2003-11-01
Das leicht Ergründbare wird zur Lüge nur unter Hysterikern
Die Deutschen - ob Juden oder Nichtjuden - schaffen es einfach nicht, die Geschichte so zu nehmen, wie sie sich ereignet hat
Eine Erinnerung
Sonja Margolina, Das Ende der Lügen. Rußland und die Juden im 20. Jahrhundert. © 1992 by Wolf Jobst Siedler Verlag GmbH, Berlin
Die regelmäßig hysterisch-denunziatorische - öffentliche - Aufführung, wenn einer mal was gesagt hat, das nicht ganz ins schwarz-weiße (rote?) Bilderbuch der Bundesrepublik Deutschland paßt, grenzt wirklich schon an wiederkehrende Volksverhetzung.
Erstaunlich daran ist ja nur, daß sich niemand findet, der dem Spuk sofort in die Parade fährt, weil er es besser weiß als Hohmann und Spiegel*, auch weil er das hier erinnerte Buch vielleicht schon vor zehn Jahren gelesen hat und also über die neue deutsche Aufregung der antifaschistischen Nachzügler und Ewig-Gestrigen nur den Kopf schütteln kann.
* Das namensgleiche Deutsche Nachrichtenmagazin durfte die Kampagne nicht wider besseres Wissen stützen, sondern mußte sich korrigierend und maßgeblich einschalten - was es allerdings unterließ.
Wenn Paul Spiegel die "politisch nicht korrekten" - der staatlich angeordneten Gesinnung nicht entsprechenden - Auslassungen des CDU-Abgeordneten Hohmann als aus der "untersten Schublade des Antisemitismus" klassifiziert, weiß er wohl nicht, was sich da "unten" alles angesammelt hat.
Die Einsichten der Pisa-Studie scheinen also weit in die Gebildeten- und Politiker-Kreise hinein zu leuchten, und wenn es einen Grund gibt, sich über die Legitimation von Bundestagsmandaten den Kopf zu zerbrechen, so ist es dieser Bildungsmangel, verbunden allerdings mit einer unglaublichen Servilität vor denen, die sich als Vertreter des verfolgten Judentums aufspielen.
Da sollte man lieber mal ein paar einfache Menschen aus Israel - Sepharden oder verarmte Auschwitz-Überlebende mit der Nummerntätowierung auf dem abgemagerten Unterarm - oder Chassiden aus Rußland und Amerika fragen, die sich ihr Judentum nicht nur auf den Lippen bewahrt haben, was sie von diesem ganzen Theater halten.
Aber vielleicht besteht ja ein kausaler Zusammenhang zwischen dem Pisa-Niveau und der Befähigung zum Abgeordneten.
Zumal die politische und militärische bis kriegsverbrecherische Täterschaft Israels mittlerweile zum Himmel schreit.
Es ist nicht "hergeholt", sondern historisch-toranisch vorgeschrieben, auf den Zusammenhang zwischen dem jüdischen Volk und Eretz Israel hinzuweisen.
Man soll bloß nicht so tun, als ginge uns das alles nichts mehr an.
Und genauso, wie das ganze deutsche Volk für Verbrechen, die es kollektiv nicht begangen hat, historisch haftbar gemacht wird, könnte man es mit jedem anderen Volk für "seine" Staatsverbrechen tun.
Wir lehnen den Kollektivschuld-Gedanken ab oder führen ihn ins neue Rechtsbewußtsein ein, beides gilt dann aber für alle und jeden.
Vertreter der Kollektivschuld-These haben kein Recht, deren Anwendung historisch oder ethnisch zu begrenzen.
Kein Volk hat einen bestimmten Charakterzug für sich allein gepachtet, und jeder Mensch ist für das verantwortlich, was er getan oder unterlassen hat.
Es scheint wieder einmal den - diesmal nichtjüdischen und jüdischen - Deutschen vorbehalten zu sein, als die großen Welt-Vereinfacher und Schwarz-Weiß-Maler in die Geschichte eingehen zu wollen.
