2003-06-17

Koresh Kukafka

Mischu, wo bist du?

Ich geh mal davon aus, daß du nicht überrascht worden bist, daß du genau wußtest, was eines Tages auf dich zukommen mußte, das stellen wir erst einmal fest.

Da ist also diese ukrainische Mafia, ein Menschenhändlerring, der Frauen aus Osteuropa in den Westen an zahlungskräftige Kunden bringt.

Gehandelt wird auch mit Waffen und mit Drogen. Von weiteren illegalen Waren ist die Rede gewesen.

Vielleicht sind damit Kunstgüter gemeint, antike Schätze, alles Dinge, die nicht ausgeführt werden dürfen, wie zum Beispiel die einmaligen Schätze, die in der Plünderungsphase des Iraq-Krieges aus den staatlichen Museen in Bagdad und anderswo verschwanden.

Deine Organisation handelt also mit genau den gleichen Waren, mit denen der internationale Terrorismus handelt, woraus er seine Infrastrukturen, Ausrüstungen, Kommunikationsnetze, nicht zuletzt seine Kämpfer finanziert und versorgt.

Nun wird der internationale Terrorismus allgemein mit dem Islam in Verbindung gebracht, und du bist dafür bekannt, daß du gegen diesen Terrorismus, der vor allem Israel bedroht, zuletzt auch in deiner Sendung mit Peter Scholl-Latour Front gemacht hast.

Gegen diesen Terrorismus schienen dir alle Mittel recht zu sein, und du dachtest auch nicht daran, einmal etwas länger darüber nachzudenken, auch über die Relativität, auf die Scholl-Latour hinwies, als er die veränderte Sprachregelung in bezug auf die Tschetschenen - damals Freiheitskämpfer, heute Terroristen - erwähnte.

In den vierziger Jahren, vor der Gründung des Staates Israel, war in Presse und Rundfunk nur von "jüdischen Terroristen in Palästina" die Rede.

"Terrorist" ist ein alter Ehrentitel: auch die Nazis sprachen von "jüdischen Terrorbanden" in Polen und Rußland.

An diesem Abend wußtest du schon von den eben angelaufenen Ermittlungen gegen dich, aber wir wußten es noch nicht.

Du hättest darüber auch wenigstens ein Wort verlieren können, aber nein, dein Schweigen hält bis heute an, warum eigentlich?

Ich habe einen Verdacht, und den will ich jetzt hier mal ausbreiten.

Du hast verdeckt gearbeitet, hast den Salonlöwen gespielt, ins Bordelleben hineingerochen, hast dich umgesehen, denn in dieser Halbwelt kommen viele interessante Leute zusammen, von denen man viel erfahren kann, man muß es nur richtig anstellen.

Mit Drogen und Weibern machst du den härtesten Brocken weich, und wenn er sich wohl fühlt, der strengen Diskretion sicher sein oder sich wähnen kann, warum soll er nicht auch mal was ausplaudern.

So werden Verbindungen hergestellt, geschäftliche Beziehungen geknüpft.

Du bist genau der Typ, der in Bars und Hinterstuben deren Vertrauen gewinnt, bei denen was rauszuholen ist.

Du riechst in den internationalen Terrorismus hinein, versorgst die Islamisten mit Waffen und hältst sie auf diese Weise unter Kontrolle.

Die Gefahr ist gering, weil sie die gleichen Waffen sonst woanders kaufen würden.

So weißt du, was bei denen wie läuft, kennst ihre Grenzen und Schwächen.

So weit die Aufklärungsmöglichkeiten.

Was unter militanten Juden längst die Runde macht, ist das Verlangen nach einem - staatsunabhängigen - Gegenterror.

Du warst immer ein stolzer Mann, ein aggressiver und auch unversöhnlicher Streitgeist.

Der bewaffnete Kampf ist die Fortsetzung der geistigen Auseinandersetzung, die Durchsetzung theoretischer Konzepte.

Wenn der Kampf gegen den deutschen Faschismus letztlich doch erfolglos blieb, so lag das vielleicht daran, daß niemand über den geistigen, theoretischen Horizont hinausdachte.

