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Die Freiheit ist unsere Sicherheit

2003-11-07

Avram Kokhaviv

Der Egozentriker der offenen Gesellschaft, dem Gottes Regeln nicht schmecken...

Mir war Herzinger erstmals als Denunziant - das ist mehr als 'ne Petze: Herr Lehrer, ich weiß was! - aufgefallen...

Gemeinsam mit Herbert Ammon erstattete er bei der Berliner Staatsanwaltschaft gegen die Zeitschrift Sleipnir Strafanzeige wegen "Volksverhetzung".

Das war damals recht merkwürdig aus verschiedenen Gründen.

Die Zeitschrift Sleipnir vertrat links-nationale bzw. national-neutralistische Ansichten, die mich schon lange gewurmt hatten, so daß ich Anlaß genug sah, mich mit dem Blatt auseinander zu setzen, wozu mir nicht nur der kuckuck zur Verfügung stand, sondern auch die Sleipnir-Redaktion in ihrer eigenen Publikation Gelegenheit gab, das kann in unseren Archiven nachgelesen werden.

Es gab also Grund genug, die faschistischen Elemente im Sleipnir-Programm herauszufischen und aufzuspießen, so was macht man unter sich, d.h. publizistisch ab, kein Journalist oder Schriftsteller, der etwas auf sich hält, ruft nach der Polizei oder rennt zum Kadi, wenn einer mal was schreibt, was dem anderen nicht gefällt.

Wenn die Gesetze des Staates dem Denunzianten allerdings entgegen kommen, weil sie von vornherein so gestaltet sind, daß sie die Denunziation geradezu züchten und hervor locken wollen und sollen, dann haben wir ein ernstes Demokratie-Defizit zu beklagen, gegen das Schreibende wie Richard Herzinger spontan sich erheben müßten.

Herzinger versteht sich als einen, dem die regellose moderne Gesellschaft sozusagen ans Herz gewachsen ist, sie ist seine Weltanschauung, sein Religionsersatz, und hier stoßen wir auf den für Herzinger charakteristischen Widerspruch, er streitet für und um seine Liberalität mit illiberalen - gern juristischen - Mitteln.

Und die abstruse Schlußfolgerung Hohmanns lautet, man könne die "Gottlosen" aller Richtungen und Nationen als das wahre "Tätervolk" des 20. Jahrhunderts bezeichnen. Eine Feststellung, nebenbei bemerkt, die ihm eigentlich eine Verleumdungsklage konfessionsloser Menschen einbringen müßte.

Was dieser Eiferer gegen "Antiwestler" und "Endzeit-Propheten" vorzubringen hat, könnte, wäre es nicht schon albern genug, zu einer gleichen Klage führen.*

* Vgl. Richard Herzinger, Hannes Stein: Endzeit-Propheten oder Die Offensive der Antiwestler. Fundamentalismus, Antiamerikanismus und Neue Rechte. Rowohlt Taschenbuch Verlag, 1995

Er hat was gegen die "Diktatur der Mehrheit", dies aber ist, Schutz von Minderheiten inklusive, eine klare Definition unserer westlichen Demokratie.**

** Vgl. Richard Herzinger: Die Tyrannei des Gemeinsinns. Ein Bekenntnis zur egoistischen Gesellschaft. Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 1997.

Dabei schreibt der Ich-bin-so-frei-Single, was heute alle schreiben, und mir leuchtet durchaus um die Ecke ein, warum er auf Kollektivschuld und dergleichen so viel Zeit und Triebkraft verschwendet.

Herzinger ist ein Prototyp der von ihm ausdrücklich kritisierten "intellektuellen Priesterkaste", deren "Bevormundungsprogramme" ihm zuwider sein müssen, solange sie ihn belästigen, ansonsten ist er überangepaßt bis zum Gehtnichtmehr: zur nächsten Wende.

Schon bei Ammon war mir Widersprüchliches aufgefallen, denn in den neunziger Jahren mit Sleipnir "kämpfte" - denunzierte, intrigierte - er eigentlich gegen Positionen, die er in den achtziger Jahren selber vertreten hatte, zusammen mit Rechten und Linken war er Initiator und Unterzeichner einer Proklamation zur Gründung einer neutralistischen deutsch-deutschen Konföderation.

Ammon machte Front gegen die eigene Politik, und man mochte den Eindruck gewinnen, daß da einer jetzt nicht mit dem rechtslastigen Sleipnir in Verbindung gebracht werden wollte, welcher nun gleiches wie er einst vertrat, er stürmte also - Grüß mich nicht Unter den Linden! - nach vorn zum Staatsanwalt, rief Haltet den Dieb! - und rechnete natürlich nicht damit, daß seine alten Spuren doch noch aufgedeckt würden in dieser schnellebigen Zeit.

Bei Herzinger liegen die Dinge etwas anders, soweit ich bisher sehen kann, aber die Widersprüche stechen sofort ins Auge, man muß nur mal hinschauen.

Bei seiner eifrigen Verteidigung der amerikanisch geprägten Moderne gegen Fundamentalisten und Islamisten scheint ihm gar nicht aufzufallen, daß die amerikanische Regierung Bush in ihrer evangelikalen Kreuzzugsmentalität den Mudjahedin ähnlicher ist als dem liberalen oder doch eher illiberalen Zeit-Essayisten Richard Herzinger.

Das moderne, heißt: das aktuelle republikanische Amerika ist gar nicht modernistisch, sondern extrem christ-fundamentalistisch geprägt, und es ist nur eine Frage der Zeit, daß die konservativen Christen Amerikas - sowie Europas - und die revolutionären Gotteskrieger des Islam ihre essentiellen Gemeinsamkeiten ebenso erkennen wie ihren gemeinsamen - gottlosen, gesetzlosen, gewissenlosen - Feind.

Dann wird Herzinger gleich wieder mit dem Strafgericht drohen können, ohne freilich auch nur zu ahnen, welches Strafgericht auf ihn zukommt.

In der Sache Hohmann hat Herzinger sich längst als Streiter gegen den Gotteskämpfer profiliert, nur muß er langsam merken, daß seine, Herzingers, Bundesgenossen in diesem Kampf gewiß nicht die US-evangelikalen Kreuzzügler sind, die in ihrer Weisung gegen den Islam lediglich die Orientierung verloren haben.

Die moderne Single-Gesellschaft, deren Ideologe Herzinger ist, richtet sich - spezifisch - gegen alles Wahre und Werte göttlicher Schöpfung, deren Boten die drei großen monotheistischen Religionen sind.

Das ist unser und war auch das Thema seines - Herzingers - Co-Autors Hannes Stein.

Postskriptum: In kkk-feder 12 wurden die Briefe Lummert an Herzinger und Ammon abgedruckt. Die Adressaten erhielten je ein Belegexemplar des Heftes. Herzingers Schreiben an Lummert ist eine Reaktion auf diese Zusendung.

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