehr für unser Geld.
Die neuen Aufpasser müssen schließlich bezahlt werden, die machen nichts umsonst, so sehen die nicht aus, vermutlich sind es Beamte oder städtische Angestellte, die ein paar Stunden Straßendienst einlegen, was sie ohne weiteres können, weil sie mit ihrer regulären Arbeit nicht ausgelastet, mithin überbezahlt sind.
Ich will mich darüber nicht aufregen, allmählich gewöhnt man sich an die neue Art von Polizeistaat.
Da haben wir neben Überwachungskameras und anderen Kontrollinstanzen die Umweltpolizei, die Arbeitspolizei, und wenn sich Bürger dagegen wehren, tritt der Staatsschutz auf den Plan, früher war es die Gestapo oder drüben die Stasi.
Neulich wurden unter den Dächern zweier Arbeitsämter Brände gelegt, die Polizei wußte sofort, daß die Täter nicht eine Sache beschädigen, sondern den Staat anrempeln wollten, also gab sie die Fälle an den Staatsschutz weiter, der hinter den Taten sofort "gewaltbereite Autonome" mutmaßte, obwohl er ebenso schnell zugeben mußte, daß er eigentlich gar nichts Konkretes wußte.
Der Staat weiß besser als jeder andere, daß sein Kampf gegen die Arbeitslosigkeit ein Kleinkrieg gegen die Arbeitslosen ist, und erwartet, daß die sich irgendwann zur Wehr setzen werden, er ist ja nicht blöd, dieser Staat, er ist nur infam.
Am U-Bahnhof Wittenbergplatz hat die Stadt Berlin die Sitzbänke abgebaut, weil dort regelmäßig obdachlose Stadtstreicher sich ausruhen, was aber das "Berlin-Image" störe...
Sprachlosigkeit gerät an den Schalk der geschädigten Clochards, die aus erster Hand wissen, daß sie zu jeder Weltstadt gehören, womit Berlin sich wieder mal ausgetrickst hat, vielleicht ziehn sie bald weiter nach New York oder Tel Aviv.
Die Arbeitspolizei ist zunächst so etwas wie eine Sondertruppe der Finanzbehörde, wie ja sowieso all diese Maßnahmen auf den Schwingen des staatlichen Pleitegeiers daherrauschen und den Unausgeschlafenen Angst einjagen.
Arbeit gibt es nicht, die Arbeitslosen kriegen immer weniger Stütze, nähern sich dem Existenzminimum, wenn sie es nicht schon unterschritten haben.
Bist du Gottes Kind, hilf dir doch... - da lauert die Sturmtruppe der Arbeitspolizei wie ein Dieb in der Nacht hinter dem Pfeiler, irgendein Denunziant hat sie gerufen, und geht gegen dich Schwarzarbeiter vor.
Mit der Rechtsgleichheit nimmt man's da nicht so genau.
Ein Milliardär, der sich seiner Steuerpflicht entzieht, genießt im Ausland ja nur die Vorteile der Freien Welt, und der geflohene Steuermilliarden-Schuldner wird von der Regierung höflich gebeten, doch bitte wieder zurück zu kommen, man werde ihm kein Härchen krümmen, wenn er nur komme und künftig seine Steuern in dem Land zahle, wo er auch früher sein vieles Geld, das andere erarbeitet hatten, einschaufelte.
Der kommt trotzdem nicht zurück, und damit hat es sich dann auch.
Der hohläugige, von Sorgen geplagte Arbeitslose, der - mit dem Zucken im Gesicht - beim Nachbarn mal für ein paar Euro aushilft, ohne Steuern zu zahlen, ist unter den streng-gerechten Blicken satter Antlitz-Träger der Neuen Mittelklasse ein Krimineller...
Wir erfahren es soeben über die Medien: der Mann kann für zehn Jahre ins Gefängnis wandern...
Ein Arbeitsloser wird im Gerichtssaal zu 400 Euro Bußgeld oder Ordnungsstrafe verdonnert, weil er während der Verhandlung zu der Richterin "frech" war.
Wer verdonnert die Richterin für ihre Frechheit, einem Arbeitslosen den Lebensfaden anzusäbeln?
