2003-10-13
Gottes Tochter
Buchbinderisches Mißgeschick und Offenbarung
Friedrich Ani, Gottes Tochter. Roman. © Droemer, München 2003
Johanna Awad-Geissler, Safia. Eine Scheichtochter kämpft für ihr Land. © bei Droemer Verlag, München 2003
Ich nehme es als ein Geschick.
Aus der Gottestochter wird die Tochter eines schiitischen Stammesfürsten im Iraq, der - hin und her auf der Flucht vor Saddam oder in der Annahme größerer Gefahr - mit seiner engeren Familie von einem Luxus in den anderen wechselt, der die dunkelhäutigen Stammesangehörigen als seine Sklaven nutzt, als Haus- und Garten- und Kinderpersonal...
In dieser konkreten Sicht wird Saddam fast zu einem Vertreter des Volkes, der die Superreichen ein bißchen ärgert, um sie bei der Stange zu halten...
So ist die Geschichte kaum in den Griff zu bekommen, doch irgendwie halfen die Verlagsumstände dabei, Safia, die Scheichtochter, die für ihr Land kämpft, näher zu betrachten.
Das Buch trägt außen den Ani-Titel, führt dann aber sofort auf den Inhalt der falschen Verpackung, so daß ich schon dachte, es sei eine griechisch-trojanische Absicht damit verbunden.
Es bedarf keiner weiteren Überlegung, daß eine reiche Scheichtochter samt ihrer Familie, wenn überhaupt, so nicht von vornherein etwas zur Rettung des Iraq beitragen kann, gerade weil mir Macht, Einfluß, ja, "Ewigkeit" der Stämme extrem bewußt sind.
Wie der schiitisch-islamische Scheich aber seine Kinder im Libanon eine Quäker-Schule besuchen läßt, wo sie ins Christentum eingeführt und im westlichen Sinne erzogen werden, das wirft doch wirklich viele Fragen auf, die islamische Grundsätze berühren.
Die Quäkerschule gehörte neben vielen anderen ähnlichen Einrichtungen natürlich ins Waffen-Arsenal des britischen und damit westlichen Kreuzzugs gegen den Islam, und offensichtlich bot sich das schiitische Establishment am ehesten an, die Hand der "friedlichen Kooperation" zu ergreifen.
Das Buch klärt unwillentlich darüber auf, wie mit Hilfe der Frauen und ihrer Organisationen der Westen Keile in die islamische Gesellschaft treibt; wie die emanzipierten, vom Islam emanzipierten (!) Frauen - die verwöhnten Töchter der Reichen und Herrschenden, der führenden Klassen und Kasten oder konkurrierender Stämme - zum Dolch des Kreuzzugs gegen die islamische Welt gewendet werden.
Die Rolle der Frauen bei der Entsouveränisierung unterworfener Staaten wird ein Grundthema künftiger Geschichtsschreibung werden, und man wird sich fragen, ob die politische und gesellschaftliche Gleichberechtigung, d.h. die ideologische Beseitigung der geschlechtlichen Unterschiede, ein Segen oder ein Fluch war und ist.
Ohne das Wahlrecht der Frauen wäre Hitler nicht an die Macht gekommen, wie der Spiegel schon vor Jahrzehnten festgestellt hat.
Das Prinzip "Teile und herrsche" ist so alt wie die Menschheit; die Weiber gegen die Männer und die Jungen gegen die Alten aufzuhetzen, ist so alt wie das böse Blut, das die Menschen entzweit, wenn es dem Nachbarn so gefällt.
Bei den anti-islamischen Strategien bietet es sich an, auf solche internen, quasi natürlichen Widersprüche ebenso wie auf alte Stammeszwistigkeiten und auf die historisch markanten Gegensätze etwa zwischen Sunniten einerseits und Schiiten, Kurden, Aleviten... andererseits zurück zu greifen.
Scheich Taleb hat einen wesentlich existentiellen Grund, mit dem Westen zu kooperieren: er hat keine Söhne, nur Töchter, was im Westen heute ein gesellschaftlicher Vorteil, in der traditionellen und islamischen Welt aber eher ein - mindest sozial-psychologischer - Mangel ist.
