2003-11-29
Eine Propaganda-"Studie"
Da wird seit Tagen wie hinter vorgehaltener Hand von der Verhinderung einer "Studie" geraunt, sie solle wegen ihrer Brisanz nicht veröffentlicht werden...
Welch eine Propaganda!
Man müßte darüber sprechen, aus den Wirkungen und Rückwirkungen lernen...
Um sie geht es doch, nicht wahr.
Die Nichtveröffentlichung sei eine "politische Entscheidung" der Europäischen Union.
Das ist sicher richtig.
Die Israelis wollen mit einem gemeinsamen israelisch-europäischen Ministerrat gegen Antisemitismus bestimmen, was Antisemitismus sei und was nicht...
... doch "was nicht", kam schon gar nicht mehr vor.
Kritik an der israelischen Besatzungspolitik, Ideologiekritik am politischen Zionismus... ist nach israelischer Auffassung "Antisemitismus".
Die "politische Entscheidung" Europas hat keine wissenschaftliche Studie, sondern einen Propaganda-Coup einstweilen auf Eis gelegt.
Diese Propaganda ist ein strategischer Schachzug, der die jüdischen Leiden unter den Nazis kaltblütig ins Spiel bringt, um die aktuelle - kriegerische bis kriminelle - Politik Israels ideologisch abzusichern.
Der Staat Israel muß zunehmend auf jüdische Unterstützung verzichten.
Das religiöse Judentum hat erkannt, daß eine Lawine ins Rollen gekommen ist...
Das EUMC - European Monitoring Centre on Racism and Xenophobia - hatte die "Studie" beim Zentrum für Antisemitismusforschung an der TU Berlin in Auftrag gegeben, einer Institution, die einmal gute Arbeit leistete, inzwischen aber zu einem hoch EU-subventionierten, obendrein von einem "Verein der Freunde & Förderer" unterstützten, teuren PR-Dienstleistungsunternehmen verkommen ist.
Der Auftraggeber hält nun quasi seine eigene "Studie" zurück, weil in ihr alles untergebracht worden ist, was auch nur den Schimmer einer anti-israelischen Tendenz an den Tag legt.
Die Denkweise dieser Propaganda, die auf seiten der israelischen Regierung zur Staatsdoktrin gedieh, trägt auffallend faschistische Züge.
Europa müßte seine Nahost-Politik ändern, um der Intention dieser "Studie" gerecht zu werden.
Der Zentralrat der Juden in Deutschland hat mit seiner Volksaufklärungs-Politik - eher typisch deutsch als jüdisch - weniger zur politischen Moral als zur Gefährdung demokratischer und rechtsstaatlicher Grundsätze beigetragen, so daß es schwer wird, ihn als jene "moralische Instanz" zu erkennen, die er allemal sein will.
Die Deutschen, die jetzt - wieder über alle Maßen eifrig - diese Politik unterstützen, sind kaum gut beraten.
Daß heute die stärksten "antisemitischen" Impulse von semitischen Arabern ausgehen, kann ebensowenig in den Teufelssack des "Antisemitismus" gestopft werden wie die berechtigte linke Kritik an der israelischen Politik seit dem Sechstage-Krieg von 1967.
Der Faschismus hat verschiedene Quellen, und wir sollten darüber wachen, daß er nicht mit neuem Gesicht sich wieder häuslich und die Demokraten unter den Deutschen abermals wehrlos macht.
Vorsicht ist allerdings auch geboten, wo auf sephardischer und orthodoxer Seite die Distanz zur israelischen Politik in eine leichtfertige Absatzbewegung vom Volk in Israel führt.
Neue Probleme kommen auf uns zu, mit denen wir fertig werden können, wenn wir den Verstand nicht verstecken.
Ich lese bei Verlagen, Lehr- und Forschungseinrichtungen:
Prof. Dr. Karl E. Grözinger, Institut für Religionswissenschaft/Jüdische Studien, Universität Potsdam.
Karl Erich Grözinger, geboren 1942, ist Professor für Judaistik an den Universitäten Lund/Schweden und Frankfurt am Main.
Er gilt in Europa als einer der besten Kenner der Kabbala, des Chassidismus und der mittelalterlichen jüdischen Philosophie.