Die Dame Justitia hat keine Ahnung, was sie anrichtet... - oder weiß, was sie tut, ist verantwortlich vor jenem Richter, den es wohl nicht mehr gibt, er würde sich melden, ist sie doch von einer sozialen Auffälligkeit, die sie sofort als Ordnungswidrigkeit oder kriminelles Verhalten im Schnellverfahren abservieren würde.
Die Besitzer von lebensgefährlichen Kampfhunden müssen ihre Monsterköter weder mit Maulkörben verärgern, noch an der Leine führen, wie überhaupt der Leinenzwang für Hunde in öffentlichen Anlagen aus ferner Vergangenheit, als die Stadt noch für die Menschen da war, herüberwinkt; heute müssen die Kinder an die Leine genommen werden, wenn sie im stadtüblichen Hundekot nicht verdrecken und krank werden sollen.
Tierschutz geht vor Menschenschutz, nicht wahr.
Frech ist der Staat aber nur zu den Schwachen, seinen - niederrangigen - Bürgern, wohingegen er kuscht und nickt, wenn - von innen oder außen - Forderungen an ihn massiv - lobby-gestützt, political correctly gestellt werden.
Der NATO-Einsatz im Kosovo hat der Bundesregierung eine Schadenersatzklage eingebracht - für die Bombardierung einer Brücke, woran die Bundes-Luftwaffe jedoch nicht beteiligt war: Deutschland wird "gesamtschuldnerisch" zur Kasse gebeten.
Das Gericht nimmt die Klage ohne weiteres an, obwohl die NATO bereits abgewinkt hatte.
In Deutschland ist nicht nur jede unzumutbare Arbeit zumutbar, Deutschland akzeptiert auch jede - wie gesagt, massive, irgendwie auch an Vergangenheit erinnernde - Zumutung, wobei ich den Opfern des Bombenangriffs und ihren Hinterbliebenen durchaus wünsche, daß sie - bei allen Rechtszweifeln - zu ihrer Entschädigung kommen, obwohl die Toten nicht mehr aufgeweckt werden können.
Im Kriegsfall - so ist es Brauch - werden an Zivilgeschädigte keine Ersatzzahlungen geleistet; Deutschland leistet jedoch - freilich nur unter schnell realisiertem und verinnerlichtem politisch-historischem Druck* - und gibt den Druck an seine Arbeitslosen und Obdachlosen weiter.
Manchmal liegt die Vergangenheit allerdings quer, so daß sie zur aktuellen - politisch korrekten - Weiterverwendung nicht taugt.
Henryk M. Broder hat Kanzler Schröders Übereifer gen Damaskus aufgespießt, das mag ja nicht falsch sein, auch wenn es an Schröder Wichtigeres zu kritisieren gibt als ein paar sachlich nicht zu beanstandende Worte zur Nahost-Problematik (die Verletzung der syrischen Souveränität durch israelische Kampfflugzeuge betreffend).
Broder fragt ("Lieber Gerhard, mein Kanzler..."), was wohl geschähe, wenn - wie in israelischen - in deutschen Städten Bomben explodierten und unschuldige Bürger zerrissen...
Die Frage ist berechtigt... - sie wäre berechtigt, wenn sich die Umstände vergleichen ließen.
Deutschland hat keines seiner Nachbarländer besetzt, zerstört dort keine Wohnhäuser, macht nicht Tausende obdachlos - wie es das aber zum Beispiel von 1939 bis 1945 in Polen tat.
Jetzt kommt der passende Vergleich:
Polnische Partisanen haben daraufhin in deutschen Städten Bombenattentate - verzweifelte Selbstmordattentate - verübt.
Die ganze Welt, Broder eingeschlossen, jubelt - die Deutschen aber gehen auf "Terroristenjagd".
Ihre Propaganda läuft auf Hochtouren, das "Reich des Bösen" wird zu einer Landschaft finstrer Träume, die "Höhlen der Terroristen" müssen "ausgeräuchert" werden...
Die siegreiche Nachkriegswelt aber wahrt und ehrt das Andenken der tapferen Freiheitskämpfer bis auf den heutigen Tag.
Moralisch korrekt, würde ich sagen.