In der Aufbauzeit der Bundesrepublik hat der Philosemitismus eine positive Rolle gespielt. Er hat das Interesse am Judentum geweckt, er half die Überreste einer vernichteten Kultur zu konservieren, er trug zur Erziehung der Jugend und zur kritischen Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte bei. Mit der Zeit jedoch hat sich der Philosemitismus von einem pädagogisch-sozialen Element in ein ideologisch-politisches Instrument verwandelt. Sowohl in der politischen Elite als auch in der Öffentlichkeit hat es zur Tabuisierung jeder ernsthaften Kritik an der jüdischen Politik, an jüdischen Interessen und Positionen geführt. Gutgeheißen wurde nur noch eine ausgesprochen projüdische, unkritische, anti-antisemitische Haltung.
(117 f.)
Wenn ein Volk seine Jahrhunderte währende Opferrolle ablegt und geschichtlich wieder "tätig" wird, haben wir Grund zur Hoffnung und zur Freude, und ob Juden in Rußland die revolutionäre Situation, die schließlich zum "Oktober" führte, oder aber den nationalen Weg zu einem jüdischen Staat in Palästina als eine historische Chance begriffen, die ihnen Auftrieb gab, es waren stets heroische Entscheidungen damit verbunden, und jede heroische Tat hat immer auch ihre Schattenseite.
Wer in die Geschichte oder wieder in die Geschichte eintritt, verliert damit natürlich seine geschichtslose Unschuld, aus dem bisherigen Opfer muß ein Täter werden, sonst gibt es kein Überleben.
Daß man in Deutschland das Selbstverständliche immer wieder erklären muß, gehört offenbar zum Pisa-Syndrom.
Und daß wir mit diesem Syndrom Gefahr laufen, unsere wohl gestalteten Grundrechte mit leichter Hand zu verspielen, macht die Sache wirklich tragisch.
Vieles erinnert an die Verhältnisse zu Zeiten der DDR, als "um des Friedens willen" die - grundgesetzlich garantierte - Meinungsfreiheit in der Bundesrepublik (!) mehr und mehr eingeschränkt wurde.
Vieles fährt heute unter der Flagge jüdischer Interessenvertretung, was in Wahrheit viel mehr mit der untergegangenen Sowjetunion und dem folglichen Verschwinden der DDR als mit dem Judentum zu tun hat, und die dann und wann auftretende Abwehrhaltung, wenn deutsche Juden im Hinblick auf Israel angesprochen werden, ist vielleicht auch ein Überbleibsel aus der anti-israelischen DDR.
Die Dinge liegen komplizierter, als sie auf Pisa-Ebene verstanden werden können.
Wie ist es überhaupt in Deutschland ums - religiöse! - Judentum bestellt?
Na, ähnlich wie im sowjetischen und post-sowjetischen Rußland.
Es gibt gute Gründe zu bezweifeln, ob es überhaupt möglich ist, den Begriff "Jude" heute in dem Sinne zu verwenden, wie man dies zu Anfang des Jahrhunderts noch tun konnte. Die Zeiten, da sie in geschlossenen Gemeinschaften lebten, sind längst vorbei. Die meisten der in Europa lebenden Juden kennen praktisch weder eine der jüdischen Sprachen, haben keine Beziehung zur jüdischen Religion, noch verfügen sie über ein gemeinsames Nationalbewußtsein; kulturell unterscheiden sie sich kaum von der jeweiligen einheimischen Bevölkerung. Mehr noch, es gibt genügend Juden, die sich nicht als Juden empfinden und auf jeden Versuch, sie dieser künstlich konstruierten Gemeinschaft zuzurechnen, allergisch reagieren.
Im westeuropäischen Denken existiert eine aufklärerische Tradition, die den Juden als Produkt des Antisemitismus betrachtet. Theodor Lessing und Jean-Paul Sartre behaupteten, daß die Reproduzierbarkeit des Jüdischen an die Kontinuität des Antisemitismus gebunden sei. Das Paradox der jüdischen Assimilation bestehe darin, daß sie dem Juden "ein Ausreisevisum" beschafft hat, nicht aber ein "Entreebillet zur europäischen Kultur" (Heinrich Heine): die Gesellschaft verbietet ihm, sich als einer von ihnen zu empfinden. Anders gesagt, gäbe es keinen Antisemitismus, existierte auch der Jude nicht mehr, zumindest solange er selbst dies nicht will. Das meinte Sartre, als er über die "Situatiuon, Jude zu sein", schrieb.
