2003-12-29
Der innere Teufelskreis
Vom Schwanzbiß des Denkens
Rolf F. Schütt: Zurück zur postökologistischen Natur. Über metapolitische Methoden der Ganzheit und der Differenzen. Texte zur Kulturkritik, Band 2. 1. Auflage 1998. Copyright © 1998 by Athena Verlag, Mellinghoferstraße 126, 46047 Oberhausen. www.athena-verlag.de
Eine späte Wiederbegegnung mit Rolf F. Schütt, der den kuckuck jahrzehntelang begleitet hatte.
Die Vierteljahreshefte kuckuck stellten ihre Print-Ausgabe im Frühjahr 1999 ein, Schütt erwähnt sie in einem seiner letzten Essays (100 ff.).
Die Erwähnung ist wichtig, weil wir beide, die wir uns nie persönlich kennen lernten, sehr oft um die gleichen Sujets bemüht waren.
Unser Dialog drehte sich um das proletarische - lohnabhängige - Dasein als materielle und gesellschaftliche Grundbedingung einer bewußten Intellektualität.
Die materielle Bescheidenheit verbunden mit dem höchsten Anspruch des Denkens fordert die bürgerliche Ideologie und ihr Establishment heraus.
Schütt kommt das besondere Verdienst zu, eine allgemein-reflektive intellektuelle Erfahrung individuell begabt und prädestiniert empirisch ergründet und beschrieben zu haben.
In einem sehr eigenen Teufelskreis findet sich das Denken ständig als Spiegelbild seiner selbst wieder oder wider; die Reflexion wird konkret und sichtbar.
Den Machtwillen der Zwangssysteme bekämpft ein aphoristischer Machtwille, der geistreiche Ohnmachthaber attackiert die Macht der Dummheit.
Der Aphoristiker akzeptiert, was jeder an seiner Stelle ebensogut sagen könnte, aber er leugnet, daß es wichtiger als das ist, was nur er sagen kann.
Jeder ist dazu bestimmt, sich selbst zu bestimmen, und bestimmt sich dann meist nur dazu, über sich selbst bestimmen zu lassen.
(74)
Bisweilen möchte man sich ein wenig mehr Zuversicht und dialektische Wendung wünschen, das Wunder ist nicht nur als Elend - auch Denk-Elend - in der Welt.
Überall dazwischen - verschmähtes Unkraut zwischen den Steinen - das nicht endende Leben...
Zuerst gab das Fernsehen vielleicht ein verlogenes Bild von unserem Leben, inzwischen haben wir so lange in die Röhre geglotzt, daß wir so leben, wie es das TV-Gerät vorführt.
Das Fernsehen gibt nur noch ein Leben wieder, das den Fernsehbildern nacheifert, der Kreis schließt sich.
(63)
Wie wird die Philosophie damit fertig?
Im nachhinein ist das - fürstlich, staatlich, gesellschaftlich geförderte und gepriesene - Philosophieren wie ein Netz von Schleichwegen schlauer Katzen um den heißen Brei.
Rolf F. Schütt hat immer eigenständig gedacht, geschrieben, sein Schicksal angenommen, das etablierte und gefeierte Kulturleben weiß mit Leuten wie Schütt ohnehin nichts anzufangen, obwohl es auf lange Sicht vielleicht kurzlebiger ist als Schütts Versuche, die Menschen, die Gesellschaft, die Welt und ihre politischen Unternehmungen zu verstehen.
Marx fuhr gegen das subjektive Belieben die materiellen Interessen auf, Bloch den universalen Weltstoff und Adorno den Vorrang der objektiven Nichtidentität...
Je subjektiver, desto objektiver, fand Adorno, der Objektivität in reflektierter Subjektivität sah.
(61)
Karl Marx ist heute vergessen, Adorno wird dann und wann noch erwähnt, aber nicht mehr im - gegenwärtigen - gesellschaftlichen Konnex gesehen.
Die gesellschaftlichen Fragen allerdings, auf welche Karl Marx Antworten suchte und fand, bestehen fort.
Wir - mit unseren Sorgen und Schwernissen - sind von den Ereignissen, vor allem von den naturwissenschaftlichen, technologischen und daraus folgend sozio-ökonomischen Entwicklungen verlockt und überfahren worden.
Vieles scheinen wir nur erst halb begriffen zu haben.