Safia ist die einzige Frau unter den Vertretern des Iraq in der internationalen Szene; nach Saddams Niederlage im Zweiten Golfkrieg kehrt sie in ihr Land zurück.
Sie gehört - wie Chalabi, der aus den USA zurückkam - dem Provisorischen Rat an, der von den Amerikanern eingesetzt worden ist, um peu à peu die Verwaltungsgeschäfte zu übernehmen.
Die Ermordung von Scheich Hakim, einem Verwandten Safias, auch ihr Vater und ihr Onkel wurden umgebracht, läßt die Gefahren erahnen, denen sie sich ausgesetzt hat.
Die historische Gegebenheit - wenn nicht Ewigkeit - der Stämme ist durchaus problematisch.
Die mächtigen, reichen und einflußreichen Stammesfamilien machen Politik erst einmal für sich selbst.
Ihre Legitimität steht und fällt mit der Frage, ob und inwieweit die Stammesführer - Scheichs - die existentiellen Interessen ihrer Clans verantwortlich vertreten, als gute Väter, die die Kinder ihres Stammes in Freiheit, Wohlstand und Gerechtigkeit führen... - oder ob sie ihre Macht über Leben und Tod ihrer Angehörigen mißbrauchen, sie nur ausbeuten unter dem Vorwand, daß "wir doch alle miteinander verwandt" seien.
Andererseits scheint mir - selbst als scheinbares Unrecht - das Urrecht des Stammesältesten stärker und authentischer als jede von außen auferlegte Gerechtigkeit zu sein.
Es ist schwer, mit einem amerikanischen Militärflugzeug in Iraq einzufliegen und sich gleichzeitig von Chalabi als dem zwielichtigen, in Jordanien wegen schräger Bankgeschäfte zu einer hohen Gefängnisstrafe verurteilten, vielleicht im selben Flugzeug angekommenen Exil-Iraqer und Bush-Favoriten zu distanzieren.
Ein paar moderne Frauen, nicht zuletzt aus dem weltlichen Umkreis der Saddam-Anhänger, mögen sich mit Safia identifizieren.
Die im Südiraq lebenden Schiiten sind weitgehend traditionell religiös; daß sie Safia als eine der ihren akzeptieren könnten, ist unwahrscheinlich.
Wenn ich mir die Bilder ansehe, auf denen ihr Vater, der Scheich der Beni Tamim, in jüngeren Jahren in westlicher Kleidung mit stolzem Hut wie ein englischer Landlord auf dem Reitpferd oder inmitten seiner Familie als Einziger in arabischer Tracht einen eitlen, dann auch wieder schwachen Eindruck macht, muß ich an seine sieben Töchter denken.
Eine Fotografie zeigt ihn, den arabischen Stammesfürsten, mit diesen westlich gekleideten Töchtern am Tisch, also in europäischen Möbeln, die Jüngste in einem schicken schenkelhohen Kleid, fast alle mit freien Schultern und für arabisch-islamische Gewohnheiten aufreizend angezogen, allein der Scheich hat sein Haupt bedeckt.
Der arme Scheich muß im Rat der Stammesfürsten sehr darunter gelitten haben, und seine Ermordung macht ihn nachträglich zum Märtyrer, der aber gewiß kein Held war, sondern eher froh, aus diesem für ihn so traurigen, auch peinlichen Leben in islamischer Umwelt endlich sich verabschieden zu dürfen.
Am 12. April 1994 wird er in Beirut von einem Besucher erschossen (242).
Scheich Taleb war ein reicher, in der arabischen Welt sehr bekannter Mann, mit vielen Freunden in den höchsten, meist westlich orientierten Kreisen, ja bis zu den Königen und Präsidenten in Jordanien, Saudi-Arabien, Libanon, Syrien... Seine Mörder kamen aus der iraqischen Botschaft in Beirut.
Safia, die nach dem Tod ihres Vaters sehr aktiv wurde, um die Verbrecher vor ein ordentliches Gericht zu bringen, erhielt jetzt viele Morddrohungen.
Der jordanische König gab eine scharfe Erklärung gegen die Mörder heraus, hatte jedoch, was die Familie ihm verübelte, dem Gefährdeten kein Asyl gewährt.
Die Familie nimmt später das Angebot des saudischen Königs an und geht ins Exil nach Riad.
