2003-07-23
Der Iraq-Krieg mausert sich zum Stiefvater der Dinge
Und dieser zum Vater, wer weiß
Ich denke, daß die kriegerisch-nachkriegerische Entwicklung seit dem Attentat vom 11. September 2001 etwas vorbereitet (und nicht abschließt), gegen das die vergangenen zwei Jahre nur ein Hühnereierlaufen sind.
Die Anti-Terror-Koalition hat es eine Zeitlang vermocht, Kritik an der Kriegspolitik auszuschalten.
Die Furcht vor Repressalien hat nachgelassen, auch das aufmerksam-demokratische Amerika meldet sich wieder zu Wort.
Die Bush-Regierung beeindruckt nicht mehr wie bis vor kurzem noch, ihr Friedensordnungsdesaster ist überwältigend, Versprechungen blieben unerfüllt, der treueste Verbündete, Tony Blair, kämpft mit größten Schwierigkeiten, egal, ob Kelly sich umbrachte oder umgebracht wurde.
Wir werden sehen, wie lange der psychologische Umschwung nach dem gemeldeten Tod der beiden Saddam-Söhne anhält.
Zu solchem Sieg nichts - oder mit 200 Supersoldaten gegen zwei verwöhnte Monster in einem erbitterten Sechsstunden-Gefecht eher Peinliches - beigetragen, sich auf den - noch peinlicher - 30-Millionen-Dollar-Verwandten-Verrat verlassen zu haben, ist nicht gerade erhebend.
Alles in allem könnte man sagen, daß die Hoppla-jetzt-komm-ick-Partei auf beiden Seiten des Atlantik moralisch und politisch abgewirtschaftet hat.
Das Problem sitzt aber tiefer.
Analysen des Vorgeschehens ergeben, daß die Eroberungspläne älter sind als der Anlaß vom 11. September 2001.
Die Situation hat sich nicht geändert, das neue Weltreich muß handeln, wie es das soeben tut und getan hat.
Unter solchen Bedingungen stört jede innere und äußere Kritik.
Aus Regierungssicht haben wir kein Handlungsdefizit, sondern einen System-Mangel.
Auf demokratischem Wege, dem American Way of Life, mit rechtsstaatlich garantierter innerer und äußerer Freiheit, ist es nicht mehr zu schaffen.
Amerika muß seine Ambitionen oder sein Wesen ändern
Die Regierung hat da und dort faschistischen Neigungen nachgegeben, arbeitet weltweit mit Schwarzer Propaganda gegen Osama Bin Laden und Saddam Hussein, als seien die Fakten nicht überzeugend genug.
Guantánamo, der Ausrottungsfeldzug gegen die Terroristen, was manchmal an Hitlers Krieg gegen die "jüdischen Terrorbanden", Partisanen in Weißrußland, erinnert...
Eine große Demokratie verläßt ihre demokratischen Pfade, mißachtet ihre rechtsstaatlichen Tugenden, wie wir sie nach dem Zweiten Weltkrieg, und sei's auch nur irrtümlich, wie man heute im nachhinein vielleicht denken möchte, kennengelernt hatten.
Wenn die USA den "objektiven" Zwängen folgen, auf ihre weltmachtpolitischen Ziele nicht verzichten können (!) - dann müssen sie die Demokratie verwerfen.
Die sogenannte Umweltpolitik liefert den - amerikanischen wie den europäischen - Behörden Anlässe genug, um - vorweg - erhebliche Einschränkungen bürgerlicher Freiheiten durchzusetzen.
Weltreichspolitische Sachzwänge verhängen den Horizont.
Mit Amerikas Abschied von der Demokratie gehen auch in Europa die Lichter aus, die ohnehin nur noch dahindimmern.
Worauf ich allerdings vertraue:
Um ihr demokratisches Wesen nicht ablegen zu müssen, werden die Vereinigten Staaten von Amerika ihre weltpolitischen Ambitionen relativieren, Beziehungen harmonisieren, eine neue Freundlichkeit an den Tag legen.
Demnächst vielleicht, wer weiß.
Es fehlen oder schlafen nur noch die ausgleichenden Gegen-Kräfte.
So würde am Ende der Stiefvater doch zum Vater der Dinge.