2003-12-10
Von Ende und Neuanfang
Palästina
Norman G. Finkelstein: Palästina. Ein persönlicher Bericht über die erste Intifada. Aus dem Amerikanischen von Dirk Oetzmann, Michael Knörzer und Andrea Panster. Die Originalausgabe erschien unter dem Titel "The Rise and Fall of Palestine" by University of Minnesota Press. Minneapolis. © Norman G. Finkelstein 2003 © der erweiterten und aktualisierten deutschen Ausgabe Heinrich Hugendubel Verlag, Kreuzlingen/München 2003
Finkelstein ist Jude und hinwiederum auch nicht, er hat keine Beziehung zum religiösen Judentum, wurde nicht Bar Mitzvah, seine Eltern überlebten ein Nazi-KZ und waren danach überzeugte Atheisten, sein Verhältnis zu Israel und dem Zionismus erklärt er so: er sei kein Zionist, jedoch gegen den Antizionismus.
Von seiner Mutter bekam er mit: solidarisiere dich nicht mit einem Staat oder dergleichen, geh mit den Unterdrückten und Verfolgten.
Das ist schlüssiger und einfacher gesagt, als jede Rechtfertigungstheorie oder -ideologie es zu erklären vermag.
Wenn er zu Deutschen oder Palästinensern kommt, bekennt er sich als Jude, und das wird er auch nicht mehr los, ob in Deutschland oder in Palästina.
Er schildert seinen unbefangenen Umgang mit palästinensischen Freunden und entdeckt am Ende doch, daß er für die Palästinenser, die nicht zufällig seine persönlichen Freunde sind, der Jude bleibt, dem das alte Mißtrauen entgegen schlägt.
Damit haben wir ein großes Problem am Hals, denn jüdische Solidarisierungen mögen noch so ehrlich sein und aus entschiedener Überzeugung kommen, sie werden anders behandelt als "normale" Solidaritätsbekundungen, werden gern benutzt, doch stets als fremde, als "jüdische" Stimmen.
Eine jüdische Position, die sich rechtfertigt, ist nicht wie selbstverständlich.
Das "Jüdische" an einem ist nicht-jüdisch und jüdisch erfragt...
Zum täglichen Ritual in Israel gehört die Frage an den Besucher: "Are you Jewish?"
Sie ist der beiderseitige - geheime oder ausgesprochene - Gedanke jeder anstehenden deutsch-jüdischen und arabisch-jüdischen Begegnung.
Juden und Skeptosemiten erachten die Frage, ob einer Jude sei, als außerordentlich bedeutsam, und man kommt daran nicht vorbei, es sei denn auf Kosten des Realitätssinns.
Fährt also ein Jude nach Palästina, solidarisiert sich mit dem palästinensischen Widerstand, demonstriert gegen die israelische Besatzungspolitik, weil er meint, damit den jüdischen Namen rein zu halten oder rein zu waschen, und es sind nicht wenige Juden an solchen Protesten beteiligt, so bleibt er letzten Endes doch für die Palästinenser der nützliche Idiot und für die Israelis ein Verräter.
Grundsätze hin, Prinzipien her, die Wirklichkeit ist von konkreten Menschen gemacht und besetzt, wie ein Bühnenstück oder ein Film, wo jeder seinen Part zu spielen hat und an Wert verliert, wenn er "aus der Rolle fällt".
Die Finkelstein-Erfahrung ist das alte kuckuck-Schicksal: die metaphysischen Feinde sagen uns, wer wir sind.
Argwohn und Widerstand der Realität gegens heilige Prinzip sind aber nicht das letzte Urteil, sondern der erste Beweggrund des Jüngsten Gerichts.