2003-06-27

Omar Santamaria y Cordoverez de Anahuac

Altmännergeplauder über junge Mädchen

Die Zukunft ist ein junges Mädchen...

Es gibt solche alten Männer und andere.

Ich staune und frage, was mich bei der Lektüre von H.-U. Wehlers Artikel Laß Amerika stark sein! so fassungslos macht.

Wie konnte einem wie mir - ohne formale akademische Bildung - die Fülle der Fehleinschätzungen eines deutschen Gelehrten so faustisch, ja so fausthaft-schmerzlich vors Auge treten!?

Liegt das an meiner, wie mein Pseudonym signalisiert, katholisch-jüdischen Herkunft oder an meiner Selbst-Synthetisierung zum Moslem?

Wehlers Argumentation jedenfalls, die eines bestallten ordentlichen deutschen Universitätsprofessors der Geschichte, ist als Indikator deutscher historisch-politischer Bildung zu werten, ernst zu nehmen und deshalb nach Kräften zu widerlegen.

Wie weit das einem Dilettanten wie mir gelingt, mag der Leser entscheiden.

1.) Wehler fordert, m.W. nicht zum ersten Mal, eine europäische "Grenzziehung" zu angeblich nicht-(ganz-)europäischen Staaten.

Dabei kritisiert er die "Feigheit" der Politiker und übersieht, daß es auch eine Feigheit von Akademikern vor dem Zurkenntnisnehmen längst publizierter Bücher und der Eindrücke europäischer Touristen ins Ausland gibt.

Er spricht von "nicht europakompatiblen Staaten" wie den orthodox-christlichen und dem türkisch-muslimischen (ihn "islamisch" zu nennen, verbietet der Kemalismus).

Das orthodoxe Christentum hält Wehler zutiefst unterschiedlich vom protestantischen und römisch-katholischen.

Der Vatikan indessen schätzt die Gegebenheiten eher umgekehrt ein:

Die Orthodoxie stehe in vielen Hinsichten dem römischen Katholizismus näher als der Protestantismus.

Wer hat jetzt über den Charakter Europas zu entscheiden:

Politiker und Professoren oder das geistige Fundament dieses Europas?

2.) Wehler warnt mit guten Gründen, aber nicht mit ausreichenden, vor einer riesigen europäischen Freihandelszone vom Atlantik bis Wladiwostok, von Lappland bis zur türkisch-irakischen Grenze.

Aber gibt es überhaupt Europa heute noch als "distinkte Einheit"?

Oder ist denn nicht seit der Zeit der Entdeckungen ein Welt-Europa entstanden?

Gibt es nicht ein Lateinamerika und ein Britisch-Nordamerika, -Australien, -Neuseeland?

Mit diesen Namen ist doch schon der Umriß einer künftigen globalen Freihandelszone gegeben.

Die Einigungswünsche des westeuropäischen Halbkontinentes waren doch eine defensive Reaktion auf die bolschewistische Bedrohung, und im Europa zwischen der Sowjetunion und der BRD ein Befreiungstraum.

Seit 1990 könnten wir alle davon Abschied nehmen, ohne eine Wiederauferstehung des Stalinismus befürchten zu müssen.

Wir brauchen dieses halbausgeführte, unvollendete und auf westeuropäische Gegebenheiten abgestimmte Konstrukt nicht mehr.

Es war nie ein "großes" Projekt, aber für einige Mitglieder ein kostspieliges, und seine Aufgabe wäre kein "Verrat", sondern mutig.

Geben wir es aus Feigheit nicht auf, dann werden seine Konsequenzen fürchterlich teuer, wie ein Mühlstein am Hals sein.

3.) Unbestreitbar recht hat Wehler, daß das jetzige Europa, ob "alt" oder neu", sich nicht vorschnell in eine Feindschaft zu den USA verheddern darf, wiewohl eine solche Positionierung eine der nächsten Zukunft werden könnte.

