2003-08-13
Von der Dialektik des Antirassismus
Die Nichtachtung der Unterschiede
Wie das Schöpfungsprinzip sich unerwartet durchsetzt
Was tun, wenn wir ein Leben lang unwissentlich gegen ein Schöpfungsprinzip verstießen, wenn wir bis heute ein Gesetz verletzen, das sich ohne Folgen, Strafen und Konsequenzen nicht verletzen läßt?
Wenn wir die Verletzung des Gesetzes als seine Erfüllung mißverstanden haben?
Der Rassismus ist eines der großen Übel, wenn nicht das Grundübel unserer Zeit, von dem sich die anderen Übel ableiten lassen - so lautet meine Überzeugung seit ich denken kann, und ich fing sehr früh damit an.
Unterschiede erlebte, respektierte und verteidigte ich als individuelle und geistige Unterschiede, während ich ansonsten für die Gleichheit der Menschen plädierte.
Individualismus und Universalismus sind die zwei Seiten meines Bewußtseins.
An der Richtigkeit dieser Anschauung war nicht zu deuteln, für mich gab es da keinen Zweifel.
Ich identifizierte mich mit jedem, der wegen seiner Hautfarbe, seiner Religion, seiner Herkunft irgendwie benachteiligt, diskriminiert, ideell ausgeschlossen wurde.
Mein "Stamm" war die Menschheit, eine nicht eben historische Auffassung.
Als ich nach dem Zweiten Weltkrieg eines Tages wieder das Wort "Mischehe" hörte, drehte sich mir der Magen um, denn da kam auf katholische Weise nur der eben verstorben geglaubte Nazi-Rassismus und Antisemitismus zum Vorschein.
Ezra schickte die babylonischen Frauen mit ihren Kindern aus Jerusalem fort, was mich bis in die Grundfesten meiner humanen Ideenwelt erschütterte.
Das konnte und durfte nicht die Wahrheit und der Weisheit letzter Schluß sein, in diesen Fragen war ich dem abtrünnigen Juden Jesus von Nazareth näher als dem jüdischen Tribalismus.
Daß eine Ehe auf dem Konsens beruht, daß die gemeinsame Religion die Familie zusammenhält und den Stamm stark macht, verstand ich wohl auf eine eher abstrakte Weise.
Mit dem Heranwachsen meines eigenen Gründungsstammes - als einsamer Wolf und Traditionsloser mußte ich mit dem Rudel bei Null anfangen -, in dieser besonderen Konkretion wurde mir vieles klar.
Der Familienvater, der zuerst für seine Familie sorgt, war mir nun nicht mehr von nebensächlicher Natur, sondern ein Basisgedanke, selbst auf die Gefahr hin, daß darunter die demokratische Kultur leiden könnte.
Familie und Stamm waren nicht mehr verzichtbare und zu überwindende kollektive Vorstufen gesellschaftlichen Lebens, sondern das A und das O.
Alpha und Omega.
Daß sie der Anfang sind, war keine Frage, daß sie nun aber auch das Ende seien, also von der Geburt bis zum Tode ihre lebensnotwendige Gültigkeit hätten, war das Neue, war das von alters her, nur von neuem zu begreifende zeitlos Authentische.
Eine eher bittere Erkenntnis.
Jesus forderte seine Jünger auf, ihre Väter und Mütter, ihre Familien zu verlassen und ihm nachzufolgen, ein Sakrileg, das später als ein solches nicht, nicht in seiner Tiefe und Bedeutsamkeit, verstanden worden ist.
Er forderte sie auf, ihre jüdische Identität zurückzulassen, wie Abraham einst seinen heidnischen Vater Terech zurückgelassen hatte.
Erregend in der Geschichte ist allerdings, mit welcher Vehemenz und inneren Überzeugung das als vermeintlich "unrichtig" Erkannte, Verdammte und Verbannte - nämlich das Stammesgesetz! - wider jede neuzeitliche Vernunft sich immer wieder durchgesetzt hat.
Die Geschichte läßt nicht mit sich spaßen; aber was wird nun aus unserm Geschichtsbegriff?
Was bleibt von unserer Freiheit?
Was wir im "Rassismus" als das Böse erkannt zu haben glaubten, war eine Inkarnation, war das Geschichte gewordene Schöpfungsprinzip Gottes?
Unterscheidung nach seinem Auswahlprinzip?
Die kollektive Identität hat neben dem objektiven auch den subjektiven Aspekt: wer sich mit seinem Stamm nicht mehr identifiziert, sich ihm - seinem Gesetz - nicht mehr freiwillig unterwirft, hat sich eliminiert.
Die entstammte Individuation freilich ist der Tod.
Was aber ist mit dem, der ohne Stamm aufgewachsen ist, der von einem - gar "seinem" - Stamm nie gehört hat: dem von Geburt an Kastenlosen, dem ohne Familien- und Stammeszusammenhang Geborenen?
Er erfand sich die "Nation" und definierte sie als seine - wie rückerinnerte - "Rasse".
Die moderne Gesellschaft ist kein Stammesersatz, eine Wahrheit, die dem modernen Menschen unverständlich bleiben muß.
Verlorenheit hat von sich keinen Begriff - außer dem der "Nation".
Aus dem Schöpfungszusammenhang herausgefallen sein, ist - konkret begriffen - die Stammesverlorenheit.
Der moderne "Rasse"-Begriff geht über die Konkretion hinaus ins Leere und Abstrakte wie der Verstoßene oder Stammesabtrünnige.
Der Exkommunizierte und "national" neu Definierte ist kein Freier.
Wo Abfälle aufs Gesetz verweisen, bleibt "das Gesetz" - als Gesetz des verlassenen, verlorenen und vergessenen Stammes - gleichwohl das Gesetz der Individuation.
Die Restauration des Gesetzes ist die Wiederentdeckung des Stammes, ist, so absurd das heutigen Ohren auch klingen mag, die Grundbedingung für das freie und souveräne, mit sich und seiner Geschichte - als Stammesgeschichte - identische Individuum.
Eine ebenso "weise" wie unbefriedigende Antwort auf all jene Fragen.
Die Stammes-Gebiete bleiben Gottes Fügungen überlassen und darum hier unerwähnt.