2003-12-10
Deutsche Fundamentalisten und Islamisten
Dr. Yavuz Özoguz und Dr. Gürhan Özoguz: Wir sind "fundamentalistische Islamisten" in Deutschland. Eine andere Perspektive. © 2003 by Betzel Verlag GmbH, Postfach 1905, 31569 Nienburg www.betzelverlag.de.
Yavuz war ein Jahr, als die Familie 1960 nach Deutschland kam, Gürhan wurde vier Jahre nach ihm in Deutschland geboren.
Sie besuchen deutsche Schulen und Universitäten, sind deutsche Staatsbürger, Mitglieder deutscher Fußball- und Schwimmvereine, besuchen die Tanzschule...
Musikunterricht, Gitarre, Klavier, Windsurfen, Ausbildung zum Forschungstaucher, eigene Songs geschrieben und gespielt, Skilaufen in den italienischen Dolomiten...
Sie engagieren sich in der Evangelischen Studentengemeinde, sympathisieren - so ihre gesamte progressive deutsche Akademiker-Generation - mit der südamerikanischen Befreiungstheologie...
Von Islam - die nominell türkisch-sunnitische, laizistisch-kemalistisch geprägte Herkunft getrost beiseite - keine Spur...
Angesichts armer und ungebildeter Muslime distanzierte sich Yavuz sogar vom Islam (16).
Sie waren Deutsche, wollten Deutsche sein und in Deutschland Karriere machen, was ihnen auch reibungslos gelang.
Die große Wende in ihrem Leben trat mit der iranischen Revolution und der islamischen Wiedergeburt unter der Obhut des Ayatollah Khomeini ein.
Sie konvertierten zur Shia, gründeten den shiitischen Verein Islamischer Weg e.V. und machten fortan islamische Politik in diesem Sinne.
Der Islamische Weg erscheint im Internet in drei Sprachen: Albanisch, Serbisch und Deutsch.
Das ist, schaut man auf die Landkarte, strategisch interessant; das osmanische Interesse an der südöstlichen Flanke Österreich-Ungarns leuchtet wieder auf, die jüngste Geschichte auf dem Balkan - die Kriege um Bosnien und Kosovo/Albanien - ist die Geschichte des islamischen Weges in unseren Tagen.
Mit dem Muslim-Markt haben die Gebrüder Özoguz sich einen größeren Leser- und Kundenkreis erschlossen.
In Deutschland erst sind sie zu entschiedenen "Fundamentalisten" geworden, die sich streng an die Vorschriften des Islam halten.
Sie sind deutsche Fundamentalisten, nicht Islamisten in Deutschland, sondern "deutsche fundamentalistische Islamisten".
In wichtigen Grundfragen nicht-ritueller Art stimme ich mit ihnen weitgehend überein.
Den Fall Rushdie und die Rolle der Frauenbewegung bzw. ihre Nutzung als Instrument westlicher Einwirkung auf islamische Gesellschaften beurteilen wir auf gleiche Weise.
Ein paar Punkte sind es, wo wir uns unterscheiden.
Vor seiner Konversion zur Shia machte Yavuz einen Trip durch den Ostblock und die Sowjetunion, die er ausdrücklich als "böse" ironisiert; dazu paßt ein offenbar ziemlich tief sitzender Antiamerikanismus.
Ein innerer Zug zur gesellschaftlich-staatlichen Ordnung - nicht zu individueller Freiheit - wird erkennbar.
Freiheit ist nur noch das, was den islamischen Einrichtungen in Deutschland an Möglichkeiten offensteht, während ihre innere Freiheit viel zu wünschen übrig läßt.
Man beruft sich unkritisch auf die islamischen Vorschriften.
Vieles am Islam ist Konvention, allgemeines Brauchtum, das in Europa allmählich überwunden oder einfach abgelegt wurde.
Auch hier gingen die Frauen - auf dem Lande, in der Stadt - mit Kopftuch, je nach Bedarf, gegen Kälte und Sturm.
Auch im alten Europa reichte ein Mann der fremden Frau nicht die Hand, es sei, sie bot sie ihm - zum symbolischen Handkuß, wobei die meist Behandschuhte mit den Lippen nicht berührt wird.
Vielleicht ist die westliche Freiheit ehrlicher als die herkömmlichen geschlossenen Gesellschaften, und was wir am Westen zu beklagen haben, ist nicht seine Offenheit, sondern die zunehmend polizeistaatliche Verkrampfung und Verhärtung.
Das Abwerfen der Kleidung war eine Befreiung.
Als die New Yorker Frauen ihre Büstenhalter verbrannten, verfeuerten sie die gesellschaftlichen Zwänge, um endlich wieder aufzuatmen.
Der momentanen Befreiung folgte eine dauerhafte Perversion.
Die westliche Gesellschaft zeigt den Menschen, wie er ist, böse und verrucht, habgierig, rücksichtslos und unsozial, überraschend gut, zuverlässig, hilfsbereit, vernünftig und bescheiden, uneitel, ohne Bigotterie und Selbstgerechtigkeit.
Adorno sagt, es gebe kein richtiges Leben im falschen, ich denke, die moderne westliche Gesellschaft ist eine Prüfung, ist Läuterung, Scheidung, ein Ausleseprozeß.