Der ermordete Scheich Taleb hatte jahrelang gegen Saddams Regime in Bagdad konspiriert; er war der Überzeugung, daß Saddam nur durch einen König ersetzt werden könne und dachte an König Hussein von Jordanien, dessen Stamm der Haschemiten dafür eine geschichtliche Basis gewesen wäre.
Taleb war zu seinen Lebzeiten ein echter Feind Saddams, und seine Tochter Safia setzt die Feindschaft und den Kampf gegen Saddam im Namen des Vaters fort.
In dem Buch ist denn auch viel von Saddam und seinen Baath-Parteilern nach dem Kriege zu lesen, die der Demokratisierung natürlich Steine in den Weg legen werden, gegen sie hat der schwache Scheich immer recht, und unsere Protagonistin möchte sie vor Gericht gestellt oder zumindest einem Akt der Buße ausgesetzt sehen.
Wie steht's um den Djihad, die islamische Revolution, die Renaissance des Islam im Iraq?
11. September 2001
Mitten in unserem Schreck kommt mir plötzlich alles so absurd vor, und ich kann nicht anders, als über die Situation zu lachen: Wie erleichtert war meine Mutter gewesen, als ich Bakhtiar heiratete und meinen Wohnsitz nach Amerika verlegte. Sie meinte, jetzt endlich wisse sie mich an einem sicheren Ort, wenige hundert Meter Luftlinie vom Pentagon entfernt!
Ich schalte den Fernsehapparat ein und sehe ungläubig zu, wie ein Flugzeug in den zweiten Turm des World Trade Center kracht. Minuten später erfahren wir, daß die Explosion, die wir gehört hatten, von einem Anschlag direkt auf die amerikanische Militärzentrale herrührte.
(306)
Die Guerilla-Aktivitäten des islamischen Widerstands haben den Amerikanern inzwischen so zu schaffen gemacht, daß eine westlich moderne Safia Taleb - letztlich eine Marionette der Invasoren und Besatzer - wie die Amerikaner den Djihad zu fürchten hat und mit ihnen das Land wieder verlassen sollte.
Nicht weil sie Amerikaner bzw. Westler, sondern weil sie als Todesengel oder Begleiter des US-evangelikalen Kreuzzugs gegen den Islam in den Mittleren Osten eingefallen sind.
Solche Konsequenzen werden in dem Buch nicht bedacht, vermutlich wissen Safia und die Autorin keine Antwort auf die damit verknüpften zahlreichen Fragen, und wie ich die Töchter des verstorbenen Scheichs einschätze, leben sie lieber in den USA oder einem anderen westlichen Land als im Iraq oder sonstwo im islamischen Orient.
Sie sind zu emanzipiert, als daß sie zurück könnten, ohne Schaden zu nehmen, während ihnen im Westen jede Freiheit winkt und jeder Wunsch erfüllt werden kann.
Der Westen ist nun mal die Welt der reichen Frauen.
Das Weltreich der Frauen.
Die unerwartet verworrene Parteiensituation hat dazu geführt, daß die US-Verwaltung von ihrem ursprünglichen Vorhaben, rasch eine Übergangsregierung einzusetzen und einen verfassunggebenden Konvent einzuberufen, Abstand genommen hat. Voraussichtlich werden deshalb bis zu den mittelfristig erwarteten Wahlen die Amerikaner regieren und dabei mit einem Interimsrat, bestehend aus 25 bis 30 handverlesenen irakischen Persönlichkeiten, zusammenarbeiten.
(377)
Eine bislang unbekannte Widerstandsgruppe drohte unterdessen, alle Mitglieder des von den USA eingesetzten Regierungsrats sowie Angehörige der Besatzungstruppen zu töten. "Wir sind entschlossen, gegen jeden Soldaten zu kämpfen, der in Irak ankommt, egal aus welchem arabischen oder nichtarabischen Land", hieß es in der Erklärung, die ein Vermummter auf einer Videoaufnahme verlas. Die CD-ROM ging AP in Falludscha zu. Die Gruppe nennt sich Brigaden des Heiligen Kriegs des Imams Ali Bin Abi Taleb. Der Namensgeber der Gruppe ist ein schiitischer Heiliger.*
* http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,269675,00.html)