2003-10-03
Vom Recht auf Harald Juhnke und dem Wesen in der Verzweiflung: Tien-Lo
Susanne Juhnke mit Beate Wedekind, In guten und in schlechten Tagen. © 2003 bei Droemer Verlag
Eine jung gebliebene Westberlinerin erzählt aus den fünfziger Jahren, wo es noch ganz anders war, auch wenn man nicht an allem teilnahm, von dem da die Rede ist.
Die Erinnerung reicht noch weiter zurück. Die Kriegszeit in Deutschland. Die Mutter geht aus Ostpreußen nach Berlin. Jahre später verlassen zwei Schwestern der Mutter ihre ostpreußische Heimat, finden zu ihrem Glück keinen Platz mehr auf der dann versenkten "Wilhelm Gustloff", um auf der "Cap Arcona" nach Westdeutschland zu gelangen.
Tien-Lo Hsiao schildert vieles und erwähnt manches nebenbei, was heute nicht so gern gehört wird und unter politisch Korrekten zu Aversionen geführt haben kann.
Sie identifiziert sich mit ihrer deutschen Familie ebenso wie mit ihrer chinesischen Familie, die sie leider nie besuchen konnte, und da ihre deutschen Großeltern in Ostpreußen blieben, ist sie mit ihren drei jüngeren Brüdern traurig, nie eine Oma und nie einen Opa gekannt zu haben.
Sie lebt und denkt en famille, in harmonischen Beziehungen, und ist als Tochter eines chinesischen Intellektuellen unbefangen genug, auch über bedeutende Nebensachen zu berichten.
Sie spricht davon, wie ihre Mutter mit wenigen Russisch-Kenntnissen mehrere Frauen vor der Vergewaltigung durch eine Horde sowjetischer Soldaten bewahren konnte.
Ihr Vater, Yunlay Hsiao, studierte in Berlin und promovierte an der Friedrich-Wilhelm-Universität, der späteren Humboldt-Universität, zum Dr. phil..
Thema der Dissertation: Die Bedeutung der Formationserziehung für die Vorbereitung der Landesverteidigung in den Jugendorganisationen Deutschlands und Chinas (24).
1943!
Und am 15. April 1945, wenige Tage vor Toresschluß - über: Die Bedeutung der wohlfahrtspflegerischen Tätigkeit im Leben des deutschen Volkes in sozialpolitischer und wirtschaftspolitischer Hinsicht -, erlangt er den Dr. rer. pol. (25).
1947 gründet er den "ambitionierten Ost-West-Verlag" (26) und gibt ein politisches Monatsmagazin heraus: Die Weltkugel. Zeitschrift für den Weltfrieden.
Nach zehn Nummern: Zeitschrift für Völkerverständigung und Weltfrieden.
Irgendwie scheint alles nahtlos übers Kriegsende gegangen zu sein.
Der Vater eröffnet in verschiedenen deutschen Städten, darunter auch Berlin, China-Restaurants Tai-Tung, das bedeutet: Östlich des Heiligen Berges.
Viele Prominente - von Leni Riefenstahl bis Egon Bahr, Curt Goetz, Günter Grass, Willy Brandt, Mario Lanza, Prinz Ali Khan, Lilo Pulver - kehren dort ein (43).
Es gibt ein Bild von den Hintergründen und Umständen dieser zärtlichen und tragischen Liebesgeschichte.
Sie erzählt von Trümmerfrauen und wundert sich über manches in heutiger Zeit:
"Wenn ich an die Ausländerdiskussion von heute denke, kann ich nur sagen, daß das damals überhaupt kein Problem war. Obwohl ich durchaus nicht deutsch aussah und mein Name schwierig auszusprechen war, wurde ich von meinen Mitschülerinnen und Mitschülern immer so akzeptiert, wie ich war: Das Exotische an mir, mein Vater, der aus einem fremden Land kam - all das war eher interessant als fremd" (36 f.).
Susanne Hsiao ist eine echte Berlinerin, die Bouletten und Schrippen ißt, keine Vorurteile kennt und darum (!) vermutlich im heutigen Deutschland, das seit Jahrzehnten so viele abstruse Indoktrinationen über sich ergehen läßt, Abwehr und Feindschaft hervorgerufen hat.
Harald bittet den Vater Tien-Los um die Hand seiner Tochter, ganz förmlich, ganz herzlich, da kommen gutbürgerlich deutsche und traditionell chinesische Sitten zusammen, und das mag den einen oder anderen zu mokanten Bemerkungen verleitet haben.
Ein Münchner Klatschkolumnist verkündet, daß Harald Juhnke die "Eurasierin Susanne Hsiao" heiraten werde; Haralds "Verflossene", die Schauspielerin Chariklia Baxevanos ("Baxi"), spricht bissig von dem "Chineserl" (90 f.).