Hier scheiden sich Gut und Böse, ohne Zwang, ohne Befehl, ohne Vorschrift.
Jeder ist frei, das zu tun, was er für richtig hält, wer in so einer freiwilligen Gesellschaft zu Vernunft und Güte reift, ist kein Heuchler, nicht einmal einer, der sich in allgemeiner Anerkennung sonnen kann, denn erstrebenswert sind in dieser Promiskuität ganz andere Tugenden oder Untugenden.
Ich verspreche mir vom Islam beträchtliche Korrekturen, wie auch der organisierte Sozialismus dem freien Westen gewisse Grenzen zog, aber ich wünsche mir keine totale islamische Weltherrschaft, wie ich mir auch keine totale Gottlosigkeit und Ungebundenheit wünsche.
Der Islamische Weg der Gebrüder Özoguz ist imgrunde ein Weg der Anpassung, ein bürgerlicher Weg, wo alles seine Ordnung hat, wo jeder die Konventionen achtet, niemand ausschert, wo das freie Individuum nicht mitgedacht wird, weil es keinen Platz in dieser Welt des Islam hat.
Der strenge Islam ist wie das strenge Judentum; der Tag besteht in der Erfüllung von Vorschriften, der Beachtung von Verboten und Geboten, obwohl beide Lehren ursprünglich Botschaften der Befreiung sind.
Natürlich bin ich für die Freiheit der deutschen muslimischen Beamtin, ihr Kopftuch zu tragen, wann und wo immer sie will, und wenn sie es nicht mehr will, bin ich auch für diese Freiheit.
Freiheit beruht auf Gegenseitigkeit, und wo Äußerlichkeiten erzwungen oder verboten sind, haben wir zwei Seiten der selben Medaille.
Das freie Individuum ist ein Geschöpf nach dem Willen Gottes; wer die Enge eines komplizierten Reglements wählt, fürchtet nur die von Gott gegebene Freiheit, die wir lieben, für die wir dankbar sein, über die wir uns freuen, die wir nicht mißbrauchen sollen.
Wenn Yavuz und Gürhan den iranischen Gelehrten und Politiker Khamenei als ihren Lehrer und geistigen Vater verehren, so schlüpfen sie freiwillig - und wohl unwissentlich - in eine Zwangsgemeinschaft.
Die Brüder Özoguz pochen auf die Vorschriften des Islam, der im Quran seine Grundlage hat, den sie aber nur nach deutschen Übersetzungen kennen, sie lesen ihn nicht im arabischen Original.
Über die Shia wurde im Iran ein wenig Persisch nachgeholt.
Die Brüder Özoguz sind Deutsche, die sehr spät zum Islam zurückfanden, nein, eigentlich übertraten, indem sie nämlich zur Shia konvertierten, und nun mit einem Bein in Deutschland, mit dem anderen Bein in Qom oder Teheran stehen, ohne diesen Spagat durchhalten zu können.
Ihre Frontstellung gegen "USAma Bin Laden" und die Wahhabiten, von denen aber grundsätzlich zu lernen wäre, gibt ihnen im Westen ein wenig Freiraum.
Immerhin klopfte der Verfassungsschutz beim Islamischen Weg an, um ihn für sich - gegen den Kölner "Kalifen" Kaplan - einzuspannen, ohne Erfolg, das ist wohl wahr, bei Kokhaviv/kuckuck hätte man nicht erst den Versuch gemacht.
Ärger gab's nach dem Anschlag vom 11. September 2001, was aber schnell wieder verging.
Ernster wurde es wohl mit einem Boykottaufruf gegen Israel: die Leser des Muslim-Markt sollen keine israelischen Waren mehr kaufen.
Erfahrungsgemäß treffen Boykotts immer die Falschen, nämlich die Ärmsten, außerdem sind die einzigen mir bekannten Exportgüter aus Israel Agrarerzeugnisse, die unter dem Handelszeichen "Yaffa" - zusammen mit palästinensischen Früchten - verkauft werden, was in Mitteleuropa indessen kaum Folgen hat, weil der Europäische Markt sich dagegen wirksam abgeschottet hat.
Der Name Özoguz assoziiert mir gleichwohl islamische Aufrichtigkeit, neben Gutgläubigkeit und politischer Naivität.
Yavuz ist der theoretisch Strengere, das Recht des Erstgeborenen wird vom jüngeren Bruder, der aber besonders gesegnet zu sein scheint, immer wieder betont und voll respektiert.
Sie sind beide verheiratet, haben Kinder, die Familienverhältnisse scheinen intakt zu sein, wenn auch eine Schwester völlig emanzipiert als SPD-Abgeordnete in einer anderen deutschen Stadt lebt und deutsch verheiratet ist.
Genau besehen, sollte man sagen, war die Familie bereits in der Türkei modern und westlich eingestellt, die Schwester mußte sich bei uns nicht emanzipieren, sie war es bereits mit ihrer Geburt.
Die beiden Naturwissenschaftler Dr. Yavuz und Dr. Gürhan Özoguz aber fanden in die islamische, nun shiitische Gemeinschaft "zurück".
Es fehlt nur noch ein zündender Gedanke, der auf die islamischen Länder überspringen muß.
Ich denke an einen Islam der Befreiung, an Islam und Demokratie, denn:
Vox populi vox Dei.