Wie es im Zweiten Weltkrieg hierzulande keinen jüdischen Widerstand gab, so trat nach dem Krieg nicht ein einziger jüdischer Racheengel auf.

Diese Gedanken kamen mir vor ungefähr zwanzig Jahren aus Anlaß der Faßbinder-Schmiere.

Damals warst du mir aufgefallen mit deinem Stolz, deinem scharfen Intellekt, deinem geschliffenen Wort.

Ich dachte, das ist er, der Racheengel, der Unversöhnliche.

Das hast du bis zuletzt durchgehalten.

Doch nun auf einmal soll es dich nicht mehr geben.

Das glaube, wer will, ich glaube es nicht.

Du hast auf allen legalen und illegalen Wegen die Mittel zusammengeschafft, die für den künftigen jüdischen Widerstand in Europa gebraucht werden.

Die jüdischen Partisanen der Zukunft kennen ihre Feinde besser, als die sich kennen.

Dafür warst du bereit, dein Leben aufs Spiel zu setzen, deinen gesellschaftlichen Ruf zu ruinieren.

Ja, du hast die Menschen mit deinen Worten und Gedanken, deinem arroganten Auftreten, deiner äußeren Makellosigkeit, deinem strengen und ungerechten Moralismus provoziert und oft zur Weißglut gebracht.

Als ich dich dann genauer betrachtete, erinnertest du mich an einen Zuhälter, der im Rotlicht-Milieu verkehrt und als Anwalt seine Klienten dort in Sicherheit wiegt.

Ein Journalist, der wie ein Schauspieler aussieht, sagtest du in einer Talkshow über dich, als würdest du das Urteil Dritter zitieren.

Was du nicht wissen kannst, ich mache mir Sorgen um dich.

Dabei denke ich immer wieder an das Bild von deiner Bar-Mitzwah-Feier, wo du zusammen mit Oskar Schindler zu sehen bist.

Dieser junge aufgeweckte, strahlende Bengel mit dem wilden Schopf und der natürlichen Eleganz, wo ist der geblieben, wo vor allem der wilde Schopf, diese unverwandte und ungezierte Mimik.

Warum läßt du die Haare auf dem Kopf und um die Augen nicht einfach wachsen, warum nicht den Bart, meine Güte, das Judentum, was ihm in der Geschichte angetan wurde, warum läßt du es nicht heraus, warum stutzest und verstümmelst du es?

Du nanntest dich einen emanzipierten Juden, als der du in Deutschland leben möchtest.

Emanzipiert wovon, wenn nicht vom Judentum?

Deiner jüdischen Familie?

Du hättest heiraten und Kinder zeugen sollen, in deinem Alter ist ein Mann ohne eigene Familie nur ein halber Mann.

Im Judentum gilt auch nicht, daß du auf alles verzichten mußt, weil die übergeordneten Pflichten dich rufen.

Der Jude weiß halt, daß sein Handeln, Denken, Fühlen, sein ganzes Auftreten nur dann stimmen, in sich stimmen, harmonieren, wenn er sein Haus in Ordnung hat, wenn die kleinen Dinge des Lebens in der Waage sind.

Der Berliner Staatsanwalt, derselbe, der aus Anlaß eines nach Amsterdam in die Prostitution verschleppten zwölfjährigen Jungen zu dessen Eltern sagte, die Staatsanwaltschaft sei schließlich kein Suchdienst oder Fundbüro, derselbe Staatsanwalt, sein Name ist Karge, hat nun auch dich beschämt.

Wenn du jetzt untergetaucht bist, zumindest macht es so den Eindruck, dann verkrauch dich nicht nur bei Freunden in einer anderen, vielleicht freundlicheren Umgebung, als du sie aus Deutschland kennst.

Tauch noch tiefer, tauch in dein Judentum ein und finde da wieder zu dir, etwa zu dem, der du als Bar Mitzwah warst.

Werd der Patriarch, den jeder ernstnehmen muß.

Studier die Qabalah oder nicht.

Mach - jüdischer Partisan - Nägel mit Köpfen.

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