Offenbar sind wir in den siebziger Jahren angekommen, die den Ideologen als die demokratischsten gelten, in Wahrheit jedoch einen verdeckten Faschismus einleiten, der uns noch zu schaffen machen wird.
Diese Frau - Tien-Lo, das heißt Himmlische Freude - ist wirklich beispielhaft.
Nach heutiger Übung hätte sie ihren Mann schon vor langer Zeit verlassen, ihr Buch wäre eine bittere Anklage, der schneidende Abschied von einem Kerl, der sie so schmerzlich enttäuscht, der ihr Leben zerstört, ihr jegliche Hoffnung genommen hat... - und sie tut das Gegenteil, erklärt noch einmal - vor neugierigem Publikum - ihre Liebe und ihre Dankbarkeit für dieses Leben mit ihm.
"Ich wollte mit diesem Mann zusammensein, meine Liebe unter Beweis stellen, alles gemeinsam mit ihm tun, was das Leben für uns bereithielt, mit ihm Kinder haben und alt werden" (94).
Begeistert widmet sie sich ihrer Schwangerschaft (103).
"Ich empfand meine Schwangerschaft als ein himmlisches Wunder, das Schönste, was eine Frau in ihrem Leben erleben darf" (104).
So was sagt und schreibt man nicht im Zeitalter des praenatalen Megamords, da andere laut demonstrieren: "Auch ich habe abgetrieben!"
Bei der Auswahl der ersten Babyausstattung - das Kind ist noch nicht geboren, Junge oder Mädchen? - will sie "doch nicht riskieren, einen kleinen Jungen in rosa Strampelanzüge stecken zu müssen" (104), so wählt sie "unverfängliche Farben".
Harald wünschte sich eine Tochter.
"Und ich glaube, er war heilfroh, als ich gegen acht Uhr abends endlich in den Kreißsaal kam und ihn nach Hause schickte. Weder er noch ich hatten das Bedürfnis, die Geburt gemeinsam durchzustehen" (105).
Das ist im Deutschland der feministischen Zwangsvorstellungen ein Eklat sondergleichen!
Mit dieser Lebensauffassung gewinnt eine - obendrein sehr moderne und geschmackssichere - Frau hierzulande keine Freundinnen, und Ausnahmen wie Inge Wolffberg, mit der sie bei den Stachelschweinen spielte, bestätigen lediglich die Regel.
Ihr Sohn Oliver ist eben drei Monate alt, da stürzt ihr jüngster Bruder vom Europa-Center in den Tod, ohne Abschied, der Fall bleibt ungeklärt, der Vater glaubt nicht an einen Selbstmord (108).
Die Glückliche wird plötzlich vom Unglück begleitet.
Das ist das Überwältigende an dieser Himmlischen Freude, Tien-Lo, die in der ARD-Talkshow bei Beckmann sich so würdig, feinfühlig, so vornehm, weise, offen und diskret zugleich verhält, daß es einem den Atem nimmt.
Der "Teufel Alkohol" war immer dabei, von Anfang an, selten trat er in Erscheinung, doch dann um so heftiger.
"Sollte der Mann, den ich liebte, eine andere, mir unbekannte Seite haben?" (110).
Sie verliert das Vertrauen, doch nur in ihrer und der Familie Gegenwart bleibt er abstinent (114).
"Harald war Schauspieler mit allen Facetten seiner Persönlichkeit. Es ist mir wahrlich nicht immer leichtgefallen, das stets zu akzeptieren, denn manchmal mußte ich mich fragen: Spielte er nicht auch mir etwas vor?" (118).
"Nie trank Harald zu Hause. Es gibt tatsächlich viele Freunde, die Harald in all den Jahren nie betrunken erlebt haben. Selbst heimliche Gläschen trank er nur unterwegs, nie zu Hause" (126 f.).
Diese Szene ist bei Susanne besser aufgehoben als bei Broder, er hätte es nicht überlesen dürfen:
"Beim Auftaktkonzert im Friedrichstadtpalast kam es zu einem Eklat, der einmal nichts mit Alkohol, sondern mit Haralds nüchterner Solidarität zu tun hatte: Er brach das Konzert ab, nachdem das Publikum Jocelyn B. Smith mit lauten Harald, Harald
-Rufen immer wieder unterbrochen hatte. Harald fand das so unfair, daß er vor diesem Publikum nicht singen wollte. Auch in dieser besonders angespannten Situation hielt er durch und griff nicht zum Glas" (250).
Die Aufnahmen bei Beckmann müssen unterbrochen werden, weil die Frau es plötzlich nicht mehr aushält, sie verläßt vorübergehend das Studio... - was Henryk M. Broder, in Taktfragen unnachahmlich, zu seinem gewohnt-gewöhnlichen Tratschmeier-Report verführt.