Dann erst wäre an China zu denken, jedoch aus Gründen des Selbstschutzes nicht an das in Tschetschenien mordende Rußland.

Ob die Indische Union jemals zu einer wenigstens regionalen Hegemonialmacht heranreifen wird, hängt von ihrer Überwindung ihrer heterogenen tribalen und Kastengegensätze ab.

Eher könnte das Pakistan nach einer Vereinigung mit den eigentlich vorarischen Einwohnern Nordindiens werden.

4.) Ebenfalls zuzustimmen ist Wehlers Urteil, daß die Bush-Administration eine nur passagère ist.

Die USA sind sozial-soziologisch zu heterogen, als daß die WASP-Mehrheit für Bush länger als ca. fünf Jahre halten könnte.

Aber ob dann die Likud-Fraktion innerhalb Washingtons sich verliefe, bleibt offen.

Auf einen Gore wäre so wenig Verlaß, trotz seinen zivileren Umgangsformen, wie auf die deutsche SPD.

Bis dahin könnte sich auch eine Dritte Partei endgültig formiert haben, z.B. eine bürgerrechtlich entschiedenere als die Ralf Naders.

5.) Der mich befremdendste Abschnitt der Wehlerschen Argumentation ist die Verkennung des Islam.

Es sollte sich herumgesprochen haben in unseren akademischen Kreisen, daß der prophetische Islam, seine Sunna, deutlich ein Sproß des Judentums ist, kaum unterscheidbar in seiner Orthopraxie von der mosaischen Lehre, und daß der kalifische Islam, ebenso wie das christliche Europa, nicht nur geografisch, sondern auch kulturell ein Erbe der griechisch-römischen Zivilisation war (und gerade bei seinen "Fundamentalisten" geblieben ist).

Hierzu wäre eine erneute Lektüre von H. v. Glasenapps Die fünf Weltreligionen anzuraten sowie Gerhard Schweizers Indien und China, Stuttgart 2001, in dem die prinzipielle spirituell-kulturelle Einheit der christlichen und islamischen Weltregionen verdeutlicht wird.

Oder sollte da eine neohinduistische Sympathie das Urteil Professor Wehlers trüben?

6.) Vermißt wird in Wehlers Lagebeschreibung die offenkundige und die Politik Europas beeinflussende Tatsache der muslimischen Einwanderung nach Westeuropa, die in die Millionen geht.

Sollen sie bei der Grenzdefinition keine Stimme haben?

In Deutschland sind diese Neubürger vorwiegend Türken; in Frankreich sind sie noch zahlreicher und kommen aus Nordafrika sowie aus der subsaharischen Zone und Zentralafrika; in Belgien aus dem Kongo und in Britannien wiederum aus Pakistan, Bangladesh, Arabien, den Kariben und Indonesien/Malaysia.

Wir sollten wirklich die heutige Diskussion über die Grenzen Europas hinter uns lassen.

Die Zukunft der Erde ist längst auf dem Weg und wird sich binnen kurzem realisieren.

Falls jedoch die europäische Alltagskultur sich noch einmal revitalisieren würde, d.h. den Hedonismus abstreifen und mehr Finanzmittel in seine Rüstung stecken sollte, dann würde es sich erweisen, daß Frankreich wichtige Vorleistungen für eine europäische Ausgestaltung der europanahen Erdregion erbracht hat:

Mit seinen afrikanischen Kolonien, mit seiner Kulturpflege im Orient und mit seiner Francophonie.

Es bleibt zweifelhaft, ob die Europäer eine derartige Chance überhaupt bedenken wollen bezw. können, wenn die Lehrkräfte der Universitäten mit ihren Beiträgen so hinter den Bergen sitzen bleiben, wie gegenwärtig dargestellt.

Dann kann man sich weitere Erörterungen über Europas Grenzen so ersparen wie ein Altmännergerede über die Vorzüge junger Mädchen.

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