2003-09-16
München, Düsseldorf...
Eine deutsche Profilneurose
Der mehrfache Bombenalarm auf dem Düsseldorfer Flughafen und der Sprengstoff-Fund bei Münchener Rechtsradikalen, dazu die Anpeilung jüdischer Ziele im Internet und das "Ausspähen" - wie nach Bilderbuch - ausgerechnet des bis dahin bundesweit unbekannten SPD-Kandidaten zur bevorstehenden bayrischen Landtagswahl waren wieder einmal eine typische deutsche Überschlagsrolle mit dem ebenso typischen Puffgeräusch.
Hinzu kommen die Kreuzberger Entdeckungen in der Gitschiner Straße, wo es wie nach Plan von der Decke tropfte, so daß der 30jährige Mieter unter den Dielen der über seiner Wohnung gelegenen Bodenräume zur rechten Zeit ein altes Waffen- und Säure-Lager finden konnte.
Das gibt alles in allem schon ein ziemlich umfassendes Bild.
Es erinnert ein bißchen an die offiziellen Verrenkungen im Mordfall Olof Palme und die verwirrend bunten Ermittlungsergebnisse bei der Aufklärung des Messerattentats auf die schwedische Außenministerin Anna Lindh.
Der Täter war demnach ein 18mal vorbestrafter, halbverrückter Drogenabhängiger mit Freunden aus der rechtsradikalen Führungs(!)ebene.
Die Nachricht lautet im Klartext, daß wir es vermutlich mit einem - allerdings ganz anders gearteten - politischen Hintergrund zu tun haben.
Nicht nur die üblichen Verdächtigen, auch die üblichen Aufreger und Aufgeregten traten auf den Plan.
Bayerns Innenminister Beckstein sieht bereits eine "Braune Armee Fraktion" am terroristischen Horizont, jedenfalls aktuell am Werk, während Bundesinnenminister Schily, nach seiner NPD-Pleite ein wenig vorsichtiger geworden, die "BAF"-Fama für übertrieben hält, andererseits aber dem Telefonierer vom Düsseldorfer Flughafen den ausgelösten Bombenalarm so übel nimmt, daß er ihm die Verachtung der ganzen Gesellschaft androht, was ihm, Schily, auch schon ein paar Jahrzehnte früher, als er selber noch im Terrorzusammenhang aktiv war, hätte einfallen können.
Der Anthroposoph Schily ist immer wieder für eine Überraschung gut, und dem evangelikalen Franken Beckstein fehlt halt die katholische Ruhe der Bayern.
Merke: Mit einem Telefonat kannst du ganz Deutschland auf den Kopf stellen.
Was liegt denn nun vor?
Immerhin wurde ja schon der Generalbundesanwalt tätig.
Warum kommt nur gleich wieder das Gefühl hoch, daß mit den Flügeln geschlagen wird, weil sonst nichts Erhebliches in Deutschland zu haben ist?
Aber da gab es doch etwas.
Deutschland gewährte den Terroristen vom 11. September 2001 jahrelang Unterschlupf, das wollen wir nicht vergessen; von hier ging alles aus, worüber sich in Deutschland noch niemand öffentlich aufgeregt, geschweige denn nachgedacht hat: ob vielleicht alte Stasi-Strukturen ihre arabischen Verbindungen ins Spiel gebracht hatten.
Das übliche deutsche Getöse aber, wenn die sprichwörtliche Mücke zum Elefanten mutiert; gleich wird das Schlimmste angedroht, werden Maßnahmen ergriffen, Gesetze, am liebsten auch das Grundgesetz, geändert, das ist zwar alles Hokuspokus, Theater um nichts, aber wirksam und immer zufriedenstellend in Deutschland.
Dahinter steckt Methode.
Das deutsche Bestreben, jede Gelegenheit wahrzunehmen, um die Demokratie peu à peu abzuschaffen, bleibt unverkennbar.
Was war denn nun eigentlich geschehen?
Wahrscheinlich hatte ein Schelm oder ein Staats-Sicherheitsbeauftragter die Flughafenvorsorge gegen eventuelle Terrorangriffe testen wollen, schon kam es zur deutschen Überreaktion der ängstlichen Musterschüler, die schnell mit Kanonen auf Spatzen schießen und die gefährlichen Reptile unbeachtet ihr Handwerk weiter treiben lassen.
In München hat wahrscheinlich ein Verfassungsundercoverschutz-agent provocateur zu früh die Nerven verloren oder den Entnervten gespielt und seine Untaten ausgeplaudert.
Man fand, so hieß es zunächst, 1,7 kg Sprengstoff und außerdem "sprengstoffähnliche" Materialien, vielleicht den verrotteten Inhalt einer alten Karbidlampe oder ungelöschten Kalk im Hosenumschlag eines Maurers oder Benzin im verschlossenen Feuerzeug.
Die Zielsuche im Internet stelle ich mir so vor, daß am Computer im Netz gesurft wurde, was jeder tut, der sich informieren will.
Im Moment wüßte ich jedoch ganz gern, welche prominenten Verräter der alten Bundesrepublik für die Stasi spionierten: Publizisten, Medienredakteure, Ministerialbeamte, Bundestagsabgeordnete, Minister...
Vielleicht haben sie - beziehungsweise die zuständigen Führungskader - noch schnell die "Braune Armee Fraktion"-Soße angerührt, um von ihrer - wer weiß, wer weiß - vor der Veröffentlichung stehenden gemeinsamen - "Rosewood" - Vergangenheit abzulenken.
Die 1,7 Kilo wirkten denn auch zu kümmerlich, wenn man hörte, daß im Iraq und anderswo viele hundert Kilo Sprengstoff zum Einsatz kamen, so sind schnell aus 1,7 Kilo vielleicht 17 Kilo geworden, was Handfestes jedenfalls, obwohl im Vergleich immer noch mickrig wenig.
Deutschland ist es mittlerweile gewohnt, politisch und administrativ hin und wieder den Rückzieher machen zu müssen, wie der amtierende Generalbundesanwalt, oder zurückgepfiffen zu werden wie Bundesinnenminister Otto Schily, der einstige Terroristen-Verteidiger.
Trotzdem wird immer wieder was hochkochen, wenn's gebraucht wird.
Dazu eine kurze Nachricht:
Der Unternehmer Hans Wall, Vorstandsvorsitzender der Wall AG, hat den ausgerutschten "Mischu" Friedman bei sich untergebracht.
Dr. Michel Friedman ist neues Aufsichtsratsmitglied des Unternehmens.
Walls Schwiegervater ist der ehemalige Stasi-General Markus ("Mischa") Wolf, seines Zeichens Spionagechef im Geheimen Krieg
(deutsch bei List, München 1997, erweiterte und bearbeitete Fassung der englischsprachigen Originalausgabe, die unter dem Titel The Man Without a Face
bei Times Books im Verlag Random House, Inc., New York 1997, erschien).
Siehe auch:
- Nazis hatten Terrorliste
- Beckstein warnt vor Brauner Armee Fraktion
- "Sie mussten es nicht tun" - Helmut Kohl im Welt-Interview
- Kohl: West-IMs waren Vaterlandsverräter
- Innenminister Otto Schily ist gegen neue Stasi-Überprüfungen
- Stasi-Überprüfungen: Abgeordnete sollen durchleuchtet werden
- Der Fall Wallraff: Birthler-Behörde gerät unter großen Druck