2003-07-23
Festungsdenken hüben und drüben
Von der Festung Europa wird jetzt seltener als vor ein paar Jahren gesprochen, inzwischen aber daran gearbeitet.
Nimmt man die Rüstungsplanungen und europäischen Einigungsüberlegungen alle zusammen, so möchte der machtlogische Verstand meinen, daß vieles nicht so laufen wird, wie wir als vermeintlich freie Bürger es uns wünschen müssen, wenn wir nicht alle Ideale des vergangenen Jahrhunderts vergessen wollen.
Die europäische Einigung zu einem machtpolitischen Gemeinwesen, das wirklich auch funktioniert, möglichst mit einer Stimme spricht, was für die Vielfalt Europas eine geradezu widernatürliche Vorstellung, andererseits aber nötig ist, wenn Europa als neuer kompakter Machtfaktor ins Spiel des neuen Jahrtausends kommen will, diese kompakte und machtvolle Einigung ist wie eine Idee, die zunächst noch der überzeugenden Führungskraft bedarf.
Europa kann als zielgerichtete, neue politische, wirtschaftliche, militärische Macht nur existieren, wenn es aus seinen nationalstaatlichen Ursprüngen schlüpft, seine kontinentale und interkontinentale Interessenlage erkennt und daraus so etwas wie eine neue reichspolitische Konzeption entwickelt.
Das wird nicht ohne weiteres möglich sein, weil die europäischen Länder sich ohne dringende Notwendigkeit nur auf den kleinsten Nenner einigen werden.
Bedrohungen könnten die Dinge in Gang bringen helfen und sich als Garanten unseres Freiheitswillens bewähren.
Bedrohungen sind denkbar aus dem Osten, also etwa Rußland, das momentan etwas zurückgetreten ist, und aus dem Westen, also von Amerika, und zwar aus verschiedenen Gründen.
Europa ist als stabiler Reichsblock eine große Gefahr für das gesamte Amerika, und wenn das katholische Südeuropa, vor allem Spanien und Portugal, seine latein-amerikanischen Verwandten stärker in die Politik einbezieht, sie mobilisiert und unterstützt, d.h. über sie zu einer weltpolitischen Vision gelangt, dann hätten die Vereinigten Staaten von Amerika ein Problem, das durch ein französisches Quebec auch vom Norden her beunruhigende Signale senden würde.
Europa ist durchaus in der Lage, die USA das Fürchten zu lehren, und da die Amerikaner das besser wissen als die meisten Europäer, wird Amerika sich dagegen rüsten wollen und zu rüsten wissen.
Dadurch entsteht hinwiederum Druck auf Europa, und so zeichnet sich bereits heute ein Bild ab, auf dem zwei starke Wirtschafts- und Miltärfestungen gegeneinander mobil machen, obwohl sie das ursprünglich und eigentlich gar nicht wollen.
Wenn dann der alte Kirchenkonflikt der Reformationszeit wieder auflebt, der Vatican das katholische Europa an seine Christianisierungs- und Re-Christianisierungspflichten erinnert, dann könnte es für die US-Evangelikalen, die heute die Kriegspartei sind, macht- und ideenpolitisch sehr heiß werden.
Ein richtiger Gedanke?