2003-11-07
Der Egozentriker der offenen Gesellschaft, dem Gottes Regeln nicht schmecken...
Mir war Herzinger erstmals als Denunziant - das ist mehr als 'ne Petze: Herr Lehrer, ich weiß was! - aufgefallen...
Gemeinsam mit Herbert Ammon erstattete er bei der Berliner Staatsanwaltschaft gegen die Zeitschrift Sleipnir Strafanzeige wegen "Volksverhetzung".
Das war damals recht merkwürdig aus verschiedenen Gründen.
Die Zeitschrift Sleipnir vertrat links-nationale bzw. national-neutralistische Ansichten, die mich schon lange gewurmt hatten, so daß ich Anlaß genug sah, mich mit dem Blatt auseinander zu setzen, wozu mir nicht nur der kuckuck zur Verfügung stand, sondern auch die Sleipnir-Redaktion in ihrer eigenen Publikation Gelegenheit gab, das kann in unseren Archiven nachgelesen werden.
Wenn die Gesetze des Staates dem Denunzianten allerdings entgegen kommen, weil sie von vornherein so gestaltet sind, daß sie die Denunziation geradezu züchten und hervor locken wollen und sollen, dann haben wir ein ernstes Demokratie-Defizit zu beklagen, gegen das Schreibende wie Richard Herzinger spontan sich erheben müßten.
Herzinger versteht sich als einen, dem die regellose moderne Gesellschaft sozusagen ans Herz gewachsen ist, sie ist seine Weltanschauung, sein Religionsersatz, und hier stoßen wir auf den für Herzinger charakteristischen Widerspruch, er streitet für und um seine Liberalität mit illiberalen - gern juristischen - Mitteln.
Was dieser Eiferer gegen "Antiwestler" und "Endzeit-Propheten" vorzubringen hat, könnte, wäre es nicht schon albern genug, zu einer gleichen Klage führen.*
* Vgl. Richard Herzinger, Hannes Stein: Endzeit-Propheten oder Die Offensive der Antiwestler. Fundamentalismus, Antiamerikanismus und Neue Rechte. Rowohlt Taschenbuch Verlag, 1995
Er hat was gegen die "Diktatur der Mehrheit", dies aber ist, Schutz von Minderheiten inklusive, eine klare Definition unserer westlichen Demokratie.**
** Vgl. Richard Herzinger: Die Tyrannei des Gemeinsinns. Ein Bekenntnis zur egoistischen Gesellschaft. Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 1997.
Dabei schreibt der Ich-bin-so-frei-Single, was heute alle schreiben, und mir leuchtet durchaus um die Ecke ein, warum er auf Kollektivschuld und dergleichen so viel Zeit und Triebkraft verschwendet.
Bei Herzinger liegen die Dinge etwas anders, soweit ich bisher sehen kann, aber die Widersprüche stechen sofort ins Auge, man muß nur mal hinschauen.
Bei seiner eifrigen Verteidigung der amerikanisch geprägten Moderne gegen Fundamentalisten und Islamisten scheint ihm gar nicht aufzufallen, daß die amerikanische Regierung Bush in ihrer evangelikalen Kreuzzugsmentalität den Mudjahedin ähnlicher ist als dem liberalen oder doch eher illiberalen Zeit-Essayisten Richard Herzinger.
Das moderne, heißt: das aktuelle republikanische Amerika ist gar nicht modernistisch, sondern extrem christ-fundamentalistisch geprägt, und es ist nur eine Frage der Zeit, daß die konservativen Christen Amerikas - sowie Europas - und die revolutionären Gotteskrieger des Islam ihre essentiellen Gemeinsamkeiten ebenso erkennen wie ihren gemeinsamen - gottlosen, gesetzlosen, gewissenlosen - Feind.
Dann wird Herzinger gleich wieder mit dem Strafgericht drohen können, ohne freilich auch nur zu ahnen, welches Strafgericht auf ihn zukommt.
In der Sache Hohmann hat Herzinger sich längst als Streiter gegen den Gotteskämpfer profiliert, nur muß er langsam merken, daß seine, Herzingers, Bundesgenossen in diesem Kampf gewiß nicht die US-evangelikalen Kreuzzügler sind, die in ihrer Weisung gegen den Islam lediglich die Orientierung verloren haben.
Die moderne Single-Gesellschaft, deren Ideologe Herzinger ist, richtet sich - spezifisch - gegen alles Wahre und Werte göttlicher Schöpfung, deren Boten die drei großen monotheistischen Religionen sind.
Das ist unser und war auch das Thema seines - Herzingers - Co-Autors Hannes Stein.
Postskriptum: In kkk-feder 12 wurden die Briefe Lummert an Herzinger und Ammon abgedruckt. Die Adressaten erhielten je ein Belegexemplar des Heftes. Herzingers Schreiben an Lummert ist eine Reaktion auf diese Zusendung.