Warum nur stets mit der unerfahrenen Meute und nicht mal gegen sie?
Unvergessen auch seine "Würdigung" der Berichte Antonia Rados' aus dem unter Raketenbeschuß stehenden Bagdad.
Susanne Juhnke, die Berlinerin, hat ihr Alter Ego befragt und durchs Spektakel hindurch uns eine leise Melodie zutragen lassen.
Harald Juhnke war ihr Schicksal, durch ihn ist sie - Tien-Lo - zu sich gekommen.
Die - christliche - Tochter Dschingis Khans (52) hat Berlin überlebt, ist aus ihrer Rolle als Susanne Juhnke heraus gewachsen und kann nun wieder atmen...
... befleißigen den literarischen Rat Victor de Kowas: "Ach, mein Kind, Du mußt sehr vorsichtig sein..." (70).
Was im Moment öffentlich und hinter den Kulissen abläuft, riecht nach intimem Vernichtungsfeldzug, für den es nur eine Erklärung gibt.
Wie Cleopatra in Rom, hat eine ungeschützte Königin allein mit ihrer Anwesenheit die Feinde und Feindinnen überreizt.
Niemand, der sie in die Arme nimmt...
Auch Harald Schmidt, der in seiner Show vom 2. Oktober - 23.15 in Sat.1 - nicht zögerte, Susannes Nervosität mimisch nachzuäffen, ahnt nichts von seinem Gesichtsverlust.
Da ist es ein erstaunlicher, ein wundervoller Trost, den Schauspieler Ingo Naujoks zu erleben.*
Naujoks, der Sohn eines viel zu früh verstorbenen Bochumer Stahlkochers, Ingo Naujoks - als er die Szene betritt, er kommt als Letzter der Gäste - geht auf Susanne Juhnke zu, verneigt sich, ergreift ihre Hände...
* Mit Susanne Juhnke, Beate Wedekind und Nino di Angelo am 30. September, 22.45 Uhr, bei Johannes B. Kerner im ZDF
Susanne Juhnke hinterlegt mit ihrem Buch eine Botschaft: Mein geliebter Mann, der große Komödiant, der Schauspieler und Entertainer mit seinen wiederkehrenden "Kreislaufbeschwerden", der Immenses geleistet hat...
"Wenn er aber Hochprozentiges konsumierte, war er vollkommen unberechenbar. Wie ich mir berichten lassen mußte, trank er Wodka aus dem Wasserglas, ein Glas nach dem anderen, manchmal in kürzester Zeit eine ganze Flasche, um sich in einen Zustand zu trinken, der ihn von jeglicher Zurechnungsfähigkeit befreite. Im Wodkarausch war Harald zutiefst verletzend, dann hatte ein Dämon von ihm Besitz ergriffen. Es konnte vorkommen, daß er mir regelrecht Angst einflößte. Wenn er noch mehr zu trinken verlangte und ich mich weigerte, ihm etwas zu geben, rastete er aus. Den scharfen Ton, mit dem er mich dann anschrie und mir die übelsten Beschimpfungen an den Kopf warf, will ich nicht beschreiben. In solchen Augenblicken erkannte ich meinen Mann nicht wieder... Seine Persönlichkeit war gespalten, der Alkohol hatte das Böse und das Zerstörerische in ihm geweckt" (143).
"Mein Mann ruinierte nicht nur seine Karriere. Er ruinierte seine ganze Existenz. Ganz zu schweigen von seiner Familie" (149).
Schauspieler sterben nicht, solange ein Dämon sie in der seelischen oder technischen Erinnerung aufbewahrt.
Ein großer Schauspieler dient wechselnden Dämonen, Harald Juhnke wußte es, mit dem Alkohol kämpfte nur ein Dämon gegen all die anderen.
Es war - trotz allem - Susannes Glück, daß sie sich - für Harald - so leicht und ohne Reue von ihrer eigenen Karriere hatte verabschieden können.
Und ich werde den Verdacht nicht los, daß Susanne Tien-Lo Hsiao Juhnke im heutigen Deutschland über Nacht ein Politikum geworden ist.
Seinen ersten Bühnenauftritt hatte Harald Juhnke 1948 im Haus der Kultur der Sowjetunion (Maxim-Gorki-Theater).
Vielleicht wirkt auch noch Tien-Los verstorbener Vater nach: Dr. Dr. Yunlay Hsiao.
Ein wider Erwarten wichtiges, zunehmend ernstes Buch, das gewissenhaft gelesen werden sollte.
Die Juhnke-Geschichte ist Stoff für einen Film.
Dies - Aufbereitung, Vermarktung, Verwertung und Verteilung - ist denn auch der wahre Grund für den Rechtsstreit mit Peer Juhnke, dem Sohn aus Haralds erster Ehe mit der Schauspielerin und Tänzerin Sybil Werden.