Diese westeuropäische Konstruktion ist eine idealtypische Abstraktion und trifft in erster Linie auf die westeuropäische demokratische Mentalität zu...
(95 f.)
In Deutschland haben wir den Umstand, daß es einerseits Juden schwer haben, sich mit der nichtjüdischen Bevölkerung zu identifizieren; die deutsche Geschichte hindert sie daran.
Andererseits tun es die meisten Juden in Deutschland aber dennoch, indem sie sich mehr oder weniger nahtlos assimilieren und unkenntlich machen, ganz im Gegensatz etwa zu den türkischen oder anderen Moslems.
Die große Zahl der deutschen Juden unterscheidet sich auch von der offiziellen Version der "Juden in Deutschland", die sich nicht assimilieren, aber auch nicht religiös - im Sinne jüdischer Tradition - definieren, sondern politisch-historisch; dies allerdings weist in eine antifaschistische Vergangenheit, die sich von der Sowjetunion nicht trennen läßt.
Es ist schon erstaunlich, da lesen zu müssen, daß die Juden in der DDR sich nicht mit den aufständischen Arbeitern, sondern mit dem die Arbeiterrevolution unterdrückenden Staat identifizierten.
Nicht dieser ideologische Militärstaat erinnerte sie an die Nazis, sondern die Demonstranten auf den Straßen der DDR.
Das hat natürlich mit Judentum und jüdischen Interessen überhaupt nichts mehr zu tun, da äußert sich nur noch blanke Staatsräson - und auch so etwas wie Verrat an der im 20sten Jahrhundert traditionellen jüdischen Parteinahme für die Unterdrückten.
Das Phänomen des Faschismus, offiziell scharf verurteilt, wurde in Wahrheit nie aufgearbeitet. Das war nur zu verständlich: jede ernsthafte Analyse des Faschismus hätte sofort zu gefährlichen Analogieschlüssen geführt.
Erst während des Chruschtschowschen Tauwetters gab es vereinzelte Versuche, auf die innere Verwandtschaft beider Regime zu verweisen. Es erschienen gekürzte Fassungen der Materialien der "Nürnberger Prozesse". Sie wurden von der offiziellen Propaganda für die Aufrechterhaltung des Feindbildes benutzt, aber weder Auschwitz noch das Dritte Reich insgesamt sind je ausführlich analysiert noch in den Massenmedien dargestellt worden. Die sich daraus ergebenden Gefahren traten erst in dem Augenblick ans Tageslicht, als der Mythos vom Sieg und die Identifizierung mit der Imperialmacht zusammenzubrechen begannen.
Erst heute, nach dem Auseinanderfallen des Imperiums, wird es in den neuen unabhängigen Staaten möglich, sich mit der eigenen Vergangenheit auseinanderzusetzen. Doch wie am Beispiel des Baltikums, aber auch Polens oder der Ukraine zu sehen ist, geben sich die Nationalisten alle Mühe, die Greueltaten der Kriegszeit den Sowjets oder sogar den Russen anzulasten. Die verzerrte Optik des Nationalismus richtet sich so gegen jede Anstrengung, sich von der Lüge zu befreien.
Doch auch die Juden selber zeigen keine Ambitionen, ihre sowjetische Vergangenheit neu zu überdenken.
(92 f.)
Auch das läßt sich nicht generalisieren, nur eines steht fest:
Es gibt immer irgendwo einen Denunzianten, der einen anderen Denunzianten dazu anstiftet, einen Staatsanwalt anzustiften, der dann die Denunziation auf die Spitze treibt, so werden in Deutschland seit je politische Auseinandersetzungen geführt.
Ich finde es durchaus interessant, daß der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland zur Sicherung seiner gesellschaftspolitischen Position dieselbe Justiz in Anspruch nimmt, die es bisher nicht vermochte, ihre eigenen diktatorischen Vergangenheiten glaubhaft abzuarbeiten.
So was tut man einfach nicht, grad wenn man selbst noch in einem der Glashäuser sitzt.