Er weiß, daß zwischen dem traditionellen Judentum und dem säkularen Staat Israel sowie dessen politischer Ideologie des Zionismus erhebliche Differenzen in Grundsatzfragen bestehen, die eine Gleichsetzung - "Antizionismus ist Antisemitismus" - nicht ohne weiteres zulassen, obwohl sie natürlich staatlicherseits immer wieder erstrebenswert erschien.
Dennoch macht Grözinger diese Gleichung auf.
Wolfgang Benz, geboren 1941, ist Professor an der Technischen Universität Berlin und Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung, Herausgeber des Jahrbuchs für Antisemitismusforschung, Mitherausgeber der Dachauer Hefte und der Zeitschrift für Geschichtswissenschaft.*
* Autorenporträt bei dtv
1992 Geschwister-Scholl-Preis; zahlreiche Veröffentlichungen zur deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert.
Wie auf der anderen Seite der Geschichtsrevisionismus seinen Wissenschaftscharakter längst zugunsten beachtlicher Propagandaleistungen aufgegeben hat, so ist die Antisemitismusforschung mehr und mehr politisch instrumentalisiert und ideologisch ausgeschlachtet worden.
Die Veröffentlichung dieser oder einer anderen - "besseren" - Studie ist nur aufgeschoben - nicht aufgehoben - und für den kommenden März vorgesehen.
Wie sich "Europa" bis dahin entschieden haben wird, ist absehbar.
Die USA sind an der Durchsetzung der offiziellen israelischen - "Antizionismus ist Antisemitismus" - Position interessiert, weil es dem Kreuzzug gegen den Islam nützt.
Befreiungsversuche aus zionistischer Bevormundung mit dem deutschen Nazismus gleich zu setzen, Gegenvergleiche jedoch zu verbieten, liegt im Trend des neuen Imperialismus.
Der euro-israelische Ministerrat wird also voraussichtlich zusammen kommen und die Angelegenheit in diesem Sinne regeln.
Israels PR-Strategen haben erkannt, was weltpolitisch ansteht, und die für sie richtige Entscheidung getroffen.
In den dreißiger Jahren beantwortete die Berliner Regierung jede Kritik am Nationalsozialismus mit dem Vorwurf der Deutschfeindlichkeit.
Der Faschismus ist eine Denkweise und eine Wegweisung - offenbar unabhängig vom Rucksackinhalt.
Und - die Deutschen sind wieder dabei, ohne darauf zu achten oder zu wissen, daß hier unter "jüdischem" Zeichen ein neuer Antijudaismus sich breit macht.
Siehe auch:
- Schiiten bei der Demonstration zum Al-Kuds-Tag [Bild]
- Ayatollah in der Hauptstadt
- EU-Behörde verhinderte Antisemitismus-Studie
- Al-Quds Tag in Berlin: Khomeinis Freunde bleiben kritisch
- Judentum und deutsches Selbstverständnis: Antisemitismus - ein Problem der Definition?
- Politische Psychologie des Antisemitismus
Die Wurzeln der Politischen Psychologie des Antisemitismus liegen vor allem in der Kritischen Theorie der "Frankfurter Schule" und damit in der psychoanalytischen und marxistischen Theorie. - Das Zentrum für Antisemitismusforschung der TU ist die einzige und zentrale Einrichtung dieser Art in Europa. Die interdisziplinäre Grundlagenforschung zum Antisemitismus wird ergänzt durch angrenzende Schwerpunkte, deutsch-jüdische Geschichte und Holocaustforschung. Der sehr gute internationale Ruf des Zentrums kommt auch durch die semesterweise vergebene Gastprofessur zum Ausdruck. Das Institut versteht sich in hohem Maße auch als eine öffentliche Institution, die weit über den Rahmen eines Universitätsinstituts hinaus Dienstleistungen und Aufklärungsarbeit für die Öffentlichkeit erbringt.
- Das Zentrum für Antisemitismusforschung (ZfA) der Technischen Universität Berlin (TU) feiert sein 20-jähriges Bestehen.
- ZfA - Zentrum für Antisemitismusforschung
- EUMC - European Monitoring Centre on Racism and Xenophobia