2003-06-22/28
Evola gegen die Evolution
Der Traditionale gegen die Moderne
Eine Wahrheit, die sich nicht ohne weiteres in Tat umsetzen läßt
Julius Evola*, Revolte gegen die moderne Welt. Neue Übersetzung der 3., von letzter Hand verbesserten Ausgabe von Rivolta Contro Il Mondo Moderno, Roma 1969. Copyright © 1969 by Edizioni Mediterranee, Roma. Copyright © 1997 der deutschen Übersetzung und der 3. Auflage by Arun-Verlag, Ortsstr. 28, D-07407 Engerda
* Graf Giulio Cesare Andrea Evola (1898-1974), Dichter, Maler, Übersetzer, Kultur-(Transzendental-)Philosoph... - kkk
Drei Dinge fallen mir zunächst auf.
1. Evola wendet seinen Namen gegen die Evolution.
2. Der Traditionale revoltiert auf modernistische Weise.
Sein Denken läßt eine Revolte dieser Art gar nicht zu.
Die Umschwünge bleiben dem Himmel, der "Über-Welt", dem Hyperkosmos, Gott oder den Göttern überlassen.
3. Evolas Werk überlebt sein anfängliches politisches Engagement für Mussolini wie diesen selbst.
Darin Heidegger ähnlich, hat er - und hat auch Mussolini - schnell gemerkt, daß da sehr unterschiedliche Qualitäten und Spezifitäten zusammen kamen.
Mussolini soll Evolas "Kräfte" gefürchtet haben, ließ wohl auch eine Zeitlang sein Werk verbieten.
Evolas Weisheit hat mit Mussolini nichts gemeinsam.
Julius Evola kommt bald auch von der Revolte ab, der Idee, daß ein Denker ins politische Geschehen eingreifen müsse.
Als Angehöriger des alten Adels - "Sohn einer wohlhabenden sizilianischen Landadelsfamilie mit streng dogmatisch-katholischer Erziehung" und rebellischem Temperament - vertritt er das Denken seines Standes.
Ich hoffe, daß sich dahinter nicht nur vertuschte Kleinbürgerlichkeit verbirgt.
Immerhin steht da nicht "Sohn eines reichen Großgrundbesitzers", sondern "Sohn einer wohlhabenden Landadelsfamilie", vielleicht war's ein armer Strang.
Der junge Julius flüchtet sich in kleinbürgerlich-modernistische Dichterkreise, bilderstürmerische, revolutionäre Kunst- und Modeströmungen, geht freiwillig zur Artillerie, ohne in Kriegshandlungen verwickelt zu werden, beschäftigt sich mit okkultistischen Lehren, nimmt Drogen, durchlebt eine Krise, die ihn an Selbstmord denken läßt.
Evola floh - so oder so - aus seiner Kaste.
Wider sein späteres Bekenntnis zum authentischen Denken verletzt er damit ein transzendentes Gesetz.
Der familiäre Halt muß gering - falls überhaupt da - gewesen sein.
Er war ein Zerstörer, ein vom Dadaismus Verführter, der alles auf den Kopf stellen wollte.
Jeder bleibe bei sich und in seinen Kreisen.
Vielleicht erlebte er seine persönliche Evolution, um dem Imperativ in seinem Namen zu gehorchen - eine Emanation.
Sein späteres - nicht nur für ihn - authentisches Denken resultiert aus diesem Zirkelschluß, einer Selbsterkenntnis?
Er kehrt in sich und zur Kaste seiner Ahnen zurück.
Aus dem Irren und Irregeführten wird wieder - oder endlich - der Graf, der sich seiner Tradition und ihrer Weisheit erinnert.
Die erste Ausgabe der Revolte erschien 1934 im sechsunddreißigsten Lebensjahr des Autors.
Die rebellische Zeit war offensichtlich vorbei.
Mit dem - ich sage: widersprüchlichen - kompromißlos uranisch-solaren Charakter, wie es weiter im Vorwort des (namentlich nicht genannten) Herausgebers und Übersetzers heißt, steigt Evola ins Licht seiner Adelssippe - zurück.
Vielleicht erwähnenswert, daß, fern solcher Herkunft, in den kokhavischen (kuckuck) Blättern gleichartige - ansprüchlich authentische - Erkenntnisse vorgelegt worden sind.
Das Allgemeingültige wider das geschichtlich Bedingte, das Ewige über der Zeit.
Wir haben im toranischen Denken Kenntnis davon, daß alles in Gott beschlossen liege, also sei, während es in geschichtlicher Zeit erst - aus sich heraus - werde.
Geschichte ist zeitlich ausgelegtes, aufgelöstes mythisches Mosaik.
Auch Gedanken sind, erscheinen nur geschichtlich bedingt.
Alles dreht sich um unsere - lebensnotwendig unverzichtbare - Illusion (Einstein) Zeit.
Was bei Evola die Menschenwelt in unverträglich gegensätzliche Epochen - die traditionale und die moderne - aufspaltet, lebt in der Wirklichkeit neben einander her, miteinander, als unauflösbarer innerer Widerspruch.
Wir wissen, daß die ewige Ordnung existiert und wirkt, wissen, daß es, ganz unabhängig von unseren Wünschen, Kasten gibt, auch wenn sie sich demokratisch tarnen oder einfach ignoriert werden.
Wir wollen Gerechtigkeit, haben uns die Gleichheit der Menschen "vor Gott" ins Stammbuch und ins Gedächtnis geschrieben - und wissen zugleich, daß es diese Gerechtigkeit nicht gibt, auf Erden nicht einmal die Gleichheit vor Gott und seinem Gesetz.
Das Recht auf Verschiedenheit - Besonderheit! - ist jeder pauschalen Gerechtigkeit entgegen.
Dennoch halten wir an den Wünschen und Illusionen fest, weil sie uns das Leben erleichtern.
Wir kämpfen für eine bessere Welt und wissen, daß es aussichtslos - eben eine Utopie - ist.
Solche Erkenntnisse bringen uns weiter - nicht in einem evolutionären Sinn, aber als geistige Befreiung aus unseren Wolkenkuckucksheimen.
Evolution im Leben der Menschheit ist eine moderne Illusion, die davon ausgeht, daß wir soeben die Spitze der menschlichen Entwicklung erreichen und vor uns nur Minderbemittelte waren.
Wenn wir unsere Zeit hingegen als einen verdorrenden Zweig an einem uralten Baum erkennen, Mißratenes am Stamm der Wohlgeratenheit, als einen abgebrochenen Ast am Ende, der aus dem großen Zusammenhang gefallen ist, dann, ja, dann haben wir wohl etwas Richtiges erkannt, freilich auch unseren Hoffnungen und Wünschen sozusagen ein Bein gestellt.
Die große Verlorenheit zu begreifen, hat aber auch etwas Erhebendes, Augen Öffnendes, Tragisches.
Das faßte sich 1968 schriftlich zusammen, einschließlich eines Effekts, der zur Idee einer Metaphysik der Überraschung(en) verleitete.
Mir war die Ambivalenz in meinem Denken aufgefallen.
Es tat sich der Spalt zwischen Theorie, Denken, Wissen und - Tun, politischem Handeln und Wollen auf.
Wer seine Erkenntnisse in die Geschehnisse einmischt, handelt modernistisch.
Evolas Kritik des begrifflichen Denkens findet hier eine Analogie in dem Aphorismus, Begriffe sind Grabsteine des Denkens.
Die Einsicht, daß Befreiungsakte eine List des Schicksals seien, paßt in diesen Kontext, wurde aber von Evola explizit nicht so verstanden.
Dem du entrinnen willst, läufst du direkt in die Arme.
Geschichtlich bedingt?
Das zyklische Denken - kosmologisch entsprochen - enthüllt sich als Denken an sich.
Evolas Werk - in der dritten, verbesserten Ausgabe - erschien ein Jahr später, 1969.
Geschichtlich auch, weil die erste Auflage von 1934 in die Anfänge der Hitler-Zeit fällt?
Evola setzte der groben germanischen Weltanschauung eine feinere, mediterrane, lateinische Sicht entgegen.
Die geschichtlichen Ereignisse gingen daran vorbei, versandeten in der Zeit, während das Werk Evolas wie das Heideggers davon unberührt geblieben ist.
Das traditionale Denken hat es an sich und in sich, darüber zu sein.
Erlebten wir zwischen 1933 und 1969 einen Zyklus?
Oder sind die Parallelen altersbedingt - Evola war 1934 so alt wie der andere etwa 1967...
Evola versteht die kulturellen Zyklen nach dem Bilde von Aufgang und Untergang, Tag und Nacht.
Das zyklische Denken per se finde ich bei Evola nicht ausdrücklich; es hätte ihn womöglich aus den kasten-traditionalen System-Zwängen befreit; Ansätze dazu waren vorhanden.
Ein Mensch ist ein sterblicher Gott, ein Gott aber ein unsterblicher Mensch.
Das Wort ist von Heraklit überliefert (31).
Die von ihm erkannten und formulierten unumstößlichen Wahrheiten begleiten und beschützen den kuckuck wie ein guter Geist.
Heraklit denkt in der Welt des Wissens, das spätestens mit Platons Sokrates demoliert worden ist.
Dieser Schnitt scheint Evola - einem Freund von Platons Staat - nicht bewußt geworden zu sein.
Ein schwieriges Terrain, weil ständig die Welten gewechselt werden müssen, um das Wesentliche verständlich zu machen, obwohl alles doch so einfach ist.
Jeder weiß es imgrunde.
Evolas philosophisches Grundproblem ist sein Versuch, objektive Wahrheiten in der herrschenden Klasse oder Adelskaste zu verankern.
Auf diese Weise aber entwahrheitet er alles, was Bestand hat, indem er es nämlich relativiert.
Vielleicht hat er nur retten wollen, was auch für ihn bereits in Frage stand.
Zunehmende Nachdenklichkeit bringt ihn uns - auch praktisch akzeptabel - näher.
Julius Evola ist ein Denker der höheren Klasse, meine Verehrung.
Im historischen zweiten Teil seines Werks holt er noch einmal zu einem gewaltigen Zirkelschlag aus.
Evola erweist sich als schöpferisch kritischer Denker, der mit vielem aufräumt, was in der modernen Wissenschaft und Forschung als letzte Errungenschaft gilt.
Er entlarvt viel "Wissenschaft" der westlichen heutigen Welt als Mittel zu dem Zweck, das als "alt" Gedachte, das vermeintlich Überholte und Überlebte zu zerstören.
Kulturgeschichtlich hat er buchstäblich an alles gedacht, wovon heutzutage kaum noch jemand zu träumen wagt.
Evola denkt an die seinem Urteil nach geordneten Zeiten der Antike rund um den Globus, an China und Maya-Reich, das Griechenland des Heraklit, aber auch ans europäische Mittelalter und an den Islam.
Er sagt, die Welt ist nicht in Ordnung, wenn wir sie nicht transzendent anbinden an die Gesetze Gottes oder der Götter.
Auf Erden stützt er sich auf Ritus, Kastenordnung, auf unveränderliche Tradition.
Auf etwas, das offenbar unwiederbringlich ist.
Das Chaos, das er fürchtet, muß allerdings transzendente, möglicherweise auch persönliche Entsprechungen haben.
Er hat erkannt, daß es nichts nützt, die Welt verändern zu wollen, das ist traditionale Einsicht.
Es hat gar keinen Sinn, gegen das Chaos anzukämpfen, weil es "gottgewollt" ist, es wäre denn kein Gott und kein Himmel am Walten.
Die Welt ändern zu wollen und zu müssen, ist ein beispielhaft modernistischer Gedanke, der schließlich in dieses Chaos geführt hat oder zumindest seinen Anteil - seine Entsprechung, auch ein Evola'scher Begriff - daran hat.
Evolas Jugendjahre sind nun wahrhaftig von innerem Chaos gezeichnet, aus dem er schließlich heraus will, gegen das er ankämpft; modernistisch par excellence.
Die Angst vor dem inneren Chaos ist typisch für die Konstrukteure der menschlichen Gesellschaft.
Andererseits ist die unsichtbare Architektur da und wirksam, so daß vermutlich die chaotische Totale nicht erlebt werden muß.
Das geht aber auch zu Lasten unserer Freiheit und Autonomie.
Aus diesem Zirkel kommen wir